Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- Seite 545 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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545 der Kündigung zu beliebiger Zeit frei steht? Bor zwei Jahren hörten wir an dieser Stelle aus erfahrenem Munde trostlose Klagen über die Stellung jüdischer Lehrer in kleinen Gemeinden, und diese Klage ist so alt, als jüdische Schulen an kleinen Plätzen bestehen und hallt wieder im ganzen deutschen Vaterland, wo der Staat nicht ausgiebig für verbesserte! Zustände Sorge trägt. Wer soll, wer kann hier Abhilfe schaffen? Ich glaube1 nur eine Vereinigung aller Gemeinden Deutschlands. Wenn die staatliche Behörde sich nicht um uns kümmert, so werde eine Behörde geschaffen, deren Aufgabe es ist, unsere Religiousschule zu überwachen. Man zahlt ja Steuern dem Staate, damit christliche Ortsschulen erhalten werden, warum legt man sich nicht selbst eine Steuer auf, die in die Kasse einer selbstgebilveten Centralbehörde fließt, um von da unterstützungsbedürftigen Gemeinden zu gute zu kommen? Der erste Schritt zur Bereinigung aller jüdischen Gemeinden Deutschlands ist geschehen: der deutsch-israelitische Gemeindebund in Berlin wirkt in segensvoller Weise und hat sein Hauptaugenmerk, in richtiger Würdigung des momentan wichtigsten, auf die Hebung des Lehrerstandes gerichtet. Und überall in allen Gauen Deutschlands entstanden und entstehen Lehrer- und Unterstützungsvereine, der ganze Stand hat sich moralisch gehoben und bekennt sich durch seine Mitgliedschaft zu einer großen, festgeschloffenen Klaffe, und hätten alle Lehrcrvereine und Lehrerversammlungen nichts weiter erreicht, als diese Hebung des moralischen Selbstbewußtseins, die den einzelnen hinwiederum hebt in seiner Gemeinde, schon das wäre ein schöner Erfolg. Doch höheres erwarten und erstreben wir. Wir wiffen, jeder Unterricht, und mag der Lehrer von noch so heiligem Ernst durchdrungen sein, ist nur ein matter Ersatz für das unmittelbar von religiösem Inhalt erfüllte Leben, wir wiffen, ohne staatlichen Zwang besucht ein beträchtlicher Bruchtheil jüdischer Kinder nicht die Religionsschule und versteht nicht das hebräische Alphabet, wir wiffen — es wird uns ja in jüdischen Journalen unaufhörlich gesagt — die Religionsschule hat noch nicht den Gipfel ihres Könnens erreicht und ist mancher Vervollkommnung fähig. Herrscht wohl im Christenthum mehr Begeisterung für seine Religion, als bei uns? Gewinnt der Katechismus mehr warme Kinderherzen, als die Geschichte von Abraham, Joseph, David? Aber das Christenthum hat eine Geistlichkeit und Consistorien, hat Schulbehörden und einen Minister für Kirchenangelegenheiten. Eine Geistlichkeit und Consistorien hat das Judenthum nicht, und der Gang der Geschichte ist nicht zu ändern; aber schaffen können wir eine Behörde, die für die Verbesserung des Religionsunterrichtes Sorge trägt, die durch ihren moralischen Einfluß und ihre pecuniäre Macht bestimmend auf die bisher unfehlbaren Gemeindevorstände wirkt. Noch ist die Wirksamkeit des D. I. G. B. zu beschränkt, zu klein sein Können, zu enggezogen die Grenzen ' seiner Thätigkeit. Hier bethätige sich der Gemeinsinn Israels, bewahrheite sich das alte bs'.zr bz: Der Beitritt aller Gemeinden Deutschlands vom Rhein bis zur Weichsel, die regelmäßige Zahlung einer selbstauferlegten Steuer gebe dem G.-B. die Macht in die Hand, seiner Wirksamkeit ein weites Ziel zu stecken, und das Ziel heißt: Hebung des reli- ' giösen Jugendunterrichtes, da wo der Staat es verweigert, und somit Hebung des gesammten Judcnthums.?uav lÄc t. Deutschland. Bonn, 9. August. (Prioatmitth) Wie oorauszusetzen, fanden in fast allen Synagogen Trauergottesdienste für Sir Moses Montefiore statt, oder werden vorbereitet. Wie sollte auch nicht die allgemeine Theilnahme und die Trauer über das Hinscheiden des hochverdienten und mit Rechr allverhrten Mannes einen feierlichen Ausdruck verlangen! bereits ist eine beträchtliche Anzahl von Berichten darüber bei uns eingelaufen, ohne daß wir bei solcher Menge im Stande wären, sie in den Spalten dieses Blattes wiederzugeben. Die jüdische Kanzel hatte hier Gelegenheit, ihre Kraft und Gediegenheit zu bethätigen, und hat es gewiß in vollem Maaße gethan. Berlin, 3. August. Das eigentliche Organ des Herrn Hofpredigers, der „Reichsbote", bemüht sich, den Liberalen klar zu machen, was sie erreichen würden, wenn es ihnen wirklich gelänge, Stöcker vom Amte zu entfernen. Das orthodoxe Blatt meint, Stöcker würde alsdann, da er ein vermögender Mann ist, seine kirchliche und politische Thätigkeit in l größerem Umfange fortsetzen. Sobald Stöcker die Domkirchc! verschlossen wäre, so würde sicherlich in Berlin für feine I sonntäglichen Predigten kein Lokal groß genug sein, um die Zuhörermcnge zu fassen und auch seine Wirksamkeit im Lande; würde er in viel großartigerem Maßsiabe als bisher forti setzen könnnen. Die Liberalen würden deshalb alle Ursache! haben, ihr Drängen auf Beseitigung Stöckers aus dem kirch-; lichen Amte zu bedauern, wenn es ihnen wirklich gelingen sollte, diesen Zweck zu erreichen. (Diese Auseinandersetzungen des Stöcker'schen Organs er-! weisen uns nur, daß Stöcker sich doch nicht sicher fühlt und die Entfernung vom Amte fürchtet. Die Drohungen des! „Reichsboten" lassen uns kalt. Jedermann weiß, daß ein | abgesetzter Beamter im Publikum von seinem Ansehen einen 34