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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-28 · Heft 31 (28.7.1885) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 31 (28.7.1885)
Date
1885-07-28
Page
Seite 492 (sequence 4)
Language
German
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492 sendmal Tausende und myriadenmal Myriaden", die ihm „dienen" seinen Willen vollstrecken und zum Gericht Gottes gehören (7, 10), sowie der Seher einen derselben um die Deutung des symbolischen Gesichtes befragt, und sie von ihm erhält. Aehnliches geschieht von den Engeln untereinander in der zweiten Vision, und der Seher hört eine Stimme über dem Flusse, die dem Engel „Gabriel" gebietet, dem Seher das symbolische Gesicht zu erklären (8, 13). Derselbe Gabriel kommt in der dritten Vision nnd belehrt ihn über die 70 Jahrwochen (9, 21). Wie Alles, behandelt auch die vierte Vision dieses Moment ganz ausführlich. Am Ufer des Tigris schaut der Seher einen Engel, den er beschreibt: „einen Mann in Linnen gekleidet, seine Lenden umgürtet mit feinstem Golde, sein Leib Chrysolyth, sein Gesicht flammend wie der Blitz, seine Augen Feuerfackeln, seine Arme und Füße wie geglättetes Erz schimmernd, seine Stimme ungeheures Getöse" (10, 5. 6). Dieser belehrt ihn, daß jedes Volk seinen besonderen Engel hat; so erwähnt er den Obersten des Königreichs Persien, den Griechenlands und den Israels, welchen letzteren er „Michael" benennt. Diese Engel bekämpfen einander für ihre Völker. Der dem Seher erschienene Engel kämpft auch für Israel in außergewöhnlichen Zeiten, wird gegen Antiochus Epiphanes kämpfen und Michael ihm zu Hilfe kommen, wodurch der Sieg für Israel entschieden wird (10, 13. 21. 11, 1. 12, 1). Diesem Engel stehen noch zwei dienend zur Seite (10, 16. 18. 12, 5). Ersterer beschwört die Wahrheit seiner Aussage, indem er beide Hände gegen den Himmel erhebt und bei dem „Ewiglebenden" schwört und schwebt dabei über dem Wasser (12, 6. 7). Es stellen diese Kundgebungen die Existenz der Engel aus viel realere Stufe als alle früheren Aussprüche der h. Schrift. Die Engel werden zu subjectiven Persönlichkeiten. Sie werden zu Wesen mit Namen und bestimmtem Inhalt, sie werden Genien der Völker, kämpfen, leiden und siegen mit ihnen. Der Kampf der Völker auf Erden hat sein Analogon in der Engelwelt und wird dort entschieden. In dieser Lehre steht der zweite Theil des Buches Daniel ganz ifolirt, einzig und allein in der heiligen Schrift. Nicht einmal der erste Theil des Buches Daniel giebt die geringste Handhabe hierzu, obschon er vielfache Veranlassung gehabt hätte, wenn diese Idee und Richtung in dem Verfasser vorhanden gewesen wäre. Wie dem auch sei, auch in der Lehre von der Existenz der Engel sehen wir unverkennbar eine Entwickelung im Verlaufe der Bücher der h. Schrift, aus der ursprünglichen Symbolik bis zur subjectiven Ausgestaltung. Das talmudische Judenthum schloß sich eng an diese Schöpfung des zweiten Theils des Buches Daniel an, und wollen wir hierauf noch einen kurzen Blick werfen. Es war natürlich, daß der neben der Halacha stark sich entwickelnde agadische Geist sich der Engellehre bemächtigte und dem danach verlangenden Volksglauben hierin reichen Stoff bereitete. Bei dem entschiedenen Borwalten der monotheistischen Idee konnte der heidnische Polytheismus, welcher die Naturerscheinungen und Naturkräfte zu Gottheiten stempelte, keinen Raum finden; aber der Zug der Volksseele aus den abstracten Begriffen auch zu greifbaren Gestalten zu kommen, fand in der Engellehre einige Nahrung. Doch müssen wir hier hervorheben, daß die Talmudisten jede Verehrung und Anbetung von Engeln scharf verpönten, da Gebete nur an Gott zu richten seien (Jer. Ber. IX, 13). Das Anbeten irgend eines Wesens, eines Engels oder Schutzheiligen ist deßhalb in das Judenthum niemals eingedrungen. Höchstens kommt es ein- und das andere Mal vor, daß man Gott bittet, einen Schutzengel zu senden. Andererseits stellte sich der Volksglaube die Engel als einen vollständigen Hofstaat Gottes vor. Die „Engel des Dienstes" führen den Willen Gottes in der Natur und in der Geschichte der Völker aus. Wenn der Verfasser des zweiten Theils des Buches Daniel nur zwei Engelnamen anführt, Michael und Gabriel, so müssen die Juden aus Babel doch noch mehrere mitgebracht haben, denn bald gesellen sich zu diesen Raphael und Uriel. Diese vier Engelsfürsten umgeben den Thron Gottes. Später — denn der Name ist griechischen Ursprungs — figurirt auch der Metatron, als Höchster der Engel, der vor Gottes Angesicht am nächsten steht, aber als solcher mit Michael, dem Schutzengel Israels, von Vielen für identisch gehalten wird. Bald kannte man auch „Engel des Guten", welche die Frommen, und „Engel des Bösen", die die Sünder begleiten, einen „Engel des Lebens" und einen „Engel des Todes". Des Letztereren bemächtigte sich der Volksglaube besonders; er trägt ein gezücktes Schwert in der Hand, an welchem ein Gifttropsen hängt; nun stellt er sich zu Häupten des Sterbenden, dieser erblickt den Tropfen, wird erschreckt, öffnet seinen Mund und der Tropfen fällt hinein, der den Tod und die Verwesung bewirkt (Ab. Sar. 20, 2). Ebenso dachte man sich einen Engel des Gebetes, der alle Gebete, die in den Synagogen verrichtet werden, hinaufträgt und Kronen daraus bereitet. Es währt auch nicht lange, daß sich der allgemein verbreitete Volksglaube an Geister und Gespenster auch unter den Juden heimisch machte und zu einer reichen Legendenmasse anwuchs; wir erinnern z. B. an das Nachtgespenst der Lilith und an die Schedim, bei welchen die Geister der Gestorbenen ihre Rolle spielten. Mit diesen Grundzügen müssen wir uns hier begnügen. Gideon Brecher hat in dem, uns augenblicklich nicht zur Hand liegenden Buche „Das Transceudentale im Talmud" der Angelologie ein iuteressantes Capitel gewidmet. Wurden hierdurch die Vorstellungen vom Uebersinnlichen im Bolksgeiste vielfach verdunkelt, so befriedigt es doch, nichts davon in das eigentliche Dogma des Judenthums eingedrungen zu

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