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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-14 · Heft 29 (14.7.1885) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 29 (14.7.1885)
Date
1885-07-14
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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„Das kann uns allen pasfiren!" — und „wenn uacim Proceß Enthüllte genügt, um Stöcker an den Galgen zu bringen, so ist kein conservutioer Politikcr seines Lebens mehr sicher." Dies ist ebenso ge-i schmackvoll ausgedrückt, wie von pslichtgctreucr Gesinnung zeugend! Und das nehmen die „couservativcu Politiker" stillschweigend hin! Aber noch mehr. Die „Franks. Zlg." be richtet: ÄLan höre nur den in seiner Maßlosigkeit geradezu gefährlichen Professor Adolf Wagner! In der letzten Versammlung der Christlich-Socialen hat er Folgendes erzählt, um zu zeigen, wie Stöcker wirke: Ein Mann fei, weil Stöcker' verreist ist, zu ihm, als Stöcker's Freund gekommen, habe um ein kleines Capital gebeten und dabei erzählt. daß er eben drei Jahre Gefängniß abgebüßt habe. „ Dieses Geständnis; hat mir sehr gefallen; schlage Jeder au sein Herz! wer von uns hätte denn noch nichts begangen, das gerade nicht zur öffentlichen Kenntniß gekommen ist und das sonst gleichfalls eine Bestrafung nach sich gezogen haben würde?" So Herr Adolf Wagner; man weiß nicht, soll mau lachen oder nicht! Also zur größeren Ehre Stöcker's gesteht seine ganze Partei, daß sie alle Verbrecher sind, die nur daS Glück gehabt haben, noch nicht erwischt zu werden. Ta sieht man, das; eine Bewegung wie die Stöckersche sich nur vollziehen kann, wenn weite Volksmassen moralisch erkrankt sind. Herr Wagner geht noch lveiter; er bemüht sich, anständige Männer, die nichts mit den Christlich-Socialen zu thuu haben, öffentlich der „inkorrekten Verwendung anvertrauter Gelder" zu beschuldigen, die sich nach der Meinung der Juristen Herr Stöcker hat zu Schulden kommen lassen. Ec hat in derselben Versammlung erkärt: „Mit den 2000 Mark sei Stöcker nicht juristisch korrekt verfahre», habe aber im guten Glauben gehandelt und könne das Geld jeden Augenblick mit Zinsen zurückzahlen. Auch ließe sich aus jüngster Zeit ein berühmtes Beispiel nennen, wo gleichfalls eineGeldfumme anders verwendet worden, als die Geber beabsichtigten, ohne daß darin Jemand etwas finde." Bismarckspende! rief Labei der Chor verständnis;- iunig. Da haben wirs! Um Herrn Stöcker gegen den Vorwurf einer leichtfertigen Unterschlagung in Schutz zu nehmen, wird derselbe Vorwurf schnell gegen das Cvmitö der BiSmarckspende erhoben, an dessen Spitze der Herzog von Ratibor und eine Anzahl der angesehensten Männer stehen. Die Herren werden über diese Beurthcilnug ihres Verfahrens recht erfreut sein. Hoffentlich erfährt auch der Reichskanzler, wie fein „aufrichtigster Verehrer", der Mann „in hervorragender wiffenfchaftlicher Stellung" über das Zustandekommen des Gutsankauses und seine rechtliche Anfechtbarkeit denkt. Und das nennt sich: „Vertiefung des christlich religiösen Volkslebens!" Berlin, 6. Juli. Zum Proceß des Hofpredigers Stöcker g«.geu me „Freie Ztg." hören wir, daß auch seitens der Staatsanwaltschaft das Rechtsmittel der Revision gegen das Erkcnntniß der 5. Strafkammer eingelegt worden ist. Das Reichsgericht wird also Gelegenheit haben, sich nach den verschiedensten Richtungen hin eingehend mit diesem Proeest zu beschäftigen. Da die mit dem l'>. Juli beginnenden Gerichtsserien dazwischen fallen, so wird die Verhandlung vor dem Reichsgericht kaum vor dem Mvnat Dktober zu erwarten fein. Die schriftliche Abfassung des Erkennutnisses ist nunmehr seitens des Landgerichtsdirektors Lnety und des betr. Decernenten vollendet und da» Aktenstück, in welchem die Gründe noch eingehender behandelt fein dürften, als bei der Mündlichen Urtheilspublikation, wird voraussichtlich innerhalb der nächsten 8 Tage dem angcklagtcn Bäcker zngestellt werden. — Jetzt ist auch das letzte der antisemitischen Blättchen, die hier seit einigen Jahren in Menge ausrauch-ten, zu Grabe gegangen, die „Deutsche Volkszeirung" des aus der Armee entlassenen Premierlientenants Liebermann von Sonnenberg. Er kündigt an, das; er enropamüde dem Beispiele seines Freundes Dr. Förster folgen und nach der neuen Welt answandern wolle. Glück auf die Reise! Diese Agitatoren haben die Juden aus ihrem Vaterlande vertreiben wollen und müssen es nun selbst verlassen. Das alte wahre Wort: „Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selber hinein." Jmnurhin bleibt cs unvergessen, daß ein Mann von den völlig bekannten persönlichen Qnalificationen des Herrn von Liebermann GtJOO conservanve Stimmen in Berlin. darunter die der höchsten Reichs- und Staatsbeamten auf sich vereinigen konnte, — was ein eigenthümliches Licht auf die moralische Qualität der Partei wirft. So verschwindet ein antisemitischer Agitator nach dem andern von der Bildsläche, und das Eingehen der antisemitischen Blätter aus Mangel an Abonnenten und Geldunterstützung bezeugt hinlänglich bcti Bankerutt des Antisemitismus. — Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes hat Nr. Ich seiner „Mittheilungcn" ausgegeben, in welcher der Bericht über die Schulmänner-Telegirten Versammlung vom ’AK und .-0. Teocmber 1881 enthalte!-, ist. Bekanntlich war der Zweck derselben, einen Normallehrplan für den Religionsunterricht in einklassigen jüdischen Elementarschulen mit einer Lehrkraft herzustellen. Ist dies nun auch nicht gelungen, so geben doch die Verhandlungen und Beschlüße ein reiches Material für den jüdischen Rcligiousunierricht in solchen Schulen und überhaupt. Es waren im Ganzen 32 stimmberechtigte Telegirte versammelt. Als Lehrgegcnitände wurden festgestellt: 1) Geschichte. Si Religion»- lehre, 3) Hebräisch. Tie Frage, ob der „systematische Religionsunterricht" als Lehrgegenstand aufzuführen fei, wurde; mit großer Majorität bejaht. Hebräische Grammatik wurde 29

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