Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- Seite 548 (sequence 12)
- Language
- German
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548 ein Wort über den kläglichen Ausgang des Stöckerprozesses verlauten zu lassen. Unter solchen Umständen sind die Wahlaussichten für die liberalen Parteien keine besonders erfreulichen. selbst dann nicht, wenn ein Compromiß zwischen der freisinnigen Partei und den Nationalliberalen zu Stande kommt, wovon aber bis jetzt nichts verlautet. — Nach den Berichten unserer Pastorenblätter, die nach Beendigung des Stöckerprocesses tagtäglich Zustimmungserklärungen für Herrn Stöcker brachten, mußte es für den Fernstehenden den Anschein gewinnen, als ob unsere gesammte Geistlichkeit für den Herrn Hofprediger Stöcker eintrete und sein Thun und Treiben ohne Weiteres gut heiße. Dem ist jedoch nicht so. Wie jetzt nämlich verlautet, hat doch eine Anzahl Geistlicher so viel Charakter gezeigt, sich nicht an den Zustimmungsadresien, wie sie nach dem Ausgange des Prozeßes Herrn Stöcker von sämmtlichen Synoden des Minden Ravensberger Landes zu gingen, zu betheiligen. So hat in Minden die gesammte I Stadtgeistlichkeit sich dagegen erklärt; in Bielefeld, der Metropole des sogenannten Freisinns, hat ein Geistlicher den Muth gefunden, zu protestiren. Bor allem aber verdient ein junger Geistlicher in Oeynhausen Erwähnung, der trotz aller Ueberredungskünste feiner Amtsbrüder sich nicht bewogen gefühlt hat, eine Adresse zu unterschreiben. Daß er dafür vor versammelter Synode sich von seinem Superintendenten als „Schwächling" hinstellen lassen mußte, wird der Herr wohl zu verwinden wissen, umsomehr, als die freisinnige Gemeinde in Oeynhausen treu zu ihrem Pfarrer steht und ihn gerade seit jener Zeit besonders hoch hält und verehrt. LDesterreich-Ungarn. Pest, 4. August. Wie in Ungarn jenes scheußliche Wahngebilde fortwuchert, stets unter der Oberfläche liegt, und bald hier, bald da hindurchbricht, davon wieder ein Beispiel: Eine rumänische Zeitung erzählte vor einigen Tagen aus Fogaras in Siebenbürgen, daß eine aus Muckendorf gebürtige und bei einer Israelitin in Fogaras bedienstete Magd spurlos verschwunden und im Publikum die Meinung verbreitet sei, die Vermißte müsse einem rituellen Morde zum Opfer gefallen sein. Der erwähnte Fall verhält sich, wie uns aus glaubwürdiger Quelle nunmehr mitgetheilt wird, folgendermaßen An dem Tage, an welchen das in Fogaras stationirte Bataillon des 2. Infanterie-Regiments die Stadt verließ, um zu den Regimentsübungen abzurücken, verschwand auch die bei der israelitischen Hebamme bedienstete Magd. Frau Krauß ließ überall nach dem Verbleib der Magd Nachfragen und ver ständigte, nachdem die diesbezüglichen Nachforschungen sich als erfolglos erwiesen, den in Muckendorf wohnenden Vater des Mädchens von dem Verschwinden desselben. Der Vater des Mädchens kam nach Fogaras und konsultirte einen — Wahrsager. Das moderne Orakel that den delphischen Spruch, das vermißte Mädchen befinde fich in einem festgemauerten Gewahrsam und jammere um Befreiung aus seiner lebensgefährlichen Gefangenschaft. Der Pöbel legte sich den Orakelspruch im Handumdrehen ä la Tißa-Eßlar zurecht. Die Aufregung ward trotz der zeitgemäßen Aufklärung der Behörden immer größer und im selben Maße wuchs auch die Besorgniß der Israeliten in Fogaras. Das Räthsel sollte aber bald seine natürliche Lösung finden. Ein Fischer aus Bethlen (bei Fogaras) fischte den Leichnam eines Mädchens aus dem Altfluß uud erstattete die Anzeige nach Fogaras. Die Kommission konstatirte, daß an dem Leichnam, den der Muckendorfer Insasse als den seiner verschwundenen Tochter rekognoszirte, nicht das geringste einer gewaltsamen That vorhanden ist. Die Annahme ist vollkommen begründet, daß das Mädchen den Tod in den Wellen aus Kummer gesucht und gefunden hat, weil ihr Liebhaber, welcher in dem obenerwähnten Bataillon dient, Fogaras verlassen mußte und dorthin nicht mehr zurückkehren könne, indem den bereits bekanntgegebenen Dislocations-Dispofitionen zufolge an Stelle dieses Bataillons das 28. Feldjäger-Bataillon nach den diesjährigen Uebungen die Garnison in Fogaras beziehen wird. Großbritannien. London, 7. August. Heute begab sich eine Deputation der englisch-jüdischen Association zu Lord Salisbury, um ein Einschreiten Englands allein oder in Gemeinschaft mit anderen Signatarmächten des Berliner Vertrages bezüglich der Lage der Juden in Rumänien zu erbitten. Lord Salisbury erwiederte, die Regierung könne als Mitunterzeichner des Berliner Vertrages diese Frage nicht unberücksichtigt lassen; er bedauere, daß die Juden in Rumänien unter einem eingewurzelten Borurtheil des Volkes zu leiden hätten, das in der Gesetzgebung seinen Ausdruck gefunden habe. Die Angelegenheit sei sehr delikat zu behandeln; die Regierung werde jedoch ihr Möglichstes thun, um eine Besserung in der Lage der Juden herbeizuführen. (Wir erkennen das Löbliche in dem Vorgehen der Association an; ja wir geben zu, daß nach den Zwecken des Vereins der Schritt, den sie gethan, eine Pflicht war. Aber was den Erfolg betrisst, so glauben wir nicht, daß die englische Regierung nachdrücklich einschreiten werde, befürchten im Gegentheil, daß die maßgebenden rumänischen Kreise daraus nur neue Nahrung für ihren Haß und neue Motive für ihre judenfeindliche Maßregel schöpfen wird. Jedes Einschreiten von europäischer Seite hat in Rumänien bis jetzt diese Wirkung gehabt. Redaktion.) — Man erzählt, daß der sel. Sir Moses Montefiore noch zur Hochzeit der Prinzessin Beatrice mit dem Prinzen v. Battenberg der Ersteren ein Thee- und Kaffeeservice in