Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1885)
- Date
- 1885-08-11
- Page
- Seite 532 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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532 und bat mich, einstweilen bei seinen Büchern Unterhaltung zu suchen. „Aber, fugte er hinzu, „um Gvtteswillen stellen Sie jedes Buch wieder an dieselbe Stelle, denn sonst kann ich mich nicht mehr zurechtfinden." Er hatte nämlich jedes Buch seiner sehr umfangreichen Bibliothek und die Stelle, an welcher es sich befand, genau im Gedächtniß, sodaß er stets, wenn er eines Buches bedurfte, darüber genau Auskunft zu geben vermochte. Es war ein tiefer Eindruck, den dieser Mann, der doch mit seiner einfachen Würde und bescheidenen Haltung eine so ausgedehnte gründliche Gelehrsamkeit und allgemein anerkannte Stellung in der Wissenschaft verband und nun des wesentlichsten Mittels zur Weiterforschung und Bearbeitung des Augenlichtes entbehrte, auf mich machte. Er erschien mir als ein wahrhafter Weiser, der sein schweres Mißgeschick mit völliger Ruhe und Resignation ertrug und nur darauf dachte, zum Frommen der Wifienschaft zu benutzen, was ihm an Arbeitsfähigkeit noch geblieben. Wer ihn dann im Kreise seiner Familie zu beobachten Gelegenheit hatte, wie ich, und die Zärtlichkeit und Liebe gewahrte, die er Allen spendete, und die ihm von Allen gespendet ward, wurde gewiß in der Verehrung dieses sittlichen Charakters bestärkt. Es ist in der That nicht gleichgültig, ob man im Leben solchen Menschen begegnet, aus deren geistiger Atmosphäre man selbst veredelt heraustritt. Sie bekräftigen in der Anschauung von der edleren und höheren Natur des Menschen, vielen bitteren Erfahrungen gegenüber. — Munk mar damals beschäftigt, das arabische Original des More Nebuchim des Maimonides mit französischer Uebersetzung und Commentirung herauszugeben, ein Werk deffen Vollendung in drei starken Bänden er noch erlebte. Als ich bei ihm war, lag ein Correcturbogen vor, Munk ließ sich von einem Studenten Buchstaben nach Buchstaben vorlesen und die Fehler corrigiren. ganzen Handel angezettelt und nach dem Verschwinden des Paters Thomas jene wahnwitzige Fabel vom rituellen Mord nach dem Orient verpflanzt, wo sie bis dahin völlig unbekannt gewesen, und die Anschuldigung gegen die, selbstverständlich völlig unschuldigen Juden erhoben, sowie die Einkerkerung der besten und reichsten Juden in Damaskus veranlaßt. Bekanntlich stand damals Syrien unter der Herrschaft Mehemet- Ali's, und so stand die letzte Entscheidung bei diesem. Die von Sir Moses, besonders unter der Mitwirkung Crömieux' veranstaltete unparteiische Untersuchung zu Damaskus hatte die Unschuld der gefangenen Juden herausgestellt; aber in orientalischer Weise wagte der Gerichtshof keinen entschiedenen Schritt ohne Zustimmung des Vicekönigs. Deshalb waren die Männer, die sich dieser edlen Aufgabe gewidmet, nach Kairo geeilt, um hier ihr Werk zu vollenden. Es war an einem Sabbath, als der Ferman des Vicekönigs dem Sir Moses eingehändigt wurde. Wie erschraken sie aber, als Munk in dem arabisch abgefaßten Ferman den Befehl las, die gefangenen Juden „aus Gnade" aus dem Kerker zu entlasten. Dies war unter den gegebenen Umständen ein unberechenbarer Schaden. In Europa war die öffentliche Meinung von feindseligen Federn bearbeitet, über jene scheußliche Fabel schwankend, und somit würde durch den Ausdruck „aus Gnade" seitens des höchsten Richters in dieser Sache ein bestimmendes Urtheil gar nicht gefällt sein. Die drei Herren waren sofort einig, daß statt „aus Gnade" stehen müßte „aus Gerechtigkeit", wie es ja dem Ausgang der gerichtlichen Untersuchung entsprach, und daß hier Gefahr im Verzüge sei, weil der Ferman schnell bekannt und veröffentlicht werde. Aber Sir Moses wollte unter keiner Bedingung den Sabbath verletzen, und so warf sich Cremieux in sein Advocatencostüm und Munk in das als Llemdre äe l'Institut Welche Ausdauer, welche Liebe zur Sache! Eine Revision und fuhren zum Bicekönig. Munk trug diesen die Unrichtighatte Albert Cohn übernommen, der des Arabischen, auch der zeit und Gefährlichkeit des gebrauchten Ausdruckes klar vor jetzt gesprochenen verschiedenen Dialecten sehr kundig war. und Cremieux unterstützte ihn mit seiner großartigen Bered- Als ich bei Munk zum Thee war, brachte ich, wie sehr samkeit. Mehemet Ali mit seinem scharfen polittschen Bcr natürlich, das Gespräch auf seine Reise nach Damaskus mit stände sah dies ein, und gab Befehl, den Ferman in ge Sir Montefiore und Adolph Crömieux. Er erzählte mir u. A. wünschter Weise abzuändern. Glückselig kehrten die beiden folgendes Ereigniß: Sie befanden sich in Kairo, um vom Männer zurück: Die ganze Angelegenheit war hiermit in Bicekönig — Khedive sagte man damals in Europa noch befriedigendster Weise abgeschlosten. nicht — Mehemed Ali einen abschließenden Ferman zu erhalten. Sir Moses war von der englischen Regierung in nachdrücklichster Weise empfohlen und war deshalb von Mehemet Ali mit Auszeichnung empfangen worden, sodaß ein glücklicher Ausgang in Aussicht stand. Weniger günstig lagen die Berhältniste für die beiden Franzosen, Crsmieux und Munk, da der damalige französische Ministerpräsident Thiers aus politischen Gründen auf Seiten des französischen Consuls zu Damaskus Grafen P. — der später in China starb — stand, und dieser hatte aus feindseliger Gesinnung den (Schluß folgt.)