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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-18 · Heft 34 (18.8.1885) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 34 (18.8.1885)
Date
1885-08-18
Page
Seite 543 (sequence 7)
Language
German
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543 Die schlimmen Folgen dieser Zustände zeigten sich bald! Entsprossen ist die Religionsschule norddeutschem Boden, in ihrer schrecklichsten Gestalt. Es war cingetroffen, was j In den süddeutschen Staaten hatten die Regierungen Bayern Mendelssohn einst Basedow erwidert hatte: Soll ich der! und Württemberg schon im Jahre 1828, Kurhessen 1833 Jugend meiner Nation die Frucbt der Bildung in ihrer! durch die vollständige Emanzipation, die übrigen Staaten erst Schöne zeigen lassen, damit den Armen ein um so stärkerer seit dem Sturmjahr 1848 für den Religionsunterricht ihrer Durst nach dem Genusie philanthropischer Freiheit erweckt jüdischen Unterthanen Sorge getragen, und wer aus geschichtwerde? Der Durst nach Freiheit war geweckt, und die zur lichen Thatsachen folgern wollte, der könnte leicht den Be- Trägheit verdammte Bildung, die Ausschließung von Acmtern, l weis erbringen, daß die wenigen Uebertritte zum Christenthum, Stellen und Verkehr verbunden mit der Gleichgiltigkeit gegen von denen die Geschichte hier berichtet, eine Folge geregelten das Judenthum, führten in den dreißiger Jahren mehr als Religionsunterrichtes gewesen sei, wie dort der Mangel eines zweitausend gebildete Juden in den größten Städten Nord-! geordneten Religionsunterrichtes die vielen Uebertritte verandeutschlands in die Arme des Christenthums. Sie opferten! laßt habe. leichten Herzens eine Religion, von der sie nichts wußten, als daß sie ihnen zur Schmach und Hintcnansetzung gereiche. In christlichen Elementarschulen und Gymnasien ausgewachsen, mit Anschauungen erfüllt, die in einem bitteren Contraste standen mit den Ceremonialgesetzen des Judenthums, die sie zu Hause üben sahen, streiften sie entweder ganz das jüdische Colorit ab, oder brachen auch äußerlich mit dem Judenthum. Was sollte aus dem Judenthum werden, fragten sich damals besorgt die treuen Anhänger des Alten, die ihre Zeit verstanden, was sollte aus dem Judenthum erst werden, wenn auch in der Familie jede Spur altjüdischer Gebräuche schwinde? Und die Rabbinen, die bisher in stummem Groll abseits von den allgemeinen Bewegungen auf der Weltenbühne gestanden, waren es, die nunmehr an die Lösung dieser Aufgabe sich machten, den geschwundenen religiösen Sinn zu entflammen, zu hegen und zu kräftigen durch — Errichtung eigener jüdischer Religionsschulen. Es war eine völlig neue Einrichtung, mit keiner früheren zu vergleichen. Für Erweckung des religiösen Sinnes, für Kenntniß der Gebräuche hatte das Haus, für Kenntniß der Gebete die Synagoge, nur für Kenntniß des Talmud und des Pentateuches hatte die Schule gesorgt. Nun sollte eine Schule errichtet werden, die Alles, was früher Haus und Synagoge und Schule durch einmüthiges Zusammenwirken geleistet hatten, allein zu erreichen, sich zur Aufgabe stellte. Den religiösen Sinn zu wecken, für das Iudcnthum uud in dem Judenthum zu erziehen, das war ihr hohes Ziel und ihre Mittel: Geläuterter Religions- und biblischen Geschichtsunterricht, um veredelte religiöse Anschauungen in das Kindesherz zu pflanzen, und hebräischer, auf grammatischer Grundlage ruhender Unterricht, um das Kind mit Bibel und Gebetbuch vertraut zu machen. Von hochwichtiger Bedeutung war es insbesondere, daß die bisher von allem Religionsunterricht ausgeschlosienen Schüler der höheren Lehranstalten und die Mädchen Religionsunterricht genießen sollten und konnten, die einen berufen zu einstigen Trägern und gebildetsten Vertretern des Judenthums, die anderen als Mütter in Israel einst bestimmt, die ersten Erzieherinnen des Kindes, die Erhalterinnen und Pflegerinnen religiösen Sinnes im Hause zu sein. In Norddeutschland nun ward, so viel mir bekannt, die erste Religionsschule im Jahre 1833 in Magdeburg von I)r. Ludwig Philippfon ins Leben gerufen. „Schon längst war der Gedanke fest in mir", so erzählt Philippson, „in einer der Gemeinden Israels eine religiöse Bilduugsanftalt zu errichten, und da nun allhier (in Magdeburg) bis dahiu der Religionsunterricht nur vereinzelt und ohne feste Ordnung uud Zusammenhang von Privatleuten besorgt worden, so regte sich jetzt das Bedürfniß, eine wohleingerichtete und organisirte Anstalt zu besitzen, desto lebhafter, je leichter hiermit der Wunsch zugleich realisirt werden konnte, mit dem Gottesdienst regelmäßige Predigten zu verbinden." Ein gedrucktes Circular an die Gemeinde Magdeburgs, worin die Nothwendigkeit einer solchen Anstalt aus dem Mangel an staatlicher Fürsorge und daraus resultircnder Zersplitterung und Verwilderung des Religionsunterrichtes hergcleitet wurde, hatte den günstigen Erfolg, nahezu alle Gemeindemitglieder für diese Sache zu gewinnen, und so wurde die Anstalt nach erhaltener staatlicher Genehmigung am 2. Febr. 1834 cingeweiht. Die Anstalt zerfiel in zwei Knaben- und zwei Mädchenklaffen, eine gemeinschaftliche Consirmationsklaffe und eine Studieuklaffc für Knaben. Unterrichtet wurde in Religion, biblischer und israelitischer Geschichte, Liturgie und Hebräisch. Die Mädchen sollen bis zum Berständniß der Gebete gebracht werden, die Knaben in der unteren Klaffe, die in zwei Abtheilungen zerfiel, Lesen, Gebet- und Peutateuchübersetzen, in der oberen Klaffe dasselbe nur methodischer, außerdem hebräische Grammatik erlernen, in der Studienklaffe sollte sich der Unterricht auf die historischen und prophetischen Bücher der Bibel, Raschi, Eben Esra und Kimchi, endlich auf Mittheilungen aus Mischna und Talmud erstrecken. Die zweite Religionsschule, über deren Geschichte mir Mittheilungen zu Gebote standen, ist die von Geiger ins Leben gerufene Religionsunterrichtsanstalt der hiesigen Synagogengemeinde. Schon im Jahre 1842 wandte sich das hiesige Vorsteher - Collegium an die Regierung, damit die Pflicht zum Besuch der zu errichtenden Anstalt von Seiten des Staates ausgesprochen würde. Die Regierung ging nicht darauf ein, worauf denn die Schule 1843 als Privatanstalt

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