Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1885)
- Date
- 1885-08-04
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227588--42827-3311418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die „Arch. isr.‘ bemerken, daß, wenn man nur auf die Section der historischen und philologischen Studien den Blick richtet, es sich aufdrängt, daß 6 Profefforen an derselben thätig sind, die Juden sind, und zwar unter 35, nämlich Heinrich Weil als Dircetor-Adjunct in der Philologie; in der vergleichenden Grammatik als Director Michael Bräal; in der Zendsprache James Tarmesteter als Director-Adjunct; in den semitischen Sprachen Joseph Derenburg als Director; in der arabischen Sprache Hartwig Derenburg; in der äthiopischen und himyaritischen Sprache Joseph Halsvy und in der affyrischen Philologie Julius Oppert. Wir bemerken noch, daß Derenburg auch die Mischnah und den Commentar des Aben Esra erklärt. Man wird zugestehen, daß dies nach Verhältniß der jüdischen Bevölkerung in Frankreich eine sehr große Zahl ist, und man kann daraus die Wahrheit des auch in Frankreich nicht selten gegen die Juden erhobenen Borwurfs bemesien, daß sie sich allesammt dem Handelsgeschäfte widmeten. — Die Abzüge, welche von dem Budget des israelitischen Cultus getroffen worden, fangen an, sich recht fühlbar zu machen und Verlegenheiten zu bereiten. Man weiß noch nicht, wie man die Fr. 30,000 für das Seminar, die Rabbinen und Vorbeter ersetzen will und die Versuche, zu diesem Zwecke ein bleibendes Capital zu sammeln, scheinen noch wenig Erfolg gehabt zu haben; denn die Areb. isr. klagen nachdrücklich hierüber und meinen, daß man bei den französischen, besonders den Pariser Juden stets Anklang und Thatkrast finde, wenn es wohlthätige Zwecke gilt, aber sehr geringe, wenn es sich um Cultus-Angelegenheiten handle. Wir wollen nicht glauben, daß dies wirklich so der Fall sei. Die französischen Juden würden sich in sehr unvortheilhafter Weise von ihren übrigen Glaubensgenofien, z. B. in Deutschland, England und Amerika unterscheiden. Beweis dafür die zahllosen schönen, neuen Synagogen, die Anstellung von Rabbinen und Lehrern u. s. w., während in den gedachten Ländern die Juden doch alle übrigen Cultuskosten allein zu tragen haben. Wahrscheinlich ist noch nicht das genügend zündende Feuer dahinter angelegt. Großbritannien. London, 18. Juli. (F. Z.) Der Tempel der portugiesischen Juden soll niedergerissen werden. Derselbe liegt in Bevis Marks und ist im Jahre 1701 erbaut worden. Noch vor wenigen Jahren besaß sie eine zahlreiche Gemeinde und war eines der am Sabbath am stärksten besuchten jüdischen Gotteshäuser Londons. Allein diese Verhältnisse haben sich in letzter Zeit sehr geändert. Die früher armen Juden sind reiche Leute geworden, die City hat sich ausgedehnt, alle Welt eilt, seine Wohnung in den Vorstädten aufzuschlagen. Toleranz ist eingekehrt, wo früher Aberwitz und Verfolgung herrschte, und so sind jetzt die Juden, die sonst auch in London an einen Ghetto-ähnlichen Wohnungsdistrikt gebunden waren, über die ganze Stadt zerstreut, die Gemeinde der Central-Synagoge ist ausgestorben; überall in den Vorstädten haben sich neue Zweig-Gemeinden gebildet, sind neue, leichter erreichbare Gotteshäuser erbaut worden. Nur wenige Andächtige noch finden sich in ihm am Sabbath ein, und so ist es nicht mehr der Mühe werth, das alte Gebäude seinem bisherigen Zweck zu erhalten. — Wie schon erwähnt, ist die portugiesische nicht die älteste, sondern die Zweitälteste Synagoge Londons. Die älteste ist die der deutschen Juden, im Jahre 1<591 in Duke Street, Aldgate erbaut, nachdem auf die Erlaubniß Cromwells die vorher vertriebenen Juden seit 1658 wieder begonnen hatten, nach England zurückzukehren. Zehn Jahre später gründeten dann portugiesische Juden ihre Synagoge in Bevis Marks. — Maitland, eine englische Autorität, behauptet zwar, auch die deutsche Synagoge Londons sei nicht die älteste gewesen, sondern es sei schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts unter Heinrich III. von englischen Juden eine Synagoge auf der Südseite von Lothbury am äußersten Ende von Tlld Jewry gegründet worden, aus deren Gemeinde wenige Jahre daraus bei einer Judenhetze nicht weniger als siebenhundert Personen erschlagen wurden. (Abgesehen hiervon muß noch bemerkt werden, daß allerorten, wo im Occident portugiesische Gemeinden bestanden, sie allmählich von den deutschen Juden verdrängt oder doch weit überstügelt worden. So selbst in Amsterdam, in Paris, Hamburg, Nord-Amerika u. s. w. Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß die portugiesischen Gemeinden von Außen her keinen Zusiuß erhielten, während die deutschen und polnischen Juden durch Einwanderung immermehr anwuchsen.) London, im Juli. Man berichtet von hier, daß im Schooße der reformirten jüdischen Gemeinde Londons (Berkeley Street Synagogue) eine heftige Debatte über folgenden Antrag stattgefunden hat: „Wenn eine Person, die naturgemäß dem israelitischen Glauben angehört, Mitglied der Gemeinde zu sein verlangt, welche eine Heirath contrahirt hat, oder wenn ein Mitglied nachträglich seiner Zulassung contrahirt, welche durch einen Cultusbeamten der Synagoge die synagogale Trauung nicht erhalten kann, so kann dieselbe weder werden noch bleiben Mitglied der Gemeinde; jedoch soll der Verwaltungsrath der Gemeinde das Recht haben, ihr einen Platz im Tempel zu vermiethen; auch kann die fragliche Person eine Stelle auf dem Friedhofe der Gemeinde erhalten, wenn sie jährlich außer der Gebühr sür den Tempel- | sitz eine \ Guinee zahlt. Jndeß kann dieselbe keine anderen! Rechte und Privilegien genießen, welche den Mitgliedern der .'Gemeinde aus Grund ihres Statuts zustehen." — Dieser gegen die Mischehen gerichtete Antrag wurde von einer Anzahl Mitglieder heftig bekämpft und ebenso energisch von 32*