Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1885)
- Date
- 1885-07-21
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
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474 für Stöcker. Eine solche zeigte 250 Unterschriften, welche dem Zeugen Stöcker „Lauterkeit uud Ehrenhaftigkeit des seine Ankläger, sondern außerhalb stehende Ehrenmänner, die Jenenser theologische Fakultät, den Profeffor Beyschlag der Charakters und Verdienstlichkeit des Wirkens" attestirten. Unwahrheit zu beschuldigen. Daß die Staatsanwaltschaft Unter diesen befanden sich von den ca. 150 conservativen wegen des falschen Eides keine Anklage erhebt, mag richtig Landtags- und Reichstagsabgeordneten 42 0- Auch aus sein, da Stöcker sicherlich freigesprochen würde. Man mag Stöckers Wahlkreise kam eine solche Ehrenerklärung für auch sagen: eben deshalb würde es besser sein, die Anklage Stöcker, von „mehreren Synodalen aus Cottbus u. s. w." zu erheben, damit nicht, wie schon geschehen ist, die Berthei- Dieser Theil der Conservativen zeigt sich also von den, durch diger in Meineidssachen die Geschworenen durch den Hingerichtliches Erkenntniß constatirten Verletzungen der Moral weis auf diesen Fall irre führen. Für unzulässig aber halten und des Anstandes durch Stöcker nicht berührt. Sie setzen wir es, daß Stöcker im geistlichen Amte bleibt. Man mag das Partciinteresse weit über die öffentliche Meinung, über über die Sache selbst urtheilen, wie man will, und es scheint, die Erhaltung des moralischen Sinnes im Volke, über die daß gerade die praktischen Juristen sie am allermildesten be- Scbäden, die durch einen solchen Vertreter der Kirche zugeurtheilen — und wenn es nichts als ein Unglück wäre, das zogen werden. Dieselben Menschen, welche den Juden soviele einen übrigens intakten Mann ohne jede Verschuldung besittliche Schwächen wie möglich zuzuschreiben suchen, erweisen, troffen, so dürfte er dennoch im geistlichen Amte nicht bleiben, daß das sittliche Bewußtsein nicht ihre Stärke ist und nehmen Nicht um der Strafe willen, sondern um des Aergerniffes daher ihren Zeugniffen wider uns alle die Kraft, die sie willen." Es ist dies freilich keine entschiedene Sprache, jedoch irgend noch beseffen. Dies ist die neueste Erscheinung, welche auch nicht die der Uebereinstimmung und Anhänglichkeit. Wir in der That wenig Tröstliches für die allgemeinen Zustände fügen bei dieser Gelegenheit die Bemerkung hinzu, daß, wenn hätte, wenn sie sich über eine größere Volksmaffe hinzöge! | in dem, von uns bekämpften Artikel derselben „Preuß. Jahr- Jndeß finden sich doch viele Symptome, daß ein großer! bücher" (Juniheft) gesagt wurde, daß die antisemitische Ge» Theil der Conservativen mit jenem äußersten Flügel der!sinnung in der studirenden Jugend sich immer mehr ver- Pietisten und Reactionäre nicht mitmachen will. Wir haben breite, nach unseren zuverlässigen Informationen gerade das in den vorangegangenen Nummern Artikel aus conservativen und sogar aus kirchlichen Organen mitgetheilt, die sich nachdrücklich gegen Stöcker aussprachen, und einer derselben wurde von der offiziösen „Nord. Allg. Ztg." wiedergegeben. 250 Unterschriften, wo gewiß alle Anstrengungen gemacht worden, so viele wie möglich zu erlangen, wollen nicht viel sagen; 42 Abgeordnete unter 150 conservativen machen nicht einmal J/3 derselben aus. Die Freiconservativen sind gegen Stöcker. In einem Artikel der „Preuß. Jahrbücher," die bekanntlich sehr antisemitisch sind, sagt ihr Redakteur, der Abgeordnete und Prof. Delbrück u. A.: „Bon all den verschiedenen Vergehen Stöckers haben die einen auf Diesen, die anderen auf Jenen mehr Eindruck gemacht. Der Eine findet die Verwendung der 2000 Mark, der andere das Manöver gegen den Amtsbruder Witte, der Dritte die Ableugnungen, der Vierte den falschen Eid am kompromittirendsten. Uns ist als das moralisch Abstoßendste in dem ganzen Proceß erschienen, neben dem leichtfertigen Eid, die Art, wie Stöcker in dem Augenblick, wo ihm „Jrrthum" über „Jrrthum" nachgewiesen wurde, sich nicht scheute, seinerseits nicht etwa 1) Es sind dies: Andr^e, v. Buße, v. Bismarck-Kül;. v. Borns'.edr, o. Buiie-Z ichortau, Bohtz, v. Tasiel, Graf Dönhoff, vr. Formt, o. Gramatzki, v. Gustedt, v. Hammcrstein, Hartmann, Hahn, Jakobs, v. Jagow, v. Kleist-öietzow, vr. Kropatichek, v. Kalkreuth, Knobel, v. Kessel, vr. Lotz, v. Lösch, Menzer, v. Oertzen-Brunn, v. Oertzen- Bromberg, v. Puttkamer-Neucol.figlow, v. Perbandt, v. Nauchhaupt, v. Schierstädt, Strosier, v. Schöning, v. Sack, Simon v. Zastrow, Schröder, v. Tettau, v. Ungarn-Srernberg, Adolf Wagner, Wolf, v. Wrisberg, v. Wiedebach, von Zitzerritz. Gegentheil stattfindet. Aus der Mitte der Studirenden selbst wird uns berichtet, daß diese an der ganze Sache wenig Jntereffe nrehr haben und die antisemitische Strömung in den studentischen Kreisen im Niedergange sei. Wie dem auch sei: es wird bald Gelegenheit sein, zu beobachten, wie weit in der conservativen Partei die Gleichgültigkeit gegen das moralische Prestige in ihr sich verbreitet habe, und welche Nachhaltigkeit das anfangs erwachte sittliche Bewußtsein daselbst finde. Das Resultat wird ein Uriheil über die gegenwärtige Zeit und ihren sittlichen Gehalt darbieten. Wie wir unsererseits all diese Vorgänge ansehcn? Sie haben uns in keiner Weise überrascht. Wer das Auftreten Stöckers und seines Anhanges während der letzten Jahre zu beobachten Gelegenheit hatte — wie er die abenteuerlichsten Behauptungen, die unbegründetsten Anschuldigungen, die völlig aus der Luft gegriffenen, gegen die Juden ohne irgend ein Bedenken in die versammelten Mafien schleuderte, wie er selbst zu den mittelalterlichen Wahngebilden und Fabeln, namentlich zum rituellen Morde griff und sie unverfroren auch nach den Verhandlungen und dem Urtheil des Gerichtshofes von Tißa-Eszlar festhielt, den jüdischen Brandgeruch der Synagoge zu Neu-Stettin auch nach dem Berdict der Geschworenen zu Köslin — roch, dem konnten allerdings die in dem bekannten Proceffe constatirten Cvnflicte Stöckers mit der Wahrheit, fein „leichtfertiges" Auftreten, sein Eid auf eine irrige Aussage u. s. w. nicht neu und stark compromit-