Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1885)
- Date
- 1885-07-21
- Page
- Seite 476 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227586--42786-3311375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
476 bene Gebet die Heilung bewirkt habe. Nachmanides erklärt Der erstere, nrcht allzulange nach dem Exil verfaßt, verfolgte die Schlange als ein Symbol der nicht natürlich, sondie Tendenz, die Strömung des ifraelitifchen Geistes auf die dern wunderbar geschehenden Heilung. Und symbolisch bleibt weltbeherrschenden, damals innerasiatischen Nationen und den der Charakter dieses Heilmittels immer. Die Schlange war zeitweiligen geistigen Einfluß jenes auf diese darzulegen. Es schon bei den Egyptern das Symbol der Heilkraft und so wird in diesem Dokumente die wellüberwindende Kraft des erscheint sie auch an den Bildern des Aeskulap und der israelitischen Geistes nachgewiescn, die nicht sowohl durch die Hygiea. Winer sagt deshalb: „Sollte die eherne Schlange Unabhängigkeit des jüdischen Volkes, als vielmehr gerade dem an egyptische Symbole gewöhnten Volk ein Sinnbild durch dessen Zerstreuung hinausgetragen und ausgeübt werde, der Heilung, eine ihrer Anschauung angemessene Stütze des j Das Buch soll zeigen, und die Exulanten damit trösten, daß Glaubens an den in ihrer Mitte gegenwärtigen Gott der bei dem Contakte der heidnischen Völker mit dem jüdischen, Rettung sein?" Wie dem aber auch sei, die kupferne Schlange, und sei letzteres äußerlich noch so tief gebeugt, erstere von die aus der Wüste nach dem h. Lande gebracht und aufge' pflanzt worden, gab zu Götzendienst Veranlassung. Wie uns in 2. Könige 17, 4 berichtet wird, räucherten bis auf die Zeit des Königs Hiskias die Söhne Israels dieser Schlange und man nannte sie Nechuschta." Diejenigen I früheren Könige, welche die Götzenbilder zerstörten, hatten! wahrscheinlich zu viel Respect vor diesen, von Moses selbst! herrührenden — dies wird an der angeführten Stelle her-; vorgehoben — Bilde, um Hand daran zu legen. Hiskias aber unternahm das Wagniß und zertrümmerte die kupferne Schlange, wodurch diesem Götzeneultus für immer ein Ende bereitet war. — Das Symbol geht unmittelbar aus dem Volksgeiste hervor, und der in ihm enthaltene abstrakte Gedanke folgt nach. Die Allegorie im Gegentheil hat den abstrakten Gedanken vor sich und will ihn durch bildliche Darstellung, sei es in Wort, sei es plastisch, zur Anschauung bringen. Je weiter deshalb die geistige Entwickelung fortschreitet, desto mehr verblaßt das Symbol, wird von den Späteren willkürlich behandelt und umgeftaltet, mit der Allegorie vermischt und endlich durch diese gänzlich ersetzt. So entfaltet sich das einfache Symbol zur vielgestaltigen Vision, die jenes mit der Allegorie bereichert und daraus großartige Gemälde schafft, die jedoch an Verständniß verlieren, geheimnißvoll andeuten, ohne zu klarer Erkenntniß ihres Gedankens zu führen. So erging es den mosaischen Cherubim, die allmälig einen ganz anderen Sinn bekamen, eine andere Gestalt annahmen und in welche Ezechiel die Vorstellung von der belebten Schöpfung, welche wiederum über die unbelebte waltet, hineinverpflanzte. So dehnte sich die einfache erhabene Vision des Jesaias mit ihrem ganz bestimmten und klaren Sinne zu der weitläufigen und tiefsinnigen Vision Ezechiels aus, welche versuchte, die ganze Welt Gottes in einem Gemälde darzustellen. Aber auch hiermit war die Entwickelung nicht zu Ende. Aus demselben Lande, wo Ezechiel weilte und prophezieh, um einige Zeit später, tritt uns das Buch Daniel entgegen. Wir haben in nnsercnr Bibelwerke, dann auch in einer Abhandlung in diesem Blatte, die Ansicht vertreten, daß das Buch Daniel aus zwei Theilen besteht (Cap. 1—6 Cap. 7—12). ihm geistig überwunden werden. Ganz anders der zweite Theil, welcher in der Zeit der makkaöäischen Kämpfe gegen Antiochus Epiphanes und die syrische Herrschaft überhaupt, als der Sieg der Judäer noch nicht entschieden war, abgefaßt worden, und verfolgt die Tendenz, im höchsten entscheidenden Momente die Juden zur Glaubenstreue, zur unerschütterlichen Ausdauer, anzuspornen und zu begeistern. Wie in diesen ihren Zwecken, so unterscheiden sich diese beiden Bücher in Sprache uud Charakter sehr scharf. In dem ersten geht die einfache geschichtliche Erzählung mit der Traumwelt und ihrer Deutung Hand in Hand und bietet uns deshalb sinnige Allegorien, deren Verständniß unschwer ist. Der zweite Theil will Vergangenes und Gegenwärtiges, theils in willkürlich gewählten Symbolen, theils in mysteriösen Allegorien darstellen, den Blick in eine siegreiche messianische Zeit eröffnen, und verfällt hierdurch in das Mysteriöse, Apokalyptische, das den Zeitgenossen verständlich sein mochte, den späteren Lesern jedoch eine schwer, in vielen Punkten unmöglich zu enträthselnde Aufgabe stellte. Es liegt unserem Thema fern, hier in's Einzelne zu gehen. Da jedoch in diesem zweiten Theile — völlig verschieden vom ersten — die Engel eine große Rolle spielen, so wollen wir noch zum Schlüße dieses Artikels einen Blick auf die Engellehre in der gesammten h. Schrift werfen. (Schluß folgt.) Nachtrag zu kn „Begriffsverwirrungen". Bon M. Mannheimer in Darmstadt. In Nr. 26 dieser Zeitung s. c. hat deren Redacteur einen sehr lesens- und beherzigenswerthen Leitartikel unter der Rubrik „Begriffsverwirrungen" gebracht, der mich veranlaßt, auch meine diesbezüglich gemachten Erfahrungen zu veröffentlichen und hier nachzutragen. „Das Bestreben vieler christlichen Theologen und Schriftsteller, die möglichst größte Begriffsverwirrung über das Judenthum zu verbreiten" und „die Lehre des Alten Testaments zu verunglimpfen", blieb nicht darauf beschränkt, nur in den Augen der erwachsenen