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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-25 · Heft 35 (25.8.1885) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 35 (25.8.1885)
Date
1885-08-25
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
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SH? zutreten und auch Andere, die ihr im Boruriheil mißtrauisch l entgegenstehen, zu bekehren und zu gewinnen. Wollten das doch die Leipziger Commilitonen beherzigen. XXX. Aus der Provinz Posen, im August. Lol-Aidre. IV. (Schluß.) In den vorangegangenen Artikeln ist nachgewiesen worden, daß das Kol-Nidre, in sittlicher Beziehung als verwerflich, in religiös-wissenschaftlicher als weit über das Ziel geschossen, in grammatisch-sprachlicher sogar als schülerhaft zu bezeichnen ist. Daß das Kol-Nidre trotzdem sich einführte, verdankt es lediglich der mächtigen, mit großem Ansehen gepaarten Thatkraft des Rabbenu Thamm, dem es unter Anderem — nicht immer Rühmlichem — gelang, auch eine neue Gebetriemen- Garnitnr ins Leben zu rufen, welche noch heute, wenn auch vereinzelt, unter dem Namen R. Thamms - Tefillin (Menachot 34, 2) bei den Anhängern derselben im Gebrauch sind, indem diese, und zwar nach Absolvirung der gewöhnlichen Tefillin, separat angelegt werden. Sieht es nicht wie eine Ironie des Schicksals aus, daß jene Tefillin, obgleich sie noch Niemandem etwas zu Leide gethan haben. Wenige auch nur kennen; das Kol-Nidre aber, trotzdem es schon zu so mancher Herbheit führte, so zahlreiche Verehrer hat? Sei dem indeß wie ihm wolle! Es steht fest, das Volk hat das Kol-Nidre lieb, d. h. das Volk freut sich der Einleitung, wie sie ihm alljährlich zu Beginn des abendlichen Gottesdienstes des Bersöhnungsfestes geboten wird und möchte sie nicht entbehren. Gut, diese Einleitung soll ihm erhalten bleiben. Es soll dem Volke überhaupt, und ganz besonders auf dem Gebiete des Glaubens, niemals Etwas genommen werden, wenn man nicht zugleich in der Lage ist, selbiges durch Besseres zu entschädigen. Denn das Volk bedarf des Glaubens und kann dessen nicht entrathen. So lange nämlich der Mensch fürchtet und hofft, — und wer, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, hat nicht noch etwas zu fürchten oder zu hoffen? — so lange drängt sich ihm auch das Bedürfniß, an irgend etwas zu glauben, unwillkürlich auf. Nun ist es Sache und Aufgabe einer gewissenhaften geistlichen Leitung des Volkes, darüber zu wachen, daß sein Glauben nicht in Aberglauben entarte. — Thut sie das nicht, sondern zieht es ihrer Bequemlichkeit wegen vor. sich schieben zu lassen, so treibt sie ein ihr selbst gefährliches! Spiel. Dann verdient fie erst die Borwürfe, die der Prophet (Ezechiel 34, 2 u. f.) dieser Sorte Hirten so trefflich macht, so wird auch die Strafe der Absetzung, die er ihnen (V. 10) in Aussicht stellt, nicht gar lange auf sich warten lassen. Genugsam ist es bekannt, wie arg es im jetzigen Judenthume um die religiöse Ceremonie steht; diese bedarf keines Pflegers mehr, da fast kein Gefühl für sie vorhanden ist. Noch weniger Boden aber hat in diesem Judenthume der Aberglauben, und wer etwa diesen zu pflegen sich berufen fühlen wollte, der würde sich bald als überflüssig ausgeschieden sehen. Allein die Vernunft vermag vor dem Aberglauben zu bewahren. Freilich nicht die Vernunft der Sinai-Gemeinde zu Chicago und mancher anderen Leute, weil sie einen von dem hier vertretenen, ganz verschiedenen Standpunkt einnehmen. — Leider steht nachgewiesenermaßen unserem Kol-Nidre selbst wahre Vernunft nicht zur Seite. Ja, das Gegentheil ist der Fall: die Vernunft steht ihr schnurstracks entgegen. In krassem Aberglauben wurzelt daher die Verehrung, die ihm zu Theil wird. — Legen wir deshalb dem streitigen Stücke einen vernünftigen Gehalt unter und sorgen zugleich für Erhaltung der, seitens des Volkes diesem Stücke zugewendeten Gunst, indem wir demselben auch äußerlich durch Ebenmaß, Melodie und dreimalige Wiederholung die bisherige Form wahren, und schon wurzelt die Gunst des Volkes in der nothwendigen Vernunft und seine Verehrung wird dem himmlischen Glauben zu Theil. — Demgemäß sagte ich mir, müßten die Attribute eines, jenes Abends und jener Stelle würdigen Stückes folgende sein: 1) Müßte es die hohe Bedeutung des Tages würdig einleiten und somit die Bekennung der im vorherigen Jahre begangenen Sünden zum Inhalte haben. Nur so schließen alsdann sich die Bibelverse rrr:: und s: rbo als Bittgebet um Vergebung eben dieser Sünden passend an. 2) Müßte das Stück deshalb die wesentlichen Merkmale der Buße überhaupt: Beichte, Reue und den Vorsatz der Besserung, enthalten. 3) Müßte es die Form des bisherigen Kol-Nidre wahren, damit die alte Melodie desselben, welche beizubehalten ist, leicht und bequem sich anpasse. 4) Müßte es der allgemeineren Verständlichkeit wegen in hebräischer Sprache abgesaßt sein. Außerdem, der alten Gewohnheit gemäß, dreimal vorgetragen werden. Ich erlaube mir, ein diesen Bedingungen entsprechendes Stück hier folgen zu lassen. Es lautet:

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