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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-18 · Heft 34 (18.8.1885) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 34 (18.8.1885)
Date
1885-08-18
Page
Seite 542 (sequence 6)
Language
German
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542 festgesetzt, eine oder zwei Stunden weniger in den beiden unteren Abtheilungen. Bis zum Jahre 1841 wurde auch Talmud unterrichtet. Die Schule führte zuerst in Deutschland die öffentliche Confirmation ein, und der erste confirmirte Scküler war — Leopold Zunz. Schon vor der Umgestaltung der Samson'schen Schule waren in den Jahren 1803 und 1804 in Deffau und Frankfurt a. M. hervorragende jüdische Schulen gegründet worden. Die Deffauer Schule stand unter Leitung des als Herausgeber der ersten jüdischen Zeitschrift „ Sulamith" bekannten David Frankel und erfreute sich hohen Ansehens bei der Regierung und den Juden Deutschlands. Bedeutender noch war die Frankfurter Schule, das heute noch in hoher Blüthe stehende Philanthropin. Die Schule war das Privatunternehmen weniger Männer und anfangs zu einer jüdischen Volksschule bestimmt; später änderte sich infolge veränderter Zeitverhältnisse ihr Charakter und sie verwandelte sich in eine Bürger- und Realschule für die israelitische Gemeinde. Schon bald nach ihrer Gründung wurde sie als öffentliche Schule anerkannt und auch von christlichen Kindern zahlreich besucht. Im ältesten Stundenplan sind von 45 wöchentlichen Stunden 18 für hebräischen und Religionsunterricht bestimmt; im Programm von 1860, das eine Geschichte der Schule enthält, sind für die unteren Klaffen 6, für die höheren 5 und 4 Stunden für hebräischen und Religionsunterricht festgesetzt. Die Schulen in den anderen Städten sind meist viel später entstanden und tragen alle mehr oder minder das Gepräge der vorgenannten berühmten Schulen, die sie sich zum Muster nahmen. Doch erreichten sie deren Bedeutung niemals; denn der Blüthe jener alten Schulen kam ein Umstand zu gute, der an sich bedauerlich, in der damaligen Zeit und für die Schulen aber von einschneidendster Bedeutung nur in größeren Städten; auf kleineren Plätzen, nicht zu reden von Dorfgemeinden, gab es gar keinen Unterricht für die jüdische Jugend, wenn nicht hie und da einige begüterte und bildungsbedürstige Juden — und deren gab es sehr wenige auf kleinen Plätzen — einen Privatlehrer ansteüten, der meist aus Polen gebürtig mit großem talmudischen Wiffen eine noch größere Ignoranz in anderen Wisienszweigen verband. Da brachten die deutschen Freiheitskriege und die folgenden Jahrzehnte wieder einen merklichen Umschwung in der Stellung der Juden Deutschlands. Der Schulzwang, der in den meisten deutschen Ländern jetzt durch strenge Gesetze geregelt wurde, erstreckte sich auch aus die Kinder der jüdischen Bevölkerung, und wenn auch anfangs nicht mit aller Strenge gehandhabt, erschienen in den drei folgenden Dezennien in allen deutschen Ländern Edikte, die auf die Berbefferung des Jugendunterrichtes unter den Juden hinzielten und den Eltern die Pflicht auferlegten, ihre Kinder entweder in jüdische Elementarschulen zu schicken oder den christlichen Ortsschulen anzuvertrauen, der Zutritt zu den Gymnasien und höheren Bügerschulen stand ihnen frei. Den Reigen mit diesen freisinnigen Verordnungen eröffnete Baden schon im Jahre 1809. „Bis dahin", heißt es es in dieser Verordnung, „daß einst aus ihrer Mitte hinlänglich gebildete Männer zur guten Führung eines politischen Schulamtes werden ausgewachsen sein, und ihnen alsdann eigene Landschulanstalten bewilligt werden können, sollen sie für Lesen, Schreiben, Rechnen, Sittenlehre und Aufsätze machen, auch für Geographie und Geschichte, wo diese gelehrt werden, mit l und neben den christlichen Ortskindern die Ortsschule be-! suchen". Im Jahre 1813 folgte Bayern dem gegebenen Beispiel und später Heffen, Sachsen, Würtemberg, Preußen und j die meisten andern deutschen Länder.! Seit diesen Verordnungen konnten die jüdischen Schulen war. Alle die Männer unseres Volkes, die von Mendelssohn's• feinen hohen Aufschwung mehr nehmen, ihr Ansehen und Geist angeregt, deutsche Bildung gierig in sich aufnahmen, die durch ihr Wiffen wie durch ihren Geist berufen waren, die Führer der deutschen Judcnheit zu sein, sie fanden keinen anderen Wirkungskreis für ihre Thätigkeit, als die jüdische Schule. Und so kam es, daß zu einer Zeit, wo es galt, das Judenthum mit neuem Geiste zu durchdringen, die Jugend für den veredelten Glauben zu gewinnen und sie vorzüglich durch sittliche Hebung vorzubereiten zum Eintritt in das bürgerliche Leben, Männer wie Friedländer, Bendavid, Wolfsohn, Löwe, Frankl, Creizenach, Joelsohn, Heß, Wohlwill, Jost, Zunz an der Spitze jener Schulen standen und sie durch ihr Können und Wollen zu einem hohen Blüthegrad brachten, durch ihr geistiges Gewicht und ihr Ansehen in den Augen der deutschen Juden und Christen mächtig hoben. Solchen Glanzes, solchen Bortheils erfreuten sich die später gegründeten Schulen nicht, und dann bestanden solche auch ihre Bedeutung wurden immer geringer, und bald sanken sie zur verachteten Winkelschule herab. Denn der jüdische Vater vertraute sein Kind von nun ab der christlichen Schule an. Entweder hatte er mit dem alten Judenthum gebrochen, so lag ihm nichts an dem Religions- und Hebräischen Unterricht, den das Kind nun entbehren mußte, oder er war streng altgläubig, dann genügte ihm der in seinen Augen spärliche Religionsunterricht nicht, und er ließ sein Kind entweder von einem - Privatlehrer unterrichten, oder folgte widerwillig dem Zwange des Staates, der das Kind an die christliche Ortsschule wies. Schlimmer noch war es auf kleinen Plätzen, wo die Eltern gar keine Wahl hatten. Für jüdischen Religionsunterricht in christlichen Schulen zu sorgen, fühlte sich der Staat nicht verpflichtet. Ebensowenig war Sorge getragen für die religiöse Bildung der jüdischen Schüler, welche Gymnasien und höhere Bürgerschulen besuchten.

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