Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1885)
- Date
- 1885-07-28
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
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Ewige bin." In ganz gleicher Weise sprechen die Berichte im ersten Theile des Buches Daniel es aus, daß die Ent- Wickelung der Ereignisse auch die Chaldäer zur Erkenntniß des einig einzigen Gottes, wenn auch nur vorübergehend, brachte. Der Blick der Propheten ging über dieses Schwanken im Geiste der Nationen hinaus und sah die Zeit kommen, wo die Gotteserkenntniß über die ganze Erde verbreitet und alle Bewohner denselben Gott als einzig erkennen und anbeten werden. Daß also das Ziel des Judenthums in dieser Gotteserkenntniß gelegen sei. kann nicht bezweifelt werden, und deshalb darf bei dem jüdischen Religionsunterrichte von dessen Beginn an dieses Ziel nicht aus den Augen gelassen werden und muß vielmehr auch bei Anwendung der Unterrichtsmittel das belebende Element bilden. Selbstverständlich kann hiermit nicht der abstrakte Begriff Gottes allein gemeint sein. Dieser muß vielmehr nach dem Borbilde der h. Schrift erfaßt werden als der „Allerheiligste", d. h. als das Ideal und der Inbegriff aller sittlichen Vollkommenheiten, alles Wahren, Guten und Schönen, sich bethätigend in allen Beziehungen zur Natur und zur Menschenwelt, der Jugend klar gemacht durch den Hinweis auf die Herrlichkeiten der göttlichen Schöpfung, sowie auf die sittliche Weltordnung in den Geschicken der Völker und der Menschen, in der fortschreitenden Entwickelung des Menschengeschlechts, in der Vorsehung und Vergeltung. So muß der Gottesbegriff aus den höchsten und allgemeinsten Regionen bis zum Individuum als unmittelbar und den seelischen Zuständen jedes Einzelnen nahe geführt werden, wiederum nach dem Vorbilde der h. Schrift, welche innerhalb der Religion der Menschheit und der Religion Israels, namentlich in den Psalmen und Hiob zur Religion des Individuums kommt. Alle diese Erkenntnisse müssen wie vom Verstände erfaßt, auch vom Herzen ergriffen und von allen geistigen Fähigkeiten des Menschen in sich aufgenommen werden, und dies muß in der jugendlichen Seele vor sich gehen und hier Liebe und Begeisterung Hervorrufen, weil ohne dies der religiöse Unterricht ohne wesentlichen Erfolg bleibt. Erkennt erst die Jugend, daß sie in Gott allein die Quelle alles Guten, aller Tugend und Pflichterfüllung, alles Bestandes und Heiles anzuschauen hat, daß darum der Mensch als ein Ebenbild Gottes geschaffen verkündet und ihm als höchstes Gebot die „Heiligung, wie Gott heilig ist", also das Streben nach sittlicher Vervollkommnung, nach Erweiterung seines geistigen und sittlichen Gehaltes auferlegt worden — so ist in ihr auch ein unerschütterliches Fundament für das ganze Leben gewonnen, das im Gewühle des Lebens wohl eine Zeitlang verlassen werden kann, zu dem aber auch der durch die Leidenschaft irregeleitete Geist immer wieder zurückkehrt und Frieden und Sicherheit wieder erlangt. Darum lautet eine der höchsten Anforderungen an den Menschen: „Liebe den Ewigen, Deinen Gott mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen." Darum spricht Moses (5. Mos. 10, 12): „Und nun, Israel, was fordert der Ewige, Dein Gott, von Dir, als daß Du ehrfürchtest den Ewigen, Deinen Gott, in allen seinen Wegen wandelst, und ihn liebest und dem Ewigen Deinem Gott dienest mit Deinem ganzen Herzen und mit Deiner ganzen Seele." Dieses „in denWegenGottes wandeln" und dieses „Dienen" besteht aber nur in der „Heiligung" des Menschen, in dem Streben nach jeder sittlichen Tugend im Hinblick auf Gott, in der Erfüllung jeglicher Pflicht, mit dem Bewußsein, sich dadurch Gott zu nähern. Darum spricht der Prophet Michah (6,8): „Verkündet hat er Dir, o Mensch, was gut und was der Ewige von Dir fordert: nur Recht zu üben und Huld zu lieben und demüthig zu wandeln mit Deinem Gotte." Dies Alles in die Seele der Jugend zu senken, und zwar in immer weiterer Ausführung und durch die Kenntniß der Geschichte Israels und der h. Schrift, möglichst in der Ursprache, und das Verständniß der Gebete und Satzungen begründet und gestärkt — dies ist das Ziel des jüdischen Religionsunterrichtes, dessen Ziel und Zweck, Aufgabe und Inhalt. Deshalb kann es nur als eine Verirrung betrachtet werden, wenn von Einigen die israelitische Religionslehre im Religionsunterrichte als nebensächlich oder überflüssig angesehen oder auf die letzte Zeit des Unterrichtes verlegt wird, nur um dem Unterricht in der biblischen Geschichte, im Hebräischen und in den Satzungen den ganzen Raum vorzubehalten. Wir freuen uns darum, daß in den jüngsten Versammlungen und Verhandlungen diese irrige Ansicht nur wenige Vertreter gefunden, vielmehr der israelitischen Religionslehre der erste und wichtigste Platz zuerkannt worden. Wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß auch der Unterricht in der Religionslehre methodisch vor sich gehen und besonders den Altersstufen und dem Fortschreiten des jugendlichen Geistes angemessen sein muß. Aber hier vor Allem darf die Methode den Geist nicht erdrücken, nicht pedantisch und ängstlich beachtet werden; hier ist es, wo der Geist allein lebendig macht, wo nicht durch bloßes Auswendiglernen und Wortkram die kindliche und jugendliche Seele dem heiligen Gegenstände abwendig gemacht werden darf; wo vielmehr durch beständiges Hereinziehen von Beispielen und Bildern aus der Natur und der Geschichte die Seele des Schülers und der Schülerin angezogen und aufgeklärt werden muß; hier ist cs, wo durch die richtige Methode das eigene Denken und Fühlen des jungen Menschen zu wecken und auf die richtige Bahn zu leiten ist. Fürwahr, dem Lehrer, der selbst am Denken Lust hat und dessen Herz voll und warm schlägt, der auch weiteres Studium und sorgfältiges Borbereiten nicht scheut, wird es nicht zu schwer fallen, die Fackel der Religion in jugendlichen Geistern zu entzünden und immer fröhlicher aufflammcn zu machen, daß sie im Leben nimmer verlösche. Sein Wort und sein