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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-01 · Heft 36 (1.9.1885) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 36 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 571 (sequence 3)
Language
German
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571 Die Kosten für Bekleidung und Unterricht werden im Verhältnisse zu den Resultaten, welche hier leicht erzielt werden können, verschwindend klein sein. Der Zögling dürfte der Allianz nicht höher als auf 30 Fl. jährlich zu stehen kommen. Der Unterricht, welcher 3—4 mal wöchentlich durch mehrere Stunden zu ertheilen wäre, wird entweder von einem Lehrer der in der Nähe befindlichen Schule, oder von jenem Lehrer, welchen der Grundbesitzer selbst hält, besorgt werden können. Nach dreijähriger Lehrzeit tritt der Zögling, deffen Leistungen, wenn sie dies verdienen, auch schon früher von dem Arbeitgeber nach Gebühr gewürdigt werden sollen, in die Reihe der bezahlten Arbeiter. Und wenn er den Ackerbau gründlich erlernt und einige Ersparnisse gemacht hat, mag er sich mit Hilfe eines ihm für diesen Zweck zu gewährenden Vorschusses ein kleines Grundstück pachten und es selbst bearbeiten. Auf diese Weise kann im Laufe weniger Jahre eine größere Anzahl jüdischer Ackerbaucolonien entstehen, welche nach dem Vorbilde der im östlichen Galizien zahlreichen und blühenden schwäbischen Musterwirthschaften gedeihen und eine bessere Zukunft für die massenhaft anwachsende beschäftigungslose Jugend inauguriren müßten." — Was endlich die Schulen betrifft, so erinnern sich wohl unsere Leser, daß die „Wiener Allianz" eine Art Compromiß zwischen der orthodoxen und der freisinnigen Partei zu Stande gebracht und in Lemberg ein sog. „ Centralcheder" errichtet hat, in welchem dem hebräischen Unterricht ein weiter, selbst die strenge Orthodoxie befriedigender Spielraum gewährt ist, die hebräischen Fächer von 17 Melamdim mit ca. 20 Gehülfen, die profanen von 8 geprüften Lehrern unter dem Direktor Landes gelehrt werden. Die Hauptsache ist dabei das schön geordnete Schulhaus und die Disciplin. Die Schule zählt jetzt ungefähr 500 Zöglinge; die Leistungen der Kinder in den profanen Gegenständen sind überraschend. Diese Lehranstalt, so mangelhaft sie auch vom pädagogischen Standpunkte noch ist, findet großen Anklang im Lande und ruft Nachahmung hervor. Vorzüglichen Erfolg hat die von der Allianz in Sablocie gestiftete Schule, die in Jahresfrist von 30 Zöglingen zu 90 stieg und nothwendig eine Vergrößerung des Schullokals erfordert, da viele Kinder deshalb abgewiesen werden müssen. Ebenso blüht die in Brody errichtete Nachmittagsschule für die Talmudthorajugend, die über 80 Schüler zählt. In Stry hat die Allianz einen Religionslehrer angestellt, da bis vor einem Jahre daselbst über 600 die öffentliche Schule besuchenden jüdischen Kinder ohne jeden Religionsunterricht geblieben waren. In Bolechow steht es mit der Schule schlecht, weil in dem Schulcomits zwischen den Orthodoxen und Freisinnigen über das Zeitmaß des hebräischen Unterrichtes ein Zwist ausgebrochen. Interessant, freilich auch traurig, liegen die Verhältnisse in Stanislau, was wir jedoch hier des Raumes wegen nicht näher schildern können. Es versteht sich, daß auch auf diesem Gebiete erst ein Anfang gemacht worden, der einer langen consequenten Pflege bedürfen wird, bevor die Resultate durchgreifend sein können. — Die „Wiener Allianz" hat hier ein großes Feld der Wirksamkeit gefunden, und es liegt hierbei die Nothwendigkeit vor, das begonnene Werk mit aller Kraft und allem Nachdruck fortzusetzen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß, wenn der Funke der Civilisation in einer jüdischen Bevölkerung erst angezündet worden, sich bald daraus eine leuchtende und wärmende Flamme entwickelt, welche die ganze Masse durchdringt. Die Juden auch der westlichen Länder waren im vorigen Jahrhundert in derselben Lage, wie jetzt noch die galizischen. Deshalb können wir dem von der Allianz begonnenen Werke die besten Hoffnungen widmen. Aber es ist nicht zu verkennen, daß die Kräfte der Wiener Allianz in ihrem gegenwärtigen Maße nicht ausreichen, um die, mit voller Sachkenntnis und redlichstem Eifer projektirten Anstalten und Einrichtungen ins Leben zu rufen und zu einer segensreichen Blüthe zu bringen. Es ist nothwendig, daß ihr viel bedeutendere Summen, als sie gegenwärtig besitzt, zu Gebote gestellt werden müssen, und zwar durch eine zahlreichere Mitgliedschaft und durch Spenden zu diesen Zwecken. Nun ist es allerdings zunächst die Pflicht der österreichischen Glaubensgenossen, für diese, für sie so dringende Angelegenheit einzutreten. Aber wir dürfen uns in solche kleinliche geographische Grenzen mit unserer Theilnähme und Thatkrast nicht einschränken, und so hoffen wir, daß in Anbetracht der großen Bedürftigkeit der galizischen Juden und der heilsamen Wirksamkeit, die hier geübt werden kann, sich auch anderswo menschenfreundliche und wohlthätige Herzen für das eben gezeichnete Werk finden, und sich viele freigebige Hände dafür öffnen werden. Wir dürfen nicht vergessen, daß in Galizien für unsere Glaubensgenossen Gleichstellung und gesetzliche Sicherheit vorhanden sind, so daß die civilisatorische Arbeit nicht etwa durch Despotismus und Anarchie immer wieder in Frage gestellt wird. Was hier also geschaffen wird, hat Bestand und freie Entwickelung. Brünn, im August. Nalioualitatsgefühl und Locialpolitik im Kampfe gegen das Indenthum. Ein Beitrag zur Judenfrage in Oesterreich. Bon vr. G- Deutsch. Als im Jahre 1866 die absolutistische Politik Fiasko gemacht hatte und der constitutionelle Liberalismus seine 36*

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