Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Audencthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig m Mark. Abonnement in Deutschland «Postzeitungsliste | Nr. 111) und Oesterreich bei allen! Postämtern, außerdem durch den Buch-! Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippjon in Bonn. GXpeöiLiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man siel, an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlring. Beilagen «blebähr M.» sind gleichsaus an letztere 49. Jahrgang. Leipzig, den 18. August 1885. No. 34. Inhalt. Leitende Artikel: Einige Betrachtungen zu un'erer politschen Lage.— Der Bankcrutt des Antisemitismus.— Entwickelung grschichte der jüdischen Religionsschulc. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin. München. Kassel, Aus Württemberg, Aus Minden-Ravensberg. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Großbritannien: London. — Bonn: Notizen. — Feuilleton. Erinnerungen. £citc/riZ,c Gl-xtificf. Bonn, 12. August. Einige Setrachtuugen zu unserer politischen Lage. Das Hinscheiden des Sir Moses Montefiore mahnte uns daran, einige Betrachtungen über die gegenwärtigen politischen Berhältniffe der Juden anzustellen. Denn wenn auch dieser ehrwürdige Greis in der letzten Zeit seines hohen Alters wegen persönlich nicht wirksam sein konnte, so diente doch schon sein leuchtender Name zu einer Art Schutzwehr für Juda. Aber die letzten Jahrzehnte haben die politischen Berhältniffe der europäischen Staaten zu einander in sehr bemerkbarer Weise verändert. Es ist nicht zu verkennen, daß durch die Errichtung eines geeinigten Deutschlands und des geeinigten Italiens das Gleichgewicht zwischen den europäischen Staaten bedeutend gewonnen hat, wodurch hinwiederum die Stellung jedes einzelnen Staates eine viel selbständigere und freiere geworden. Eine Folge hiervon war, daß der Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Berhältniffe jedes einzelnen Staates ein durchaus herrschender geworden, so daß von jedem derselben selbst nur Vorstellungen eines anderen betreffs innerer Vorgänge in ihm mit Entschiedenheit zurückgewiesen und deshalb gar nicht erhoben werden. Der letzte Act einer derartigen Einmischung aber von Seiten sämmtlicher Großmächte, geschah in der Berliner Congrcßacte, welche die Anerkennung der neugebildeten Donau- und Balkanstaaten von der Bedingung der Gleichstellung aller Nation«, litäten und Religionen abhängig machte. Aber was erfolgte? Die Großmächte prüften gar nicht, ob diese Bedingung erfüllt worden, und sprachen die Anerkennung aus. Wenn seit dem das kleine Rumänien, ganz Europa zum Trotze, die äußersten Grausamkeiten gegen seine jüdischen Staatsangehörigen verübt und selbst die in seinem Schooße geborenen, die seit Generationen in ihm ansässigen Inden von allen bürgerlichen Rechten ausschlicßt und sie mit Ausnahmegesetzen erdrückt, beobachten die europäischen Mächte ein vollständiges Stillschweigen, und sicher würde Rumänien, wenn eine der Mächte dagegen protcstirte, ein gewaltiges Geschrei über Einmischung in seine inneren Verhältnisse erheben, und wahrscheinlich würden andere Mächte auf seine Seite treten. Ucberblicken wir die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts, so bemerken wir, daß cs überhaupt nur England und Frankreich gewesen, welche in vorkommenden Fällen sich nachdrücklich verfolgter Juden annahmen, und durch ihr Gewicht möglichst eine Besserung erwirkten. Hier ist es nun, wo wir den glänzenden Namen Crvmicux' und Montefiore's begegnen. Cr^mieux hatte durch das politische Ansehen, das er sich erworben. und durch seine anerkannte Bedeutung als Advocat. die er mehrmals in wichtigen Staatsprozcsscn bethätigt, in den Ministerien des Auswärtigen unter den verschiedenen Regierungen Frankreichs einen großen Einfluß, und machte diesen bei allen, zu Gunsten der Juden auch der entferntesten Gegenden unumwunden geltend. Selbst unter den Regimes, zu welchen er politisch in Opposition stand, gab man ihm willig Gehör, und da er stets nur im Interesse der Humanität und des Rechts auftrat, erfüllte mau gern seine Wünsche. Sir Moses hingegen hatte lediglich der An-