Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1885)
- Date
- 1885-08-04
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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512 für das Allgemein^ mit dem Schein von Zuversicht und Autorität thuu, so ist dies geradezu lächerlich. Im Grunde sind jene Anträge und die Beschlüsse, so weit sie jenen entsprechen, doch nur eine völlige Loslösn.-.g vom historischen Fudenthume, so daß von demselben fast nichts übrig bleibt, als was die Deisten der alten und der neueren Zeit bekannten, ein paar abstracte Sätze, die eben nur aus eine individuelle Anschauung sich stützen, aber keine positive Religion aussüllen. Uebrigens ist ein solches Vorgehen im freien Amerika keine Heldenthat, und dabei von „Duldsamkeit" zu sprechen, paßt gar nicht, da ja Jeder heute dieser, morgen jener Gemeinde, die seinen Ansichten enspricht, sich anschließen kann. — Die „Kreuzzeitung" kommt wegen der „Stöckeriade" immermehr aus Rand und Band. Sie wüthet gegen die Richter, das Strafgesetz, die Strafprozeßordnung, das Institut der Vertheidiacr und kommt zuletzt zu dem witzigen Einsall, statt des bekannten „II y a des juges ü. Berlin“ zu sagen: ,11 y a des juifs äBerlin“. Dies ist nun eine unbestreitbare Wahrheit, nur daß es keine Eigcnthümlichkeit Berlins, sondern zahlloser großer und kleiner Städte ist. Wir unsererseits möchten der Kreuzzeitung rathen, in eigener Erkenntniß lieber zu sagen' „II y a des jesnites ä Berlin“ — nur mit dem Vorbehalt, daß wir durchaus nicht glauben, daß das, was man gewöhnlich „Jesuitismus" nennt, eine Besonderheit des Jesuitenordens, sondern auch auf vielen anderen Gebieten verbreitet ist. Berlin, 24. Juli. (Privatmitth.) Daß es sich gegenwärtig um einen Kampf um den Hofprediger Stöcker handelt, davon kann sich jeder leicht überzeugen, der einen Blick in die „Kreuzzeitung" wirst. Hoffentlich wird er keinen so tragischen Ausgang, aber wahrscheinlich auch keinen Sänger, wie der Kamps um Hcctor's Leiche in der Ilias haben. Die „Kreuzzeitung" macht verzweifelte Anstrengungen, und nachdem sie ihre geradezu unsinnigen Jnvectiven gegen das Strafgesetz u. s. w. erschöpft hat, wendet sie sich gegen die Richter, und befindet, daß der Richter im zweiten Prozesse gar nicht befähigt gewesen, dem Stöcker etwas anzuheften, da er „ein getaufter Jude" fei. Das conservative Blatt hat also wenig Respect vor dem, der „im Namen des Königs" das Urtheil verkündet, welches übrigens auch nicht von dem Richter, sondern vom ganzen Collegium ausgeht. Die „Bolksztg." entgegnet, warum denn die „Kreuzzeitung", wenn sie etwas für ihre Partei vorzubringen hat, stets den Herrn Simon v. Zasirow namhaft macht, der doch ein Sohn des hochgelahrten Rabbi Simon aus Greissenberg ist? Nun, die „B. Ztg." hätte noch höhere Beispiele aus der deutschen und preußischen Rechtsverwaltung anführen können. Uebrigens geht die Zersetzung in der Stöcker'schen Partei doch immer weiter vor sich. Jetzt ist es der fanatische Antisemit Otto Glagau, der in einer Abhandlung von 67 Seiten in seinem „Culturkämpfer" aburtheilt. Da wir diese Zeitschrift nicht lesen, so begnügen wir uns mit dem, was die „B. Ztg." daraus hervorhebt. Sie sagt: „In dem neuesten Hefte des „Culturkämpfer" findet sich eine Kritik des Hofprediger Stöcker und seiner Agitation aus der Feder von Otto Glagau, welcher bekannt ist als einer der fanatischsten Antisemiten und sich in diesem Aufsatz wiederholt als persönlichen Freund des Herrn Stöcker bezeichnet und durch den zwischen sich und dem Hofprediger geführten Briefwechsel auch als solchen legitimirt. Herr Glagau sagt von Herrn Stöcker: „Das Unglück des Hofprediger Stöcker ist sein Eid", und sieht als festgestellt an, daß dieser am 24. Januar 1885 vor Gericht einen Falsch-Eid geleistet habe. „In socialpolitischen Dingen sind Stöckers Kenntnisse nur gering; er ist auf diesem Gebiete nur Dilettant", sagt Glagau, und weiter: „Das Programm der Christlich-Socialen enthält nichts Neues und Eigenes, nur Entlehntes und Znsammengetragenes. Auch im Lause der Zeit hat Stöcker in socialer und wirthschaftlicher Hinsicht keine selbständigen Forderungen aufgestellt, sich vielmehr erst allmählig den von anderer Seite sormulirten anbequemt. Daher die Unklarheit, das Schwankende und die Widersprüche, die sich in seinen Vorträgen geltend machten. So erklärte er sich noch Anfangs 1881 gegen die Zwangs-Innung, hinterher für dieselbe. Stöcker ist kein origineller Kopf, und die Gegner werfen ihm nicht mit Unrecht vor, daß er an eigentlichen Gedanken arm sei." Von den Vorträgen Stöckers sagt sein Freund Glagau, daß, je häufiger Stöcker sprach, die Reden an Gehalt und Bedeutung verloren; „er schien manchmal um das Thema verlegen, sprach drauf los und erging sich in Wiederholungen und Phrasen; er haschte förmlich nach dem Effekt"; und weiter: „Die Wahrheit des Ausspruches: die Politik verdirbt den Charakter, ließ sich bei Stöcker nicht ganz verkennen; nachdem er zu Ansehen gekommen, zeigte es sich, daß er nicht frei war von Eitelkeit und Ueberhebung." Glagau hält es für fraglich, ob Stöcker im Parlamente am Platze sei; aus seinem Dilettantismus erkläre es sich, „daß er sich an den praktischen Arbeiten des Parlaments nur wenig betheiligte." Nach Glagau ging Herr Stöcker aus den bekannten Debatten im Abgeordnetenhause „etwas zerzaust und geschunden" hervor, im Uebrigen sagt er von seinem Freunde, daß „Eigenmächtigkeiten und Uebergriffe in der Natur Stöcker's liegen". In Uebereinstimmung mit der „Judenpresse" bezeugt auch der Freund dem Freunde: „Selbstverständlich hat Stöcker durch alle seine Vorträge nicht einen einzigen Sozialdemokraten bekehrt." — Es würde zu weit führen, wollten wir aus der 37 Seiten langen Abhandlung Alles vorführen, was Herr Glagau an Freund Stöcker auszusetzen hat. Jedenfalls zeigt dieser Aussatz, daß es auch unter den enragirtesten Antisemiten immer noch Leute giebt, welche nicht ganz verblendet sind durch den Parteifanatismus, selbst auf die Gefahr hin, von