Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1885)
- Date
- 1885-08-11
- Page
- Seite 531 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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531 Deputirte vieler Wohlthätigkeitsansialten und Maurerlogen rc. waren erschienen. Zn den Straßen, welche der Leichenzug durchschritt, waren die Häuser schwarz behängt und die Borj hänge niedergelassen. Die Magazine waren geschlossen und; das Rathhaus mit Crepe bekleidet. Eine große Zahl Kinder, welche Banner mit passenden Inschriften trugen, folgten dem Sarge, welchem fünf jüdische Geistliche mit brennenden Kerzen und Trauergesänge anstimmend voranschritten. Der Sarg verschwand unter den Blumen und Kränzen, die überallher gesandt worden. Auch ein Olivenzweig, den Sir Moses einst vom Libanon mitgebracht und ein Säckchen Erde vom; Grabe der Rahel lag darauf. Der Leichenzug hatte eine > Länge von etwa 2l)z Kilom. Ein feiner durchdringender! Regen floß vom Morgen ab nieder. Der Trauerdienst fand! in der Synagoge statt und vr. Hermann Adler hielt eine j rührende Rede. In der Nachbarschaft der Synagoge be findet sich das Mausoleum, in welchem die sterblichen Reste des Sir Moses neben denen seiner Gattin, Lady Judiths nunmehr ruhen. Rußland. Petersburg, den 30. Juli. Auf Befehl des Kaisers ist die Aufnahme jüdischer Studirenden in dem Charkow'schcn technologischen Institut auf 10 pCt. der Gesammtzahl der Studenten des Instituts zu beschränken. Wie der „Nowoross. Tel." erfährt, hat die unter dem Grafen Pahlen tagende, sogenannte Juden-Kommission beschlossen, nachstehende Anträge zu stellen: „Es sei den Juden die Niederlassung in ganz Rußland unter folgenden Beschränkungen zu gestatten: 1. daß sie mit dem Staate keine Geschäfte machen; 2. daß ihnen die Erzeugung und der Handel mit Getränken verboten wird und 3. daß sie keinen Geldhandel treiben, noch an demselben thcilnehmen. Diese Beschränkungen sollen auch auf getaufte Juden, nicht aber auf deren Kinder Anwendung finden. Bekanntlich ist den Juden bisher die Ansiedelung in den rein russischen Gouvernements verboten. Auf Kongreß-Polen, Littaucn und die übrigen südwestlichen, dem ehemaligen Königreiche Polen angehörenden Gouvernements sollen die Beschlüsse der Judenkommission keine Anwendung finden. Am 15. September nimmt die Kommission ihre Sitzungen wieder auf, um der > Regierung die definitiven Vorschläge zu unterbreiten. Marokko. Gibraltar, 16. Juli. Auf Anordnung des Sultans von Marocco ist dem Gouverneur von Dcmnat die Jurisdiction über die dottigen Juden wegen ihrer schlechten Behandlung seitens des erstercn entzogen worden. Der Sultan hat auch einen Officier von hohem Range nach Demnat gesandt, um für die künftige Sicherheit der Juden Fürsorge zu treffen und dieselben auzuweisen, ihre Beschwerden dem Sultan zu unterbreiten. Ieuilleton. Erinnerungen. Das schmerzlich empfundene Hinscheiden des ehrwürdigen Sir Moses Montefiorc ruft in mir einige Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen herauf, die ich einfach und schlicht hier wiedergeben will. Es war im Jahre 1854, als ich mich nach Paris begab, um für den Gedanken Propaganda zu machen, jüdische Knaben aus dem Oriente nach europäischen Städten zu bringen, hier erzogen und unterrichtet, um dann als Sendboten der Cultur nach ihrem Baterlande zurückgeschickt zu werden. Ich fand in Brüssel, Paris und Straßburg, namentlich bei den dortigen israelitischen Consistorien die bereitwilligste Aufnahme. Nach einiger Zeit jedoch wandelte pch die Ansicht dahin, lieber Schulen nach europäischem Zuschnitt in Städten des Orients zu gründen, was dann von der Alliance isr. univ. verwirklicht wurde. Während meines Aufenthaltes in Paris war es mir auch besonders darum zu thun, den von mir verehrten Orientalisten Sal0m0it Munk persönlich kennen zu lernen. Hatte ich doch schon 1835 eine Abhandlung dieses Gelehrten aus dem Französischen in. meinem „Israelitischen Predigt- und Schulruagazin" in's Deutsche übertragen. Jetzt war leider der vortreffliche Mann bereits erblindet, wenn er auch noch immer einige Hoffnung hegte, einen Theil seines Augenlichtes wiederzuerlangen und sich deshalb vielen, zum Theil schmerzhaften Euren unterzog. Es war für mich ein erschütternder Anblick, als, in sein Bibliothekszimmer geführt, mir Munk mit ausgestreckten Armen, wie cs Erblindete zu thun pflegen, cntgegenkam. „Ach," sagte er, „ich habe schon lange das Verlangen gehabt, mit Ihnen persönlich zusammenzukommen, und nun kann ich Sie nicht einmal sehen!" Er bat mich um Entschuldigung, daß er sich noch eine Weile entfernen müsse, da er eben in einer Lection über Literaturgeschichte für einige junge Damen begriffen sei, 3'5*