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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-25 · Heft 35 (25.8.1885) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 35 (25.8.1885)
Date
1885-08-25
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 beschäftigt. — Es waren unter 63 Juristen, die dieses Jahr die Universität zu Warschau besuchten, 20 Juden; von 6 Studenten der Philologie 1 Jude; von 9 der Physik und Mathematik 2 Juden und von 10 der Philosophie 4 Juden, die eben das Studium absolvirten. — Unter den Besucherinnen der Handwerker-Schule für Mädchen zu Kiew befinden sich 19 Jüdinnen. Moses Feinkind. Großbritannien. London, im August. Seiner Zeit hat der Roman „Daniel Deronda" von George Eliot, welcher seinen Stoff aus den Kreisen des Judenthums und der Juden genommen, großes Aufsehen erregt. Um so intereffanter ist es, was die Berfafferin über ihr Werk an Mrs. Beecher Stowe schrieb, wie es in den jetzt von ihrem Gatten I. W. Croß herausgegebenen Briefen und Tagebüchern zu lesen ist.: „Gerade, weil ich wußte, daß die gewöhnliche Stellung der Christen gegen die Juden, im Lichte des Glaubens, den sie bekennen, ich weiß nicht, ob mehr gottlos oder mehr dumm zu nennen ist, fühlte ich mich gedrängt, die Juden mit dem größten mir möglichen Berständniß und der größten Sympathie zu behandeln. Wir abendländischen Völker, die wir im Christenthume groß geworden sind, haben gegen die Jsra eliten eine besondere Schuld abzutragen, und — ob wir sie anerkennen oder nicht — eine Gemeinschaft mit ihnen auf moralischem und religiösem Gebiete. Giebt es etwas Wider wärtigeres, als Leute, die sich gebildet nennen, Scherze über jütische Sitten machen und in Beschimpfungen sich ergehen zu hören, welche die völlige Unkenntniß der Beziehungen, die zwischen Juden und Christen herrschen, verrathen? Sie wißen kaum, daß Christus ein Jude war. Für mich ist diese! Berständnißlosigkeit für die Geschichte, welche den Boden für; uns bereitet hat, diese Unfähigkeit des Jntereffes für Lebens-. formen, welche von den unsrigen abweichen, der schlimmsten j Art des Unglaubens nahe verwandt. Das Mildeste, was darüber zu sagen, ist, daß sie ein Zeichen der geistigen Beschränktheit — in ehrlichem Englisch — Dummheit ist, welche noch immer das durchschnittliche Maß unserer Cultur bezeichnet." Diese goldenen Worte sind wohl werth, aufbewahrt zu werden. Ein Corr. der „Boss. Ztg." bemerkt zu ihnen: „Daniel Deronda ist ein ganz eigenartiges Buch, besonders wenn man erwägt, daß es von einer Engländerin und bereits 1876 geschrieben ist. Denkt man an den Haß, der sich seitdem über das jüdische Volk, insbesondere von Seiten der Deutschen entladen hat, so hat das Buch etwas geradezu Divinatorisches. Die Berfafferin entfaltet darin eine imponirende Kenntniß des Judenthums, nicht nur seiner Geschichte und äußeren Stellung unter den Völkern, sondern auch des in diesem Volke pulfirenden inneren Lebens. Wie eine große Schutzrede tönt es aus den edlen Typen eines Daniel, Mordechai, einer Mirah und selbst aus der harten Mutter Daniel's zu uns herüber. Man ftagt sich beim Lesen des Buches wieder und immer wieder: „Woher diese Kenntniß?" Und man gelangt nur zu der einen Antwort: „Weil die Verfasserin eine Dichterin war, die aus ihrem mit der Menschheit sympatifirenden Herzen schrieb." Jedenfalls hatte Georg Eliot das Judenthum erst tüchtig studirt, weil sie sonst trotz aller dichterischen Intuition die Sitten und Gebräuche der Juden nicht so treu detaillirt hätte schildern können, so daß ihrer Feder nur einige wenige kleine Jrrthümer entflossen. Wir unsererseits können trotz der Meisterschaft in den Psychologischen Zeichnungen, trotz des gerechten, wohlwollenden und erhebenden Geistes, der überall in dem Werke herrscht, trotz des großen Verdienstes, den das Werk besitzt, in dem Ganzen desselben doch nur eine irrthümliche Anschauung von dem Wesen des Judenthums und den Tendenzen der Juden erkennen, was auch der Verfasserin nicht unempfunden blieb, da sie ihr Werk mit — einem Fragezeichen endet. Deronda geht nach dem Orient; aber was er da findet und was aus seinen Plänen wird, darüber schweigt die Dichterin weislich. Wir verweisen auf unsre Besprechung Jahrg. 1870 S. 815. London, 6. August. Für Sir Moses Montefiore wurde am 5. d. in der portugiesischen Synagoge in London ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalten, der sehr zahlreiche Betheiligung hatte. Die Synagoge war durchweg schwarz drapirt. Der Sitz des verstorbenen Patriarchen war ebenfalls schwarz ausgeschlagen und mit einem Lorbeerkranze geschmückt. Die gesammte jüdische Geistlichkeit war in vollem Ornate versammelt. Die Vorstände der verschiedenen jüdischen Gemeinden Londons und der Anglo-Jewish-Affociation, sowie Lord Rothschild, Sir Albert Sassoon, sowie die Herren Arthur Cohen und Joseph Sebag befanden sich unter den Anwesenden. Der stellvertretende Oberrabbiner vr. Hermann Adler hielt die Gedächtniß- Predigt, in welcher er in eindrucksvoller Weise die ruhmvolle Laufbahn des verstorbenen Philanthropen schilderte. — Sir Moses Montefiore hat seinen Neffen Mr. Joseph Sebag zum Universalerben seines bedeutenden beweglichen und unbeweglichen Vermögens eingesetzt. Das „Jewish Chronicle" veröffentlicht einen kurzen Umriß des Testaments Sir Moses j Montefiore's. Dasselbe ist vom Januar 1882 datirt und füllt 20 große Foliobogen. Der Werch des persönlichen Eigenthums des dahingeschiedenen Philanthropen wird auf Lstrl. 350000 bis Lstrl. 380000 angegeben. Die Legate für wohlthätige Zwecke und Stiftungen dürften sich auf circa Lstrl. 60 000 belaufen, wovon Lstrl. 30000 auf gottesdienstliche und wohlthätige Institutionen in Jerusalem und im heiligen Lande, und Lstrl. 15 000 auf wohlthätige Anstalten in London und Ramsgate entfallen. Ungefähr Lstrl.

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