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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-21 · Heft 30 (21.7.1885) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 30 (21.7.1885)
Date
1885-07-21
Page
Seite 486 (sequence 14)
Language
German
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486 weil sie ihre Jünger vom Studium des Talmuds ablenkt und sie den modernen Wissensfächern zuwendet, verketzert wurde. Nachdem Tscherni diese Anstalt absolvirt hatte, machte er sich nach dem fernen Süden — nach Odessa auf — trat er in die Agriculturschule ein. Ob er diese auch absolvirt hat, ist mir unbekannt, ebenso weiß ich nicht, was ihn veranlaßt hat, im Kaukasus eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Ich weiß nur, daß am Anfänge der Sechziger Jahre er schon größere Reisen im Kaukasus unternahm und in den Jahren 1863 und 1864 begegneten wir schon seinen interessanten Berichten in den Zeitschriften „Hakarmel„ „Hamagid" und „Hamewasser". Um diese Zeit tritt er auch in Correspondenz mit den Repräsentanten der Alliance israelite A. Cremieux und Albert Cohn, mit den Gelehrten und Schriftstellern S. D. Luzatto in Padua, Michel Sachs in Berlin, S. Cohn in Pest, Redacteur der „Neuesten Post", D. Lurie in Minsk, K. Schulmann in Wilna, welche Berichte „die Ueberbleibsel der „zehn Stämme" zwischen den Dagcstangebirgen, in Transkaukasien, Persien, und in der Bocharei" zuin Gegenstand hatten und viel von sich reden machten. Im Jahre 1864 finden wir ihn in Petersburg, wo er dem „Verein zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" ein Memorandum über die Juden im Kaukasus persönlich überreicht, in welchem er den Verein angeht, sich des harten Schicksals der letzteren anzunehmen und solgende 4 Punkte in Vorschlag bringt, a) sich bei der Regierung zu verwenden, die Juden von Dagestan von den übermäßigen Steuern und dem unerträglichen Joche der örtlichen Potentaten, der Chane und Becke zu befreien und sie unter die unmittelbare Oberhoheit Rußland gleich den Unterthanen des Reiches zu stellen. h) Jeschiboth zu gründen zur Heranbildung von Rabbinen und Schächtern, mit denen es dort bis jetzt schlimm bestellt wäre, c) Eröffnung von Elementarschulen, an welchen dort bis jetzt ein völliger Mangel herrscht und ä) Lehrer ausfindig zu machen, welche des Persischen kundig sind. Durch die Annahme dieser Vorschläge könnte seiner Meinung nach der unsäglichen Noth und Unwissenheit der dortigen Juden eigentlich abgeholfen werden. Bald daraus sehen wir den seiner Zeit rühmlichst bekannten Rabbi Süffele Rappaport und Rabbiner Minor aus Minsk beim „Vereine" für Tscherni sich verwenden, sein Projekt befürworten und ihn selbst als den Mann empfehlen, welcher am Meisten geeignet wäre, an die Spitze einer solchen Mission gestellt zu werden. Der Verein ließ es sich angelegen sein, und wandte sich an das kaukasische Berwaltunascomite und an den Gouverneur von Dagestan, ihm möglichst genaue Auskunft über die Juden seines Ressorts geben und anrathen zu wollen, was für dieselben zu thun wäre, worauf vom selben bald eine eingehende und den Bestrebungen des Vereins, die Lage der Dagestaner Juden zu heben, sympathisirende Antwort erfolgte. Seit jener Zeit nahm das Interesse des Vereins für die Juden in russischen Orten eine greifbare Gestalt an, welche die schönsten Früchte tragen könnte, wenn nicht Verschiedenes dazwischen gekommen wäre, worauf wir gelegentlich noch zurückkommen werden. Hier begnügen wir uns, zu constatiren, daß das Interesse, welches für die besagten Glaubensgenossen geweckt wurde, was nicht wenig zur Milderung ihrer Noth beigetragen hat, ein Verdienst ist, welches Tscherni zugeschricben werden muß. Im Jahre 1867 vom Vereine unterstützt und mit einem Schutzbrief vom Großfürsten Michael Nikolajewitsch, dem damaligen Statthalter vom Kaukasus an alle Behörden seines Ressorts, „den Reisenden in seinen Forschungen zu unterstützen", versehen, tritt Tscherni seine Reise im Kaukasus und in den Provinzen jenseits desselben an, als deren Resultat das vorliegende Werk zu bezeichnen ist. Zur Reproduction eines Kapitels aus demselben gehe ich nun über. Am Montag den 18. Ab (7. August), erzählt I. Tscherni, bin ich im untern Dorfe Rukal angelangt. Ich frug den Rabbiner Rabbi Nisim: „Ist hier das Dorf, wo sind denn die Häuser?" „Hier in diesen Gruben, im Schoße der Erde wohnen die Kinder Israels", antwortete er ganz gelassen, als ob es für ihn nichts Außergewöhnliches wäre. Wir stiegen von unseren Pferden ab, welche der „Nucker" (officieller Wegweiser) an das auf der Straße liegende Gehölz band, und darauf machten wir uns nach den angesehensten dieser Gruben auf. Wir ließen uns in eine liefe Höhle hinunter, welche von einem aus Reisern, Lehm, Sand und kleinen Steinchcn construirten, ungefähr eine Elle über der Oberfläche der Erde sich erhebenden Dache bedeckt war. Als Fenster diente eine, eine halbe Elle lange und breite Oeffnung ohne Glas, durch welche die Sonnenstrahlen nur spärlich eindringen, weswegen es in der Höhle sehr dunkel war. Der Fußboden war bedeckt mit ordinären Teppichen, in den übrigen Erdhütten gab es auch solche nicht. Das Fenster verstellten sie mit Holzklumpen oder Lumpenstücken. Die Wände waren blos mit Lehm bestrichen. In solchen Wohnungen leben hier unsere Brüder! Als ich in die Erdhütte kam, haben mir die Insassen ein Kissen zum Sitzen vorgelegt, sie selbst ließen sich auf die kahle Erde nieder. Bald versammelten sich hier einige Juden und zwar Greise und Krüppel, die arbeitsunfähig waren. „Wo ist euere Gemeinde"? frug ich. „Alle sind gegenwärtig an der Arbeit auf den Feldern der Gebieter", war die Antwort. Sofort schickte ich den „Nucker" zum Aeltesten nach dem oberen Dorfe, ein großes, von Muselmännern bewohntes Dorf, welches der Wohnsitz der Gebieter und des Aeltesten ist. Nach einer halben Stunde kam der Aelteste zu mir. Man konnte cs ihm bald ansehen, daß er gerade kein Judenfreund war. Ich zeigte ihm den Geleitsbrief vom Gouverneur zu Derbent, laut welchem er ver-

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