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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-21 · Heft 30 (21.7.1885) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 30 (21.7.1885)
Date
1885-07-21
Page
Seite 478 (sequence 6)
Language
German
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478 dem Verbrecher Gerechtigkeit zu üben, ihm zu geben, was er könne, dem Alten Testament eine unnütze Härte und einen verdient hat, darum ist die einzige richtige Straftheorie „die Mangel an Liebe zu imputiren. — Uebrigens haben ja auch Wiedervergeltung (jus talionis)." — „Auge um Auge, Zahn 1 die Lehrer in Israel schon frühzeitig, schon während des um Zahn" lautet die einzige zutreffende Formel der strafenden zweiten Tempels, als sich das mosaisch-jüdische Recht zu ent- Gerechtigkeit." — Man muß wirklich staunen, daß, nachdem wickeln begann und in vorkommenden Fällen seine Anwenvor circa einem Jahrhundert der größte Denker der Deutschen, düng fand, in dem „Auge um Auge, Zahn um Zahn" nur Kant, das „Auge um Auge, Zahn um Zahn" als die einzig den Gedanken einer ausgleichendcn Gerechtigkeit erkannt und zutreffende Formel der strafenden Gerechtigkeit erklärt hat, daher festgesetzt, daß z. B. für verletzte Glieder durch eine noch jetzt in den Schulen daffelbe dazu verwerthet werden : compensatorische Geldentschädigung Genüge geschehen solle. — SScUVt/j/vcpvi<xc Ij m c [jtew Deutschland. Berlin, 12. Juli. Die Zahl der ausgewiesenen russischen und österreichischen Unterthanen beläuft sich jetzt auf rund 30 000, worunter circa 4000 Juden. Sie sind aber nicht gezwungen, in ihr Vaterland zurückzukehren. Es steht ihnen frei, zu gehen, wohin sie wollen, wie denn auch Viele nach Amerika, der Schweiz und anderen Ländern gehen. — — Der Berliner Correspondent der „Frankfurter Ztg." lichen in der conservativen Preffe gezogen haben — gar nichts! Es bleibt dabei — und diese Erscheinung zu fixiren, darauf kam es uns an — daß die Freunde des Hofpredigers Stöcker, um die durch den Proceß enthüllten Defecte desselben zu beschönigen, sich selbst derselben Defecte für fähig erklären. „Das kann uns Allen passiven!" sagt die „Kreuzztg."; und dasselbe hat, auch nach seiner eigenen Angabe, Herr Wagner sagen wollen. Das religiöse Mäntelchen, in das er seine Aeußerungen hüllt, ändert daran nichts. Wir denken selbst macht über Prof. Adolf Wagner Bemerkungen, von denen j jetzt noch zu gut von Herrn Wagner, als daß wir glauben wir einige hier anführen wollen: „Herr Adolf Wagner will nicht gesagt haben: Wer von uns hätte denn noch nichts begangen, das gerade nicht zur öffentlichen Kenntniß gekommen ist, und das sonst gleichfalls eine Bestrafung nach sich gezogen hätte. Er glaubt — „durchaus dem Sinne und annähernd dem Wortlaut nach" — gesagt zu haben: „Wer von uns sündigen Menschen ist sich nicht bewußt, im Leben vieles gethan zu haben, das zwar unter kein menschliches Strafgesetz fällt, aber vor Gott und dem eigenen Gewiffen sichtlich nicht bester ist, als das, was einen andern vor den Strafrichter führte." Herr Wagner giebt selbst zu, daß er nicht mehr genau weiß, was er gesagt hat. Das ist ihm auf's Wort zu glauben. Er gehörte schon, als er noch nicht durch die christlich.sociale Agitation in einen Zustand permanenter Aufregung und Gereiztheit versetzt war, zu denjenigen Schnellsprechern, denen selbst geübte Stenographen schwer zu folgen vermögen; in den letzten Jahren aber ist sein öffentliches Auftreten stets von einer Heftigkeit, daß man, auch ohne daß er es versichert, annehmen darf, er wiste oft selbst sollten, er habe „vieles im Leben gethan, was zwar unter kein Strafgesetz fällt, aber sittlich nicht bester ist, als das, was einen andern vor dem Strafrichter führte." Herr Wagner renommirt auch hier zu Gunsten seines Freundes Stöcker mit moralischen Mängeln, die er nicht besitzt, und daß das seine sämmtlichen Freunde und Namens der konservativen Partei die „Kreuzztg." thut, das war es ja, was wir öffentlich feststellen wollten. Hat Herr Wagner wirklich die Ueberzeugung, nur die Unvollkommenheit der menschlichen Strafgesetze sei die Ursache, daß er noch nicht vor den Strafrichter gekommen ist, so ist es seine Pflicht, von der öffentlichen Wirksamkeit zurückzutrcten. Wer so tief von der Sündhaftigkeit seines eigenen Charakters überzeugt ist, der ist am wenigsten berufen, die Hetze gegen eine ganze Elaste von Staatsbürgern zu leiten und diese besonderer Fehler und verderblicher Eigenschaften anzuklagen. Wenn Herr Wagner den Spruch: „Wir sind allzumal Sünder" zum Ausgangspunkt seiner Beurtheilung öffentlicher Vorgänge nimmt, so ist sein Platz nicht an der Spitze der antisemitischen Bewegung, sondern — geh' in nicht, was er sagt. Wie Herr Wagner den betreffenden Satz! ein Kloster, Adolf!" gesprochen hat, dürste jetzt nicht mehr festzustellen sein. Perj sonen, die seine Rede gehört haben, versichern, daß er sich j so vorsichtig, wie er jetzt angiebt, nicht ausgedrückt habe.; Wir wollen aber Herrn Wagner glauben, daß er die Aeußerung so gethan, wie er sie aus dem Gedächtniß reproducirt.' Was wird damit bewiesen? Gegen die Folgerungen, die wir — . Der Redakteur der antisemitischen „Wahrheit" — die seitdem eingegangen — Hektar de Gaußelier hatte den Herrn Dr. Kohut und dessen Gattin in mehreren Artikeln, überschrieben: „Jüdische Geographie," „Monolog eines Preßjuden" u. s. w. schmählich beleidigt und war deßhalb von ihnen angeklagt. Das Schöffengericht hatte den Angeklagten nicht nur aus dieser Aeußerung allein, sondern auch aus ähntrotz der Schwere der Beleidigung mit Rücksicht darauf, „daß

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