Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1885)
- Date
- 1885-09-01
- Page
- Seite 572 (sequence 4)
- Language
- German
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572 größten Triumphe feierte, hat Niemand bei uns daran gedacht, daß es je wieder eine Judenfrage geben könne. Deutschthum und Liberalismus waren damals eins und unter dem frohen Eindrücke, des Concordats ledig zu sein, unter dem damals besonders der intelligente Beamtenstand und die Lehrerschaft geschmachtet hatten, proclamirte man aufrichtig auch für die Juden Gewissensfreiheit, weil man damit das Princip gefunden hatte, unter dessen Schutz man sich der clericalen Bevormundung entziehen konnte. Da kam mit einem Male der Umschlag in Deutschland; die politische Reaction konnte das Schlagwort von dem Ueberwuchern des Semitismus sehr gut gebrauchen, es wirkte, unter die Massen geworfen, wie ein zündender Funke, wir erlebten, was man in civilisirten Staaten nicht mehr für möglich gehalten hätte, blutige Judenkrawalle. Der gewünschte Erfolg war erreicht, man hatte die liberale Partei geschwächt und die Regierung begann die Ausschreitungen zu dämmen. In Oesterreich sah man die Sache Anfangs mit gewohnter Gemüthlichkeit an, man dachte sich: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen" und ließ der Sache ruhig ihren Lauf, bis zuerst von Ungarn aus sich das Echo der deutschen Antisemiten bemerkbar machte. Anfangs ob seiner sonderbaren Idee, die Juden nach Palästina zu schicken, verlacht, gelang es Jstoczy, es dahin zu bringen, daß er ernst genommen wurde. Eine Partei bildete sich, und ihre rührige Thätigkeit konnte es im Jahre 1883 bewirken, daß ein Proceß wegen rituellen Mordes Monate lang das öffentliche Interesse fesselte. wegen seiner antidynastischen Gesinnung seines Officiersranges entkleidet worden war. Bon ganz entgegengesetzter Seite erhielt Schönerer Succurs, von den Clericalen, die sonst in ihm einen erbitterten Gegner sahen. Das im Fahre 1879 eröffnete Parlament hatte oft Gelegenheit, den Antisemitismus aufs Tapet zu bringen. Zunächst wurden die Deutschen erbittert gegen die Regierung, welche den bisher am meisten ausschlaggebenden Factor vernachlässigte, man wollte alle „Auch - Deutschen" entfernen und das ging zunächst die Juden an. Dann kamen die Ultramontanen, welche zuerst gegen die moderne Schule Sturm liefen. Freilich ließen sich für den Augenblick nur kleinere Concessionen erreichen, welche sie, wie sie selbst sagten, nur als Abschlagszahlungen auf ihre Forderungen betrachteten, aber es war immerhin schon ein Schritt gethan, wenn die Schulnovelle bestimmte, daß der Leiter einer Schule derselben Confession angehören müsse wie die Mehrzahl seiner Schüler. Praktisch hatte die Sache keine Bedeutung, aber zunächst war erreicht, daß die Juden sich vom Besuche der Lehrerbildungsanstalten zurückhielten, daß man ihnen bedeutete, wenn sie sich um eine Stelle im Schulamte bewarben, sie sollten es lieber bleiben lassen, da sie es in diesem Fache zu nichts bringen könnten und endlich war der Artikel der Staats» | grundgesetze von der Gleichberechtigung aller Staatsbürger j auf geschickte Weise umgangen, ähnlich wie es die preußischen j Conservativen mit der Eidesabnahme versucht hatten. Es war! der erste Schritt zu der Entfernung der Juden ans allen! Aemtern, was diesen Herren als Ideal vorschwebte. In Cisleithanien hatte inzwischen die deutsche Partei das Signal gegeben. Seit dem Jahre 1866 war Oesterreich aus der vier Jahrhunderte lang ununterbrochen behaupteten dominirenden Stellung in Deutschland verdrängt worden, die Deutschen konnten sich daran noch immer schwer gewöhnen und so kam es, daß eine so confuse Persönlichkeit, wie v. Schönerer, dessen Bater als Ingenieur im Dienste Salomovs v. Rothschild es zum Millionär gebracht hatte, großen Anklang fand, als er zuerst für Trennung der Deutschen vom österreichischen Kaiserstaate Propaganda machte und bald, nachdem von Deutschland aus die Juden als ein der nationalen Entwickelung des deutschen Volkes schädliches Element erklärt wurden, gleichfalls sich als Antisemiten bekannte. Anfangs innerhalb und außerhalb des Parlamentes isolirt, hatte er zuerst bei der studirenden Jugend, welcher alles War nun das alte religiöse Vorurtheil, das immer mehr und mehr erwachende Nationalgefühl den Juden ungünstig, so war es das sociale in noch höherem Grade. Die Gefahr, welche die Juden für das Deutschthum bedeuteten, konnte der Bürger und Bauer im besten Falle zu begreifen vorgeben. Innerlich ließ ihn die Idee von dem historischen Gegensätze zwischen indogermanischer und semitischer Race kalt, aber daß der Capitalismus für den Handwerker und Bauer eine Gefahr sei und daß dieser Capitalismus durch das Judenthum verschuldet sei, das wurde allgemein begriffen. Unter diesem Gesichtspunkte läßt sich eine Reihe rcactionärer Gesetze verstehen, welche zum Theil unter dem Widerspruch einzelner Anhänger der Regierung beschlossen wurden. So zunächst das Wuchergesctz. Es fällt uns nicht ein, über die schwache, juristische Seite dieses Gesetzes zu Extravagante genial und alles Provocatorische mannhaft ersprechen, welches dem Richter ganz und gar das Urtheil überscheint, Anhänger gefunden. Man bejubelte ihn, wenn er bei Commersen erschien und, wenn er demagogische Phrasen zum besten gab, wie etwa, daß wir dahin gravitiren, wo man am „deutschesten" ist, so kannte der Jubel keine Grenzen. Merkwürdig ist, daß einer seiner ersten Schlcppträger in der Studentenschaft ein Jude war, ein gewisser Aschner, der läßt, welcher Fall als strafbar erscheint, es fällt uns gar nicht ein zu bestreiten, daß das Gesetz wenigstens so lange wohlthätig wirken wird, bis die nöthigen Hinterpförtchen entdeckt sind, durch welche man durchschlüpfen muß, um das Gesetz zu umgehen, aber so viel steht fest, daß schon die Discussion über das Gesetz sich auf die Judenfrage zugespitzt hat.