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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-28 · Heft 31 (28.7.1885) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 31 (28.7.1885)
Date
1885-07-28
Page
Seite 495 (sequence 7)
Language
German
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495 Weit interessanter aber ist, wer nicht unterschrieben hat. Warum mag wohl der alte Herr v. Meyer-Arnswalde fehlen? Wo sind die Herren v. Köller, der Präsident des Abgeordnetenhauses und sein Bruder im Reichstag, wo Gras Moltke, Herr v. Helldorf, Freiherr v. Maltzahn, Freiherr v. Minnigcrode, Herr v. Wedell-Malchow, der Präsident v. Wedell- Piesdorf? Dies dürften doch unbestritten die angesehensten Namen der konservativen Partei sein. Selbst Herr Ackermann fehlt, ebenso Herr v. Colmar und Herr v. Massow. Wie gesagt, es fehlen mindestens Hundert, und so lange diese ihre Unterschrift nicht hergegeten haben, ist man zu der Annahme berechtigt, daß ste es ablehnen, ihrem Frakrionsgenossen Stöcker eine offene Ehrenerklärung zu geben. Das ist ein böses Ding, und die Adresse wird sehr gegen den Willen ihrer Urheber einen genauen arithmetischen Maßstab für die Werthschätzung geben, deren sich Herr Stöcker nach dem Prozeß bei den eigenen Fraktionsgenossen erfreut. — Stöcker ist schon wieder in einen Prozeß verwickelt, nämlich gegen den Redakteur der „Mindener Ztg.", Peter Leonardy. Ob diese Erlebnisie eines Geistlichen der protestantischen Kirche, wenigstens dem orthodoxen Theile derselben zum Heile gereichen, ob sie nicht vielmehr dem Jndifferentismus und Unglauben Vorschub leisten, ist wohl kaum fraglich. Berlin, 14. Juli. Der in vor. Nummer wiedergegebene Artikel der „Franks. Ztg." über Prof. A. Wagner hat einen schwer empfundenen Hieb ausgetheilt. Die „Kreuz-Zeitung" und der Stöcker'sche „Reichsbote" sind wüthend darüber; sie helfen sich zuletzt damit, daß sie behaupten, dieser Berliner Correspondent der „Frkf. Ztg." sei ein Jude. Der letztere bleibt die Antwort nicht schuldig. Er entgegnet: „Das fromme Blatt giebt seinem Unbehagen über die Situation und unserer Kritik der Adresie weiteren Ausdruck dadurch, daß es nach bekannten Mustern lügt und schimpft. Es behauptet, unser neulicher Artikel rühre von „irgend einem jüdischen Correspondenten" her. Die Aufnahme in das Judenthum, die mir hier widerfährt, wäre bei meinem Alter eine schmerzliche. Kein zweites Berliner Blatt liest die „Frf. Z." so aufmerksam und benutzt sie, zumal ihre Correspondenzen und Depeschen aus Berlin, so ausgiebig, wie gerade der „Reichsbote". Ich habe mich über diese Anerkennung meiner journalistischen Leistungen seitens eines Gegners immer gefreut. Es ist daher auch anzunehmen, daß die frommen Herren vom „Reichsboicn" wissen, daß der Berliner Correspondent der „Franks. Ztg." zufällig kein Jude ist. Sollte sie sich aber nicht einer bewußten Unwahrheit schuldig gemacht haben, so ist es mindestens nach bekannten Mustern ein leichtfertiges Umgehen mit der Wahrheit, von einem jüdischen Correspondenten der „Franks. Ztg." zu sprechen. Zufällig ist kein einziger der Berliner Correspondenten der „Franks. Ztg " ein Jude. Es wäre vielleicht überflüssig, diese persönlichen Verhältnisse zu erwähnen, wenn nicht in der fortgesetzten Behauptung der conservativen Blätter, daß die Angriffe in der gegnerischen Presse von Juden herrührten, System läge. Herr Stöcker und seine Freunde nennen einfach seit Jahr und Tag die gesammte gegnerische Presse die jüdische. Wird ihnen dann nachgewiesen, daß darunter Blätter sind, deren Besitzer Christen sind und in deren Redactionen Christen sitzen, so heißt es regelmäßig: „Sie werden aber von jüdischen Correspondenten bedient." Auch das ist in den meisten Fällen eine leichtfertige Behauptung; cs gehört nur eine geringe Kenntniß der journalistischen Verhältnisse Berlins dazu, um zu wissen, daß die Mehrzahl der hiesigen Correspondenten, und gerade die der angesehensten Blätter, und solche, die zu den schärfsten Gegnern Stöckers gehören, nicht Juden, sondern genau so gute Christen sind, wie die Herren, die den Reichsboten redigiren. Das Schärfste und Beste, was gegen Stöcker und sein Treiben geschrieben wird und geschrieben worden ist, rührt von seinen christlichen Gegnern, zum Theil von seinen Amtsbrüdern her." Ueber die Thatsachen selbst spricht der Correspondent sich folgendermaßen aus: „Reichsbote" und „Krcuz-Ztg." fahren fort, weitere Unterschriften zu der Ehrenerklärung für Stöcker zu veröffentlichen. Es ist nicht abzusehen, welchen Effect sic sich davon versprechen und wie sie aus der Falle, die sie durch diese Veranstaltung sich selbst gelegt haben, heranskommen wollen. In den letzten drei Tagen ist zu den bisherigen etwa 60 conservativen Abgeordneten nur die Unterschrift eines einzigen, des Herrn v. Wedell-Malchow, gekommen. Es thut uns leid, daß wir ihn in der Gesellschaft sehen, und wir nehmen zu seiner Ehre an, daß er, ganz hingegeben dem heißen Bemühen, in die Geheimnisse des Börsenverkehrs einzudringen, den Stöckerproceß nicht genau verfolgt hat und ihn nur aus der Darstellung eines conservativen Blattes kennt. Diese vereinzelte Unterschrift läßt aber die Thatsache nur um so prägnanter hervortreten, daß mindestens 100 coirservative Abgeordnete sich bisher nicht haben entschließen können, der öffentlichen Ehrenerklärung für ihren Fractionsgenvssen beizutreten. Was wollen da die 2000 Unterschriften > — so viel mögen es im besten Falle jetzt sein — von Gcistj lichen, Lehrern, Studenten und sonst ganz unbekannten Leuten sagen? Und wenn es 10,000 werden sollten, so ist das gar > nichts. Der „Reichsbote" selbst wird doch zugestehen, daß,! wenn sich zu einem Parteiführer, wie Stöcker, bei solchem Anlaß nur 10,000 Menschen mit ihrer Namensunterschrist bekennen, dies fast identisch ist mit einer Verrufserklärung. Wir bleiben dabei, die ganze Veranstaltung ist eine Schlinge, die sich Herr Stöcker und seine Freunde selbst gedreht haben. Und solange nicht seine sämmtlichen Fractionsgenossen mit j ihrer Unterschrift für ihn cingetreten sind, wird die Zahl der Fehlenden den Maßstab bilden für die moralische Verurthei-

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