Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1885)
- Date
- 1885-08-04
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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508 aus der Welt schaffen und reden von allen Dächern. Das ist ja der Vorzug unserer Zeit, daß, wenn sie auch noch allzu geneigt ist, falschen Propheten zu folgen und unwahren Behauptungen Glauben zu schenken, sie doch immer wieder die Mittel besitzt, um die Nebel des Unrechts zu zerstreuen und das volle Licht der Sonne auf die Wahrheit fallen zu lasten. Einstweilen, bis sich die Nachwirkung dieses zweiten Prozestes bei den bisherigen Anhängern Stöckers offenkundig gemacht, kommen noch immer Curiosa aus ihrer Mitte in Bezug auf den ersten Prozeß zum Vorschein. Die positive unirte „Kirchliche Monatsschrift", ein Blatt, welches kirchlich wie politisch Herrn Stöcker sehr nahe steht, äußert sich in ihrer letzten Monats-Umschau auch zum Prozeß Bäcker-Stöcker und sagt darin u. A.: „Es gab im Verlauf der Sache doch Momente, wo sich ihm selbst, wie seinen Freunden, die Norhwendigkeit anfgedrängt haben wird, die Grenzen seiner öffentlichen Thätigkeit einer erneuten Revision zu unterziehen. Wir sagen nicht, die innere, sittliche und kirchliche Berechtigung der von ihm hervorgerufenen Bewegung und seiner Führerschaft, denn darüber ist uns kein Zweifel, Stöcker, der Hofprediger und Volkstribun, ist eine kirchliche Anomalie, aber eine von Gott dem Herrn selber gewollte und gemachte Anomalie. Das glauben wir und bekennen es mit Sympathie. Allein um so ernster wollen die Schranken erwogen sein, die einer solchen, beinahe einzigartigen Thätigkeit gezogen sind: sowohl hinsichtlich der Polemik, die auch in der Hitze der Mensur zwar „gesalzen" (Marc. 9, 50), aber nicht gepfeffert sein soll, die göttlich betrüben und beschämen, aber nicht menschlich verletzen darf, und die vor allen den Thatsachen gegenüber auch in Nebenpunkten Recht behalten muß, wenn der Pfeil nicht zurückprallen soll; aber eben so auch hinsichtlich des Umfanges der Aktion, namentlich der directen Einwirkung auf die persönlichen Wahlkämpfe, die uns schon längst erhebliche Bedenken eingcflößt hat. Auch das zu sagen, waren wir der Wahrheit schuldig." Tie Herren, die dieses schrieben und veröffentlichten, dürften wahrlich nicht mehr von dem „Jesuitismus" auf einem andern kirchlichen Gebiete reden. Sie wollen einen anderen sittlichen Maaßstab an andere Geistliche legen, als an Stöcker. Diesem sollen die von ihnen selbst getadelten Ausschreitungen gestattet sein und bleiben, weil er — doch in seinen sittlichen Defecten. in allem Dem, was die Gerichte an ihm fanden, eine „von Gott gewollte und gemachte Anomalie" sei! Was doch alles dem lieben Gott zugeschoben wird! Es ist dies doch im Wesen nichts anderes, als jener Ruf der Kreuzfahrer und Dragvnaden: „Gott will es!" und hier „will" er es nicht bloß, sondern „macht" es auch! Dem allerheiligsten Gotte, dem vollkommensten Wesen werden die sittlichen Unvollkommenheiten, deren sich ein Mensch schuldig macht, die Hetzereien und Verfolgungen gegen eine ganze Menschenclaste, gegen einen zahlreichen Theil des Volkes als sein „Wille" und sein „Thun" zugeschrieben! Dies ist doch unsägliche Begriffsverwirrung, das ist eine sehr schiefe Vorstellung von der Gottheit, die wir mit Bedauern in der Mitte eines geistlichen Kreises gewahren! Und weshalb? Weil sie glauben, daß Stöcker durch seine Bolksreden einen Theil des Volkes für die Kirche gewinne, ohne zu ahnen, daß er ihr andererseits unermeßlich schadet. Zum Schluffe wollen wir noch einige Bemerkungen der „Franks. Z." über die Zustimmungsliste für Stöcker anfügen. Sie sagt u. A. „Der Reichsbote" macht sich das Vergnügen, die Liste der Stöckereidhelfer zu mustern und zu gruppiren. Mehr als 2000 Personen haben bezeugt, daß er der beste Ehrenmann sei; Männer aller Stände und Berufe, 22 Reichstagsabgeordnete, 42 Landtagsabgeordnete, 11 Profefforen an Hochschulen, 39 Gymnasialdirectoren und Lehrer, 148 Seminar- und Bolksschullehrer, 49 Militärs a. D. oder z. D., 20 Apotheker, 22 Aerzte, aber Paftores Tausend und Eins. Uns interessirt zumeist die erste Ziffer; Herr Stöcker ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und des Reichstages, in jenem sitzen 110, in diesem 72 Conservative; von ersteren fehlen also mehr als 80, von letzteren 50 in der Ehrengarde und da der Ausruf öffentlich ergangen, fehlen sie nicht etwa zufällig, sondern absichtlich. Das ist bös, nicht nur quantitativ, sondern qualitativ, denn mit zwei Ausnahmen haben gerade die angesehenen Mitglieder der Partei der Aufforderung, dem Fractionscollegen in seinen Ehrennöthen beizuspringen, nicht Folge geleistet. Einen guten Dienst hat deshalb mit der Liste der „Reichsbote" seinem Herrn nicht erwiesen. Nicht einmal die Musterung der Frommen imponirt und die kirchlichen Organe führen eine etwas beklommene Sprache." Betreffs der oben angeführten Stelle der „Kirchlichen Monatsschrift" sagt sie: „Der „Prophet der Wahrheit" eine von Gott gewollte und gemachte Anomalie — das ist für die normale Welt das Schnurrigste, was sie bis dato in Sachen Stöckers erfahren hat." Eine gewichtige Stimme aus dem bisherigen Lager Stöckers ist die folgende: ' Geh. Rath Dr. Geffken hat dem „Hamb. Corr." eine längere Zuschrift zugehen lasten, worin er erläutert, warum er an der Erklärung für Herrn Stöcker sich nicht betheiligt | habe. Herr Geffken ist der Ansicht, daß für Herrn Stöcker! der Beweggrund maßgebend gewesen, „ihn jammerte des j Volks." Dagegen findet er die Agitation desselben inhaltsi los und unpraktisch. Herr G. sagt u. A.: „Das erste Er-! forderniß für soziale Reformen ist, daß sie practisch durch-! führbar und wirksam sind, stellt man Forderungen aus, die