Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1885)
- Date
- 1885-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm mipartciischcs Organ für alles jüdische Jiitcrcssc. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig :« Mark. Abonnement in Deutschland tPostzcitungsliitc Nr. ul) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Heransgcgeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipplou tu Bonn. ZXpeöition: Leipzig, Wohpterh 18. In redactionellen Aniiele.tenbeiten wende inan sieb an I'r. Bbitiovson in Bonn direet, in allein nbriqen an die Lerlag-öhandinna. -Beilagen «>>!edü!>r 1- M.) sind gteichialls an leytere einzusendeu. 19. Jahrgang. Leis',;ig, t>c:t 21. Juli 1ns5. .v. 30. InhitH. Leitende Artikel: Die neueste Erscheinung. — Symbolische Gestalten. lll. — Nachtrag zu den „Beqrisssvcrwirrnngen". — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Leipzig. Frankfurt a. M., Magdeburg. Liegnitz. — Oesterreich-Ungarn: Best. Lemberg.?ius Ungarn. — Frankreich: 'l'aiiv. — Großbritaunien: London. — Rußland:'Turck, Riga. — :vtarokkö: Pari». — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Seelied von Jehuda Halevi. — Tscherni und die kaukasischen Juden. £c.'!Vt6\: Olrllls.-I j Bonn, 16. Juli. j Die uruejie Erscheinung.! Die gegenwärtigen Vorgänge, namentlich in der Hauptj stadt des deutschen Reiches, ziehen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Handelt cs sich doch um ein gutes Stück! öffentlicher Moral, um die öffentliche Meinung und den Widerstand gegen dieselbe und um den bisherigen Bestand der conser-1 vativen Partei. Der Hosprediger, Hauptagitator der Antisemiten Berlins, Vertreter der Christlich - Socialen und ber j streng-orthodoxen Partei, Stöcker war von einem Blatte mit äußerst heftigen Beleidigungen betroffen worden, hatte durch den Staatsanwalt den betreffenden Rcdacteur anklagen lassen und dieser trat den Beweis der Wahrheit an. Der Gerichtshof mußte deshalb ans die Erörterung der gegen Stöcker geschleuderten Vorwürfe cingehen. Da kam es, daß der „Zeuge Stöcker" als Angeklagter erschien. Es erwies sich, daß er eine Aussage beschworen, die sich als falsch herausstellte, daß er 2000 Mark zu einem anderen Zwecke verwandte, als zu welchem sie ihm übergeben waren. Das Erkenntniß bekundete, daß Stöcker in vielen Fällen sich mit der Wahrheit im Widerspruch befunden und daß sein Auftreten vor Gericht ein „leichtfertiges" gewesen. Dasselbe erkannte auch an, daß jener Redacteur als Jude den vielen Angriffen Stöckers gegenüber eine Berechtigung zu seinen Auslastungen gehabt; aber wegen der äußerst beleidigenden Form mußte er zu einer Gefängnißstrafe, jedoch zu der mildesten von 3 Wochen verurtheilt werden. Die Verhandlungen und das Erkenntniß machten ein außergewöhnliches Aufsehen und die öffentliche Meinung, nicht blos in liberalen, sondern auch in unbefangeneren conservativen Kreisen fragte, ob die Staatsanwaltschaft jene Eidessache und die Verwendung der 2000 Mark nicht verfolgen und ob Stöcker länger noch Hoiprediger und ein hervorragender Führer der Conservativen bleiben werde. Sogar kirchliche Organe sprachen sich in diesem Sinne aus. Auch der rechte Flügel der Conservativen und Orthodoxen war anfänglich betäubt; bald aber erholte er sich. Und dies ist der Punkt, aus welchem die Angelegenheit erst un allgemeines Interesse gewinnt. Bald nämlich begann die äußerste Rechte, um ihren agitatorischen Führer nicht im Stiche zu lassen und zu verlieren, die Sache Stöcker's für ihre eigene zu erklären. An der Spitze stand die „Krenzzeitung." Trotz des gerichtlichen Erkenntnisses gab sie vor, daß Stöcker „intakt" aus dem Piocesse hcrvorgegangen sei, und daß ähnliche Vergehen wohl alle „ conservativen Politiker" begangen hätten. Von hier ab erhob sie ein großes Geschrei gegen die Juden, welche dieses „Manöver" verursacht hätten, und bedrohten sie mit Katastrophen. Offenbar wollte!sie durch diesen Lärm die zweifelhaften Conservativen mit!sich fortrcißen und die öffentliche Meinung irrcsühreu. Es > wurden Versammlungen inscenirt, in welchen Professor Ad.! Wagner und Baron von Hammcrstein in mehr oder minder l heftiger Weise die Expcctorativiien der Krenz;eitnng wiederholten und sich mit ihr ideutifizirten, auch mit den „rabiaten! Antisemiten" drohten sie, die sich aus die Juden stürzen wollten. Mau ging weiter und bewirkte Zustimmungsadressen so