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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-25 · Heft 35 (25.8.1885) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 35 (25.8.1885)
Date
1885-08-25
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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554 nicht lange, denn schon 636 eroberten die Mohamedaner unter dem Kalifen Omar die Stadt, und vier und ein halbes Jahrhundert hatte sie Ruhe. Da wurde sie der Mittelpunkt, der eigentliche Kampfpreis jenes furchtbaren Ringens zwischen dem Occident und Orient, das man „Kreuzzüge" nennt. Wie mals zogen aus den Thoren Jerusalems blut- und beutegierige Horden aus, um Völker zu unterwerfen und ihrer Freiheit zu berauben, ihr Hab und Gut zu plündern. All' die Herrschaft, oder vielmehr all' der Einfluß, den Jerusalem auf die Menschheit ausgeübt, bestand in den Lehren, die es veroft sie da, balv von den Christen, bald von den Mohame-! kündete, in den Institutionen, die sein Geist geschaffen, in dauern erstürmt unv halb zerstört ward; wie oft in ihren dem heiligen Wort der Religion und der Gesittung, das es Straßen das Blut der Besiegten in Strömen floß, hat die Geschichte verzeichnet. Und doch wurden mitten in diesem Kampfe in Jerusalem und dem h. Lande die Keime einer neuen Cultur, einer civilisatorischen Wechselwirkung zwischen Occident und Orient gelegt. Aus der Herrschaft der Turkomanen ging ausgesprochen und zunächst durch seine Söhne verbreitete. Es war niemals die Metropole menschlicher Macht und Gewalt, sondern immer nur die Metropole der religiösen Idee. Das war es, wie wir sahen, von seinen ersten Anfängen an und blieb es bis zum heutigen Tage. Aber Rom? In allen Jerusalem in die Gewalt der Osmanen im Jahre 1517 über^ Zeiten, seitdem es erstanden, war die Tendenz Roms : Unter« und verblieb bis zu unseren Tagen in deren Gewalt. Einst war | sie die „schön gebaute", mehrere Hügel einnehmende und die dazwischen liegenden Thäler ausfüllende Stadt, welche oft zur Zeit der Waüfahrtsfeste über zwei Millionen des gesetzestreuen Israel in und um sich versammelt sah. Jetzt ist sie eine von engen und krummen schmutzigen Gassen durchschnittene Stadt, welche nur denen erhebende Empfindungen einzuflößen vermag, die mit begeisterter Seele den Traditionen und den Spuren der Vorzeit nachgehen. Doch vermehrt sich ihre Bevölkerung stetig und zwar am meisten durch die sich hier ansammelndcn Juden, welche bereits die dortigen Mohamedaner und Christen zusammen an Zahl übersteigen. Die schmählichen Verfolgungen der letzten Jahre haben in vielen jüdischen Herzen die Erinnerung an Jerusalem wieder geweckt und belebt und ihre Blicke dahin gerichtet, lind vor den Thoren der Stadt erbauen die Europäer große Heimstätten für die Pilger, Krankenhäuser, Klöster, Wohnungen, mir c.llnn europäischen Zubehör.-Und Rom? Auch Rom wuchs aus einem kleinen Anfang zu einer gewaltigen Stadt heran, trotzdem es wie Jerusalem mitten in einer öden, unfruchtbaren Campagna liegt. Geschmückt ward es mit prachtvollen Palästen und Tempeln, Kampfplätzen und Theater, mit einer unermeßlichen Zahl der glänzendsten Kunstwerke. Aber auch Rom wurde wiederholt von Feinden erstürmt und verwüstet, und erstand immer von Neuem. Viele seiner herrlichen Gebäude und Kunsterzeugnisse wurden zertrümmert, letztere in die Kalköfen geworfen, jene zum Theil in christliche Kirchen verwandelt. Auch im Mittelalter war es der Schauplatz unaufhörlicher blutiger Kämpfe, und oft genug mußten feine Herrscher flüchtigen Fußes es verlassen. Aber zwei Male wurde Rom die Beherrscherin eines großen Theiles der Erde. Was ist nun der Unterschied zwischen Jerusalem und Rom? Was macht den verschiedenen Charakter dieser beiden weltgeschichtlichen Städte aus? „Bon Zion geht die Lehre aus, und da» Wort des Ewigen von Jerusalem" (Jesaias 2, 3.). Nur die Idee, die religiöjen und sittlichen Ideale sind es, welche das Leben und die Bedeutung Jerusalems ausmachen. Niewcrfung aller Völker unter seinen Willen, unbedingter Gehorsam gegen seine Befehle nnd Vorschriften. Aus allen Legenden, welche die erste Periode der römischen Geschichte umhüllen, geht hervor, wie die kriegerischen Römer auszogen, um die benachbarten, dann die italischen Bolksstämme nach und nach zu bezwingen, alsdann sich Nordafrika, Spanien, Griechenland, Dacien und Vorderasien bis zum Euphrat und Tigris zu unterwerfen, Gallien und einen Theil Britanniens und Germaniens zu erobern. Wo es in einem Lande streitende Parteien traf, nahm es sich der schwächeren an, um die stärkere zu besiegen und dann das ganze Land zur römichen Provinz zu machen. Tahin sandte es dann seine herrsch- und beutegierigen Prätoren und Procuratoren, welche das Volk aussogen durch Contributionen und Steuern und jeden sich regenden Widerstand durch Massenmorde erdrückten. In allen Länvern hemmten und vernichteten sie die nationalen Culturen unter ihren ehernen Tritten und schnitten z deren Entwickelung ab, indem sie deren welke Reste nach Rom i verpflanzten. Und was gab ihnen Rom dafür? Die Reich-! thümer der Welt wurden hier, meist in unsinniger Weise, i verpraßt, eine die griechische nachahmende und nur in einigen Producten über das Mittelmaaß sich erhebende Literatur und i Kunst mühsam geschaffen, und das Sittenverderbniß in Staat! und Gesellschaft aufs Aenßerste getrieben. Außer Straßenbau! und Wasserleitung, welche zu militärischen Zwecken durch das j ganze weite Gebiet angelegtwurden,rühmtmandas römischeRecht als ein großartiges Erzeugniß des römischen Geistes. Es ist dies anzuerkennen, obschon zu gleicher Zeit die Söhne Jerusalems hier und in Babylon ein gleiches Recht schufen, das jedoch seine Stützen in der Religion und Gottesfurcht suchte — nach der Lage der Dinge nahm jenes die Herrschaft über die Völker in Anspruch, während dieses im Kreise der Nachkommen von Juda verblieb. Dieses römische Recht hat aber auch das nationale Recht jedes anderen Volkes unterdrückt und dadurch die Entwickelung des Rechtsgesühls und der nationalen Sitte geschädigt, bis die Nationen lernten, das Joch des römischen Rechtes abzuschütteln. — Noch zur Blüthe-

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