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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-04 · Heft 32 (4.8.1885) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 32 (4.8.1885)
Date
1885-08-04
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 dienen. Aber Stöcker ließ sich dadurch nicht nur nicht bewegen, von seiner bisherigen Thätigkeit abzulasien, sondern er wußte auch die orthodoxen Pastoral Versammlungen und Conscrcnzen stets dahin zu bringen, ihm in begeisterter Weise zuzustimmen. Wie Stöcker sein social-politisches Treiben cinrichtcte, so auch sein kirchenpolitisches, „Partei" war sein Losungswort. Keiner hat so wie er diejenigen, welche seiner massiven Orthodoxie nicht folgen können, heruntergezogen und mit Schmutz beworfen. Er verachtet die gesammte theologische Entwickelung des letzten Jahrhunderts, er versteht sie nicht und will sie nicht verstehen, er hat für sie nur Hohn und Spott. Wer nicht orthodox ist, der ist „meineidig" gegen seine Kirche, er hat kein Recht in ihr, Gewalt und juridisches Recht muß entscheiden. Seine Gesinnungsweise erregte die Bewunderung seiner orthodoxen Amtsbrüder. Recht charakteristisch ist es, daß auf dem letzten Hamburger Protestantentage ein anonvmer Brief, vermuthlich von einem orthodoxen Theologen, zur Verlesung kam. worin die hamburgischen Geistlichen des Protcstantenvereins aufgefordert wurden, als „Meineidige" aus der Kirche auszutreten. Eine rechte Nemesis war es. daß ungefähr zu gleicher Zeit der Berliner Gerichtshof konstatirte. daß das Haupt der Orthodoxen, Hofprediger Stöcker, in Sachen Ewald eine eidliche Aussage gethan, welche sicher nicht mit der objektiven Wahrheit übereinstimmte. Maßlos und unbesonnen war die Handlungsweise dieses Mannes beständig. Mit schlimmen, einem Geistlichen wenig anstehenden Worten verfolgt er seine Gegner. Der Krug geht so lange zu Wasier, bis er bricht. Es kommt im Menschenleben eine Stunde, wo das zurückbezahlt wird, was gesäet war, wo manches offenbar wird, was bisher verschleiert war. Die Verhandlungen des hinter uns liegenden Sensationsproceffes müffen einen evangelischen Geistlichen tief beschämen. Welch' eine Auffaffung des pfarramtlichen Berufs muß da walten, wo man es mit seiner geistlichen Stellung für vereinbar ansieht, in den Schmutz des Parteigetriebes hinabzusteigen, in solcher Weise zu kämpfen, wie es geschehen, und sich Dinge sagen zu lasten, die der geistliche Stand um seiner Würde willen nicht vertragen kann. Man muß staunen, daß die Behörde trotz besserer Erkenntniß dem Manne bisher nicht entgegentrat. Wenn man weiß, welches die Gründe dafür sind, dann muß man über die gegenwärtigen Zustände unseres Kirchenthums aus tiefster Seele klagen. O esterretch-Ungarn. Wien, 23. Juli. (Privatmitth.) Bei allen schmerzlichen Gefühlen, welche die antisemitische Bewegung in uns hervorruft, dürfen wir doch nicht übersehen, daß denselben gegenüber die Intelligenz und der gesunde Sinn des Volkes sich wacker bewährten, und die reaktionären Unholde von sich abschüttelten. Sie war und ist eben ein Kampf zwischen den vorhandenen Resten des alten Borurtheils und Haffes und dem humanen Rechtssinn unserer Zeit. Soweit wir bereits blicken können, gehört dem Letzteren der Sieg. Dies ist keine optimistische Anschauung, sondern ist durch Thatsachen konstatirt, und wir würden uns selbst den größten Schaden thun. wenn wir es nicht anerkennen wollten. Auch hier hat sich dies bewährt. Wenn sie jüngst berichteten, daß in den norddeutschen Studentenschaften das Jntcreffe am Antisemitismus zu weichen beginne, so kann man dies von einem Theile der hiesigen Studenten noch nicht behaupten. Für den bekannten „Deutschen Schulverein" zu Wien wollte sich eine akademische Ortsgruppe konftituiren. Diese Letztere glaubte wahrscheinlich, daß deutsch-akademisch mit antisemitisch gleichbedeutend sei, und beschloß, Israeliten von dem Beitritt zu dieser Ortsgruppe auszuschließen. Schon bei der Beratbung über diesen Antrag erklärte der in der betreffenden Versammlung anwesende Vertreter des Central-Ausfchuffes, daß im Falle der Annahme dieses gegen die Tendenzen und Satzungen des Schulvereins verstoßenden Antrag die Bcreinsleitung die akademische Ortsgruppe nicht alseinen Zweigverein des deutschen Schulvereins anerkennen könnte. Ungeachtet deffen wurde dieser Antrag zum Beschluß erhoben. Bevor dies noch in weiteren Kreisen bekannt und in der Preffe besprochen wurde, berief die Vereinsleitung sofort den Vorstand der akademischen Ortsgruppe zu einer Sitzung und ließ durch den Bereinsobmann Dr. Weitlof sowie den Schriftführer vr. Wolffhardt bekanntgeben, daß sie die neu konstituirte akademische Ortsgruppe nur dann in den großen Verband des deutschen Schulvereins aufnehmen könnte, wenn von dem die Ausschließung der Israeliten aus dieser Orts-! gruppe bezweckenden Beschluffe abgegangen würde. Für die Einberufung der zu diesem Zwecke erforderlichen Hauptversammlung wurde wegen der bereits eingetretenen Universitätsferien ein Termin bis Beginn des Wintersemesters ertheilt. Für die Zwischenzeit wurde auch Vorsorge getroffen, daß der die Israeliten betreffende Ausschließungs > Beschluß nicht zur thatsächlichen Ausführung gelange. Dieser Weg mußte um so mehr eingeschlagen werden, als ein großer Theil der Wiener Studentenschaft mit dem Beschluffe, israelitische Mitglieder aus der akademischen Ortsgruppe auszuschließen, nicht einverstanden ist und diesem Gelegenheit geboten werden soll, durch seinen Einfluß auch von der akademischen Ortsgruppe confesfionelle oder ähnliche Engherzigkeiten fernzuhalten, die in keinem Theile einer so großartigen Institution wie der deuffche Schulverein Raum finden dürfen. Frankreich. Paris, 24. Juli. Hierselbst ist vor einiger Zeit eine praktische Schule der höheren Studien" errichtet worden.

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