Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1885)
- Date
- 1885-07-21
- Page
- Seite 479 (sequence 7)
- Language
- German
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479 er als Antisemit es sich zur Aufgabe gestellt habe, die Auswüchse des Judenthums zu geißeln und vorliegend im guten Glauben nur über das Ziel hinaus geschossen habe", (N) nur zu Mk. 75 verurtheilt. In der Appellation urtheilte das Landgericht anders. Der Gerichtshof war der Ansicht, daß durch eine Zeitungsnummer, die der Redakteur nur einmal zeichne, auch nur j eine Strafthat begangen werden könne, möchten in der Nummer auch noch so viele strafbare Artikel enthalten sein. Dagegen sei das Strafmaß seitens des ersten Richters allerdings zu niedrig gegriffen. Es möge die Tendenz der „Wahrheit" sein, die Auswüchse des Judcnthums zu geißeln. Man möge über die Berechtigung einer solchen Tendenz denken, wie man wolle, durch die incriminirten Artikel seien die Auswüchse des Judenthums nicht gegeißelt worden, sondern, nur Persönlichkeiten, nicht das Judenthum. Es seien auch gar keine Auswüchse desselben angezogen worden. Bei der Groblichkeit der einzelnen Beleidigungen habe die erkannte Strafe erheblich erhöht werden müffen und sei dieselbe auf 30u Mark ev. 30 Tage Gefängniß bemessen worden. Leipzig, den 9. Juli. (Privatmitth.) So sehr sich auch im großen Publikum die antisemitische Erregung zu legen begonnen hat, und so viele antisemitische Agitatoren sich bereits vor der Oeffentlichkeit compromittirt haben, so fehlt es immer noch nicht an Literaten, die sich alle Mühe geben, das erlöschende Feuer wieder aufzufrischen. Jndeß ist es wohl kaum der Mühe werth, auf dergleichen Expcctorationen näher einzugehen, da sie doch nur oft Widerlegtes aber- und abermals zu Markte bringen, ohne auf die gründlichsten Entgegnungen anders als durch Jgnoriren zu antworten. Bon den „Grenzboten", deren Allüren und Existenzmittel ja bekannt sind, kann man sich dessen stets gewärtig sein. In No. 27 wird der Stöcker-Bäcker'sche Proceß benutzt, nicht um die durch ihn constatirteu Thatfachen zu würdigen, sondern gegen die Juden loszuziehen. Dadurch glaubt man die Aufmerksamkeit des Publikums von den eigentlichen Ergebnissen des Proceffes abzulenken.— In No.27 der „Europa" wird das Kapitel über die Juden in Mommseu's 5. Bande seiner römischen Geschichte, trotz der offenbaren großen Mängel und der absichtlichen Tendenz dieses Kapitels, im höchsten Grade beräuchert. — Ich begnüge mich heute mit diesen Hinweisungen. Frankfurt a. M., den 8. Juli. Für die hiesige israelitische Religionsschule ist ein Grundstück gekauft worden, auf welchem für sie ein eigenes Schulgebäude errichtet werden soll. Es ist dies wohl das erste Beispiel, daß eine israelitische Religionsschule ein eigenes, nur für sie bestimmtes Gebäude erhält. Man sieht hieraus, daß die Institution der Religionsschule langsam, aber sicher in den 50 Jahren ihres Bestehens in Deutschland Fortschritte gemacht hat. Magdeburg, 70. Juli. Unter der Spitzmarke „Den Eidhelfern des Zeugen Stöcker ins Album" bringt die „Magd. Ztg." eine Auslastung des „Dtfcb. Ev. Bl." des Professors der Theologie Vr. Beyschlag in Halle a. S. über den Proceß Stöcker - Bäcker und deffen Resultat, der wir Folgendes entnehmen: „Nicht ohne Mitgefühl kann der christliche Gegner still stehen vor diesem moralischen Ende der Stöcker'schen Staats-, Kirchen- und Gesellschaftsreform. Denn dieser Spruch unparteiischer Richter, der den Träger derselben als leichtfertig charakterisirt, ist das moralische Ende, wenn auch der äußere Spectakel einstweilen weitergehen wird. Welcher edlere Mensch hätte nicht Theilnahme für Talent, Muth, Thatkraft, die sich in den Dienst großer, humaner, patriotischer und christlicher Aufgaben stellen. Aber wer die Fahne christlicher Reform ins öffentliche Leben der Zeit hinaus tragen will, muß an Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit das Mittelmaß überragen, nicht unter dasselbe hinabgleiten, er muß ein Ritter nicht bloß ohne Furcht, sondern auch ohne Tadel sein. Tie intellectuelle wie ethische Unzulänglichkeit, mit der Stöcker an seine Aufgabe ging, war sehr bald jedem Unbefangenen klar und hat sich während seiner öffentlichen Wirksamkeit immer wieder von Neuem so handgreiflich herausgestellt, daß man staunen muß über den kurzsichtigen und leichtsinnigen Beifall, mit welchem weite conservative und Pastorale Kreise sein Auftreten begleitet haben und durch den sie an der nun zu Fall gekommenen Selbstüberhebung des beklagenswerthen Mannes mit schuld geworden sind. Ich verzichte darauf dies hier näher auszuführen, und will nur ausdrücklich aussprechen, daß auch ich Herrn Stöcker keine bewußten und absichtlichen Unwahrheiten zutraue, — nur daß sein Unterscheidungsvermögen für Wahrheit und Unwahrheit sehr wenig ausgebildet und daß überhaupt von der christlichen Behütung der Zunge bei ihm wenig zu spüren ist, das werden auch seine besten Freunde nicht in Abrede stellen. Inmitten aller Selbsttäuschungen aber mußte mindestens eine Erkenntniß ihm zugemuthet werden, die Unvereinbarkeit des Geistlichen und dieser Agitatorenrolle. Auf der Kanzel die geweihte Sprache der evangelischen Predigt handhaben und in der Bolksversammlung die unreinlichen Schlag- und Witzworte des Demagogen ausmünzen, als Seelsorger das Vertrauen von Gemeindegliedern der verschiedenen politischen Denkarten in Anspruch nehmen und als politischer Parteiführer die Parteileidenschasten anschüren helfen und die Gegner mit Schimpfworten traktiren, das sind schlechterdings unverträgliche Dinge. Ob in dieser Hinsicht dem öffentlichen Rechts- und Anstandsgefühl nunmehr eine Folge gegeben werden wird, muß man abwarten." Liegnitz, den 7. Juli. Von hier wird berichtet, daß nächsten Donnerstag in dem liberalen kirchlichen Verein Prof, i Baumgarten einen Bortrag halten werde, deffen Thema