Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1885)
- Date
- 1885-08-11
- Page
- Seite 523 (sequence 3)
- Language
- German
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hin verpflanzten Juden eine ganz fremde Sprache als Muttersprache annehmen, nämlich die griechische in ihrem hellenistischen Dialect. Es ist uns von keiner einzigen in hebräischer Sprache verfaßten Schrift Kunde geblieben, die in Alexandrien ihren Ursprung gehabt. Dagegen nahmeni die dortigen Juden die griechische Uebersetzung der h. Schrift eifrig entgegen, so daß die Kenntniß des hebräischen Urtextes bei ihnen fast ganz verschwand. Wurden doch auch hebräisch verfaßte Bücher, wie z. B. die Sprüche Sirach, für das Volk ins Griechische übersetzt. Noch mehr Zeugniß giebt die ansehnliche jüdisch-griechische Literatur, welche Poesie, Philosophie,: Geschichte, Theologie und Polemik umfaßte und mehrere Jahr Hunderte blühete. Der Einfluß des hellenischen Geistes tritt uns hier irr Form und Inhalt sehr lebendig entgegen, nicht bloS negativ, indem die traditionelle Gesetzesauslegung daselbst gar keinen Boden fand, sondern auch positiv durch das Vorwalten religions - philosophischer Auseinandersetzungen. Demnach stellt sich in dieser jüdisch - griechischen Literatur, namentlich so weit sie in Egypten ihre Heimath hatte, eine Verquickung des jüdischen und des hellenischen Geistes heraus, wie sich besonders in den philosophischen Schriften Philo's, aber auch in der Eigenart der Poesie, z. B. in dem epischen Fragmente Philo des älteren und in den sibyllinischen Ora kein genugsam kundgiebt. Es wäre Stoff zu einer feinen psychologischen Untersuchung, dieser Verschmelzung des orientalischen und occidentalischcn Geistes nachzugehen und in ihren charakteristischen Zügen offenzulegen. — Es ist uns historisch nicht klar gelegt, in wie weit die Juden in Rom und Italien die lateinische Sprache angenommen. Bei der großen Suprematie, welche die griechische Sprache ausübte und bei der, späterhin so oft hervorgetretenen Neigung der Juden, die von ihnen einmal angenommene fremde Volkssprache auch in Ländern beizubchalten, wohin sie einwanderten, ist es erklärlich, daß sic auch in Rom die griechische Sprache beibehieltcn, und j erweist sich dieses nicht blos aus den von Josephus in Rom verfaßten griechischen Schriften, sondern mehr noch aus den vor einiger Zeit an's Licht geförderten jüdischen Grabsteinen mit griechischen Inschriften. Jndeß konnte dies auf die Länge, namentlich in den italischen, spanischen, gallischen und dacischen Provinzen nickt so verbleiben, so daß auch bei den Juden die lateinische Sprache und die lingun rustica herrschend werden mußte. Selbstverständlich blieb dagegen im byzantinischen Reiche die griechische Sprache auch die Volkssprache der Juden, wie der bekannte Streit einiger Gemeinden um die Verlesung der Thora in der griechischen Ucbersetzung erweist. An die Stelle der griechischen Sprache trat später die arabische mit ihrer Herrschaft von Jnnerasien bis in das Innere von Spanien. Wenn erwiesenermaaßen die Juden in Arabien schon lange vor Mohamed sich in Lebensweise, Sitten und Sprache völlig arabisirt hatten, so daß namentlich viele jüdisch-arabische Dichter aus der vormohame» danischen Zeit in Ueberresten noch vorhanden sind; so nahmen mit der Ausbreitung der arabischen Herrschaft und Cultur die Juden aller dieser Länder die arabische Sprache als Volks- und Schriftsprache an. Auch hier ist die arabische Uebersetzung der h. Schrift das vollgiltigste Zeugniß, und war cs in vielen Gemeinden z. B. Nordafrikas, Sitte geworden, die Haphtoroth und die Megilloth nach der Verlesung in der Ursprache auch arabisch vorzutragen. In gleicher Weise bezeugt dies die Ausarbeitung vieler Schriften der jüdischen Gelehrten in arabischer Sprache, wenn auch in hebräischer Quadratschrift, und zwar selbst der wichtigsten jüdisch-theologischen Werke. Wir besitzen sehr lebhaft verfaßte Klagegedichte über den großen Verfall und die gänzliche Verdrängung der hebräischen Sprache in der arabisch-spanischen Periode. Es mußten jene Gelehrten wiffen, daß sie für ihre Geisteserzcugniffe ein größeres Terrain bei ihren Glaubensgenoffen in der arabischen, als in der hebräischen Sprache fänden und es scheint uns sehr charakteristisch, daß Maimonides sein großes Fachwerk, die ~p:rr, t, in hebräischer, dagegen seine philosophischen Werke in arabischer Sprache! verfaßte. Die wiffenschaftliche Cultur der Araber fußte auf der griechischen, und hatte ihre Grundlage aus den Uebersetzungen der griechischen Heroen, namentlich des Aristoteles entnommen. Von hier aus mußte ein bestimmender Einfluß auch auf die jüdischen Geister geübt und scharfe Logik und Dialectik zu Grundzügen werden, besonders auch die Erfahrungen und Beobachtungen aus der Natur, so weit sie den damaligen Menschen zu Gebote standen, und in welcher Weise sie erklärt wurden, in die Denk- und Darstcllungsweife Eingang finden. Alles dies gewahren wir ausgiebig in den Schriften der jüdischen Denker aus jener Periode, bei Saadia, Gabirol, Maimonides, Juda Halevy re. — Jndeß war außerhalb des byzantiniscden und arabischen Sprachgebietes die Völker- und Staatenbildung, namentlich im mittleren und nördlichen Europa vor sich gegangen, und in allen diesen 1 Ländern waren Juden ansässig oder drangen mit der Zeit j hinein. Frühzeitig, eben als jene Völker- und Siaatenbil-! düng vor sich ging, nahmen didortigen Juden die Volkssprache auch als die ihrige an und amalgamirten sich nach dieser Richtung hin jenen Nationalitäten. Wir sagen früh- * zeitig, weil, wenn sie Veranlassung hotten oder gezwungen ' waren, in andere Länder auszuwandern, sie die von ihnen angenommene Volkssprache Mitnahmen und mit einer eigentbümlichen Zähigkeit festhielten. Als persische Juden sich be-! wogen fanden, nach dem Kaukasus auszuwandern, behielten 1 sie bis zum heutigen Tage die persische Sprache als Mundart ihrer Familien bei. Ob die spanischen Juden nach der l Türkei oder nach Holland flüchteten, in der crsteren sprechen 33*