Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-25 · Heft 35 (25.8.1885) · p. Seite 555

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 35 (25.8.1885)
Date
1885-08-25
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227591--42870-3311464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

555 zeit der römischen Macht waren zwei Söhne Jerusalems nach Rom gewandert und sollen hier die erste christliche Kirche errichtet haben. Auf diesen Grund hin nahm, nachdem das Christenthum den abgestorbenen, zersetzten Paganismus besiegt hatte, die römische Kirche die Herrschaft über die ganze Erde in Anspruch, die geistliche wie die weltliche. Wie früher Rom die Culturen der Völker benutzte, um die Gewalt über sie auszuüben, so benutzte die römische Kirche das bereits durch viele Völker verbreitete Christenthum, um ihre Macht über dieselben zu erlangen und auszuüben. Es gelang ihr dies über den einen großen Tbeil der christlichen Welt, während der andere der griechischen Kirche anheimfiel. Allerdings erstand spater aus dem Studium des alten und neuen Testamentes ein mächtiger Abfall von ihr, der den ganzen Norden Europas von ihr trennte, und die fortschreitende Cultur, Philosophie und Wisienschast erregten auch in den ihr treu gebliebenen Völkern den Geist des Widerspruches und Gegensatzes. Trotz aller Stürme jedoch, trotz der vielen blutigen Kriege, welche die römische Kirche zwischen den Nationen und im Schooße derselben anfachte, besteht sie doch noch heute und erhebt sich aus jeder Niederlage mit zähester Kraft; und wenn Rom zum Mittelpunkt des geeinigten Italiens, also eines selbständigen Staates geworden, so hat sich doch eben daselbst die römische Curie selbständig und mit der vollen Freiheit der Bewegung erhalten. Wie dem auch sei, die Pforten des Friedenstempels wurden in Rom von seinem ersten geschichtlichen Auftreten bis zum heutigen Tage selten geschlossen und immer nur auf sehr kurze Zeit. Dies ist der Unterschied. Jerusalem wollte die religiöse Idee mit allen ihren sittlichen und socialen Consequenzen der menschheitlichen Cultur auf dem Wege der freien Entwickelung übergeben und einpflanzen, und vollbrachte und vollbringt dies durch die aus ihm entsprungenen drei Weltreligionen und durch sein dem Menschengeschlecht überliefertes Schriftthum. Rom hingegen wollte die Herrschaft über die Welt, das alte durch die Gewalt der Waffen, das spätere durch alle Mittel, welche ihm die Völker in den verschiedenen Zeiten je nach der Stärke des Glaubens, den sie ihm zuwandten, zu Gebote stellten, der Culturentwickelung und der Geistesbewegung die Wege und Grenzen anweisend und über diese hinaus hemmend. Nichts hat die Zersetzung der alten Welt so erwirkt und gefördert, wie die römische Herrschaft. Was die Graeco-Macedonier an den Persern, Syrern und Egyptern angefangen, das vollendete Rom in großem Umfange an den Griechen voran und an allen Völkern der alten Welt, nämlich durch die Unterbindung ihrer Leoensbedingungen, durch die Unterdrückung ihrer ganzen eigenthümlichen Cultur. Dieser Auflösung entgegen, sandte Jerusalem in das Abendland das Christenthum, in das Morgenland den Islam, um die Menscheit durch die Barbarei hindurch von Neuem auf die Wege der Cultur zu bringen, während es sein eigenstes Erzeugniß, das Judenthum, in alle Länder wandern ließ, um seine Lehre treu und unvermischt und die Kenntniß seines Schriftthums in der Ursprache zu erhalten. Berlin, den 4. August. Aus studentischem Kreise. Als in der hochfluthenden Bewegung einer trüben, haßerfüllten Aera ein tiefer Spalt durch die hiesige und bald auch die andern Studentenschaften hindurchging und zwei im wüthenden Haß einander gegenübertretende Parteien schuf: den Sonderbund der „deutschen Studenten" und die freie wissenschaftliche Vereinigung zur Bekämpfung jener Exclusivität, da schien uns Juden, um die der Kampf entbrannte, die durch das Alles, was so unerwartet sich gegen uns häufte, aufs Heftigste erschüttert worden, jede Hoffnung eine eitle zu fein, daß die einmal von antisemitischen Neigungen erfaßten Commilitonen jemals von denselben lassen würden. Uns schien unsere studentische Generation für Ideale, für Humanität und Gerechtigkeit verloren und wir beklagten unser deutsches Vaterland wegen seiner es beschämenden Söhne. Damals war es, als im heftigsten Für und Wider um die Rechte der jüdischen Commilitonen gefochten wurde, wo endlich die so Angegriffenen es müde wurden, sich vertheidigen zu lassen und mit souveränem Lächeln der Erhabenheit oder mit weltschmerzlicher Verdüsterung des Gemüthes apathisch allem Schlimmen entgegenzusehen, damals—vor drei Jahren — wo eine begeisterte und unverdrossene Schaar Gleichgesinnter auf die Arena trat, um das hellblitzende Schwert der jüdischen Wissenschaft zu schwingen. Wir bildeten damals den akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur, von dessen Gründung und weiterm Ergehen wir Ihnen wiederholt Mittheilung gemacht haben. Wir stellten uns aber bei diesem Unternehmen nicht als Juden auf den Kampfplatz, wir suchten im Interesse der Wahrheit zur Ehre und Würdigung einer so sehr und absichtlich verkannten Wissenschaft — das Geistesleben des Judenthums — als begeisterte Jünger jeder Wissenschaft und Verfechter aller angegriffenen Ideale, — für unsere Sache zu wirken, indirect, als Unparteiische, als keine Religionsgemeinschaft, sondern als Commilitvnen auf Commilitonen, und deshalb um so wirksamer. Um stets innerhalb des akademischen Horizontes zu bleiben, glaubten wir die Bewegung und Anregung zu einem solchen Vereine aus der Studentenschaft allein hervorgehen lassen zu müssen. Keiner von den Koryphäen stand an der Wiege desselben, aber dem gewordenen flogen die Sympathien von allen Seiten entgegen und hervorragende Geister fanden sich bereit, unfern Kampf mit den Waffen der Wissenschaft zu unterstützen. Ich verweise unter Andern auf unser Ehrcn- 85*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.