Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1885)
- Date
- 1885-08-11
- Page
- Seite 524 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227589--42837-3311429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
m und schreiben sie noch heute spaniolisch, in letzterem sprachen und schrieben sie bis zu Anfang dieses Jahrhunderts in rein casiilischer Sprache. Vor Allem waren es die deutschen Juden, welche ihre deutsche Sprache bis tief in das Innere Rußlands i trugen, nach Jerusalem brachten und ebenso in die Skandinavischen Gebiete; natürlich nicht blos mit hebräischen und j jüdischen, sondern auch mit Ausdrücken der Nationalsprachen jener Länder vermischt und so zu einem besonderen Jargonj umgebildet und entstellt. Es schien gewissermaßen, als ob! die Juden jenen Trieb und jene Fähigkeit, sich die Landessprachen als Volkssprachen anzueignen, erloschen seien. Diese Neigung, einmal bei ihnen eingewurzelte Sprachweise beizu-, behalten, zeigte sich sogar im Dialekt, denn das den Juden so oft vorgeworfene und verspottete „Mauscheln" ist nichts als derbeibehaltene alte süddeutsche Dialekt, weshalb in Süddeutschland die Grenzen zwischen dem dortigen Dialekten und dem Mauscheln sehr schwer erkennbar sind, wenn nicht an den hineingemischten hebräischen und jüdischen Ausdrücken. Sonst finden wir nicht blos unter den spanischen Schriftstellern und Dichtern gute jüdische Autoren, sondern selbst unter den pro* venzalischen und deutschen Minnesängern tauchen einige jüdische Namen auf. Als die italienische Sprache mit Dante sich herauszubilden begann, begegnen wir jüdischen Schriftstellern und Dichtern in italenischer Sprache recht häufig. In Deutschland brachte das Bedürfniß des Volkes recht frühzeitig Uebersetzungen der h. Schrift und Andachtsbücher im' jüdisch-deutschen Dialect hervor. In den Zeiten, wo die lateinische Sprache die universelle in Wiffenschaft und Diplomatie war, bedienten sich auch Juden derselben und noch Baruch Spinoza verfaßte seine epochemachenden Schriften inj lateinischer Sprache, wie denn auch Menasie ben Israel mehrere seiner Werke lateinisch geschrieben hat. Selbstverständlich führen wir hier nur einiges Wenige an, während doch in einigen dieser Sprachen ziemlich ausgedehnte jüdische Literaturen entstanden. Wenn man nun den Blick in den Charakter dieser sprachverschiedenen Partien des jüdischen Stammes senkt, so werden die recht auffälligen Modificationen derselben hervortreten. Wir wollen nur ein Beispiel anführen: Welch' großer Unterschied in Wesen und Erscheinung fand zwischen den sogenannten Reichsjuden, d. h. aus dem mittleren und südlichen Deutschland und dem polnischen Juden statt! Und dies in der ganzen geistigen Richtung und Auffassung. Selbst der süddeutsche Rabbi und der polnische konnten schon auf den ersten Blick nicht verwechselt werden; ihre Sprache, ihre theologische Methode, Denk- und Lehrweise waren gänzlich verschieden, bis sich beide Elemente in dem früher von Juden wenig bewohnten Norddeutschland vermischten. Jüdische Diener und Dienstmädchen „aus dem Reiche" wanderten in Norddeutschland ein, und zeichneten sich nicht blos in ihren Manieren, sondern auch in ihrer Redlichkeit und Treue, ihrer Anhänglichkeit an die Familie, in welcher sie bedienstet waren, aufs Bortheilhafteste aus; welch' ein Unterschied mit einem polnischen Melammed in derselben Umgebung. Schreiber dieses erinnert sich aus seiner Kindheit noch mehrerer solcher Exemplare, und hat der Lehrweise eines Rabbi aus dem Reiche (Speyer) und eines polnischen, der den Lehrstuhl im Beth hamidrasch inne hatte, beigewohnt: sie war bei beiden trotz der Gleichheit des Gegenstandes unsäglich weit von einander verschieden. — Gerade aber diese Sprachverschiedenheit mußte bei den Juden die Nothwendigkeit einer vermittelnden Sprache Hervorrufen, um nicht den geistigen Zusammenhang zu verlieren, und dies konnte allein die hebräische sein, deren Kenntniß sich natürlich aus dem überkommene» Schriftthum niemals ganz verlieren konnte. Zum vollen Bewußtsein mußte dies kommen, als jene traurige Zeit begonnen hatte, wo die Wanderungen von einem Lande zum andern das einzige Mittel der Erhaltung ward. So gewann auch die hebräische Sprache ein neues Leben. Nicht allein, daß die bedeutendsten in arabischer Sprache verfaßten Schriften der jüdischen Gelehrten in's! Hebräische übertragen wurden, um auch den Brüdern in den ' anderen Ländern zugänglich gemacht zu werden; nicht allein, * daß die jüdisch-theologischen Schriften theils in der Gemara-, theils in der mehr oder weniger reinen hebräischen Sprache geschrieben wurden, sondern man fing auch an, eine neu-hebräische Poesie zu pflegen, und bald konnte man auf wahre Meisterstücke dieser Art Hinweisen. Später begann man in dieser neu-hebräischen Sprache, die sich möglichst an die reine classische Sprache der h. Schrift schloß, auch wissenschaftliche Gegenstände, namentlich aus dem Gebiete der Mathematik und Naturwissenschaften zu behandeln, und ist dies besonders in der neueren Zeit eifrig gepflegt worden, um dem wissenschaftlichen Interesse in den Ostländern bei der jüdischen Masse Eingang zu verschaffen. So hat sich eine umfangreiche neuhebräische Literatur gebildet, die eine ganze Bibliothek auSmacht. Versuchte man doch sogar und oft mit Erfolg, die Dichtungen Shakespeare's, Göthe's, Lessing's, Schiller's, Dante's ff. in das Gewand hebräischer Poesie zu kleiden. Auch hier gewahren wir also eine Verquickung deS hebräi- , scheu und des modernen Geistes, die eines gewichtigen psychifchcn Einflusses nicht ermangeln konnte. > In der neueren Zeit trat nun auch auf diesem Felde 1 eine große Veränderung ein. Mit dem Eintritt der Juden! in das allgemeine Cultur- und Volksleben und mit dem 1 Wiedererwachen des nationalen Geistes in den europäischen! Völkern ergab sich bei den Juden in den verschiedenen Ländern ein zweifaches Bestreben, das jedoch in sich dasselbige ist, nämlich: den jüdischen Jargon aufzugeben und die Landessprache in reiner oder der Umgebung gemäßer Weise zu sprechen, und zweitens in den Ländern, in welchen sie aus