Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1885)
- Date
- 1885-07-14
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
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nationale Forderungen, in ihre Berechtigung gar nicht hineinzu denken; er lebt nur in der Welt der Materie; er, „der blind gehorchende Knecht Jehovas", vermag es nicht zu begreifen, „daß eine Idee ein ganzes Menschenleben beherrschen könne". Solche Behauptungen sind in der That geradezu lächerlich. Gerade der Jude hat sich in allen Zeiten der Idee hingegeben; für die Idee hat er Gut und Blut geopfert, der Unduldsamkeit gegenüber immer wieder den Wanderstab ergriffen, um die religiöse Ueberzeugung zu retten; für sie hat er allen Druck, alle Mißhandlung, alle Verhöhnung ertragen, denen er sich durch den Uebertritt zum Christenthum für immer entziehen konnte. Und dieser der Idee sich hingebende Mensch sollte nicht begreifen können, „daß eine Idee ein ganzes Menschenleben beherrschen könne!!". Was Lehnhardt für seine Behauptung anführt, ist wieder nichts als willkürliches Geschwätz. „Im Judenthumc haben Charaktere nie einen Platz gefunden — hätte Lehnhardt nur eine Ahnung von den überaus zahlreichen Charakteren, die sich in der Geschichte des Judenthums als solche in fast heroischem Maaße bewährt haben, er würde eine solche Unwahrheit nicderzuschreiben nicht gewagt haben. Er behauptet, daß die Juden „einen Christus, einen Luther, einen Spinoza, einen Lessing für Sonderlinge, für Narren" hielten. Nein, Herr Lehnhardt, wir haben zu aller Zeit eine solche Menge von Narren vor und um uns gesehen, daß wir die großen hervorragenden Geister wahrlich nicht dazu rechnen konnten. Niemals hat ein Jude diese genannten Männer für „lächerlich" erachtet; es fühlten wohl viele Juden Antipathien gegen Christus, Luther und Spinoza und glaubten in ihnen Gegner zu sehen, Luther bewies sich ja sogar als Feind. Aber sie „lächerlich zu finden, weil sie sich für andere Menschen abgemüht", das konnte wohl einer Seele, wie die des Herrn Lehnhardt einfallen, nicht aber den Juden. Und nun fügt er sogar Lessing hinzu, wahrscheinlich nur, um sich selbst zu widerlegen. Ten gleichen Wahnwitz bethätigt er durch die Behauptung, „die Juden von heute sehen Napoleon I. als ihren Erlöser und Beglücker an". Es mögen wohl einige polnische Juden 1812 eine solche Meinung gehegt haben — aber „den Juden überhaupt", die doch unter dem Napoleonischen Kriege ebenso gelitten wie ihre christlichen Landsleute, und gar nun „den Juden von heute" eine solche Meinung zu insinuiren, Napoleon mit seinem Decret von 1808 als „Erlöser" anzusehen, ist doch gar zu närrisch. Soviel historischen und politischen Sinn haben wir denn doch, um zu wiffen, daß wir auf dein europäischen Contincnte den Beginn der Gleichstellung und einer gerechten Behandlung in der französischen Revolution finden und daß allerdings in Folge der französischen Siege auch in Italien, in der Schweiz, an den Ufern des Rheins und im westphälischen Königreiche die Gleichstellung der Juden staatsrechtlich anerkannt wurde, was jedoch mit dem Sturze der französischen Herrschaft alsbald wieder beseitigt wurde. Traten doch auch zur Bekämpfung Napoleons zahlreiche jüdische Jünglinge in die Heere der Alliirten ein. Es möge dies genügen, um die Tiatribe des Herrn Lehnhardt in ihrer völligen Nichtigkeit, in der Unwahrheit aller seiner Prämissen und Folgerungen zu charakterisiren. Es ist in der That ein Moderduft, der uns ans dem;usanunengeschaufelten Schmutzhaufen cntgegendringt. Es ist der intellectuelle Bankerutt des Antisemitismus, der au Activis so gut wie gar nichts auszustellen hat, während er durch falsche Behauptungen, durch willkürliche Insinuation, die er geradezu aus der Lust greift, durch Beweise seiner Unkenntniß der Dinge, über die zu sprechen er sich anmaßt, an Passivis eine ungeheuerliche Masse aufhäust. Wie gering seine Activa sind, erweist Herr Lzur Genüge. Auch er weiß den Juden schließlich nichts Anderes vorzuwerscn, als daß sie den: nationalen Teutschthum sich nicht genügend anschlössen, und die Forderungen desselben nicht erfüllten. Dieses Lied ist nun bereits zum Ueberdruß gesungen worden. Alle Widerlegungen helfen nichts. Fragt man nun unseren Scribenten, welche diese Forderungen seien, die die Inden nicht erfüllten, so weiß auch er nichts anzugeben und sucht sich mit einigen Phrasen auszuhelsen. Führen wir seine eigenen Worte an: „Wie diese Anerkennung zu erreichen, ist eine weitere Frage. Wir können dazu nicht mehr lhun, als den Rath den Inden gegenüber immer, wieder zu erneuern, sie mögen wenigstens den Versuch machen, ob sie sich nicht unsere Ansichten und Forderungen unbefangen objcctiv betrachten können." Ties sind doch in der That nichts Anderes als Worte! Herr L. kommt daher am Schlüsse zu demselben Resultate, wie Meister .Hartmann: „Wir dürfen die Hoffnung nicht arugebon, daß sich durch die fortwährende Berührung mit dein Teutschthum wenigstens der bessere Theil der israelitischen Jugend immer mehr ans dem Judenthum in das Teutschthum hinüberarbeitet." Nun, wenn Ihr diese Hoffnung hegt, wozu all' dieses Geschrei, wozu diese Berleunidung, diese ans der Lust gegriffenen und lügnerischen Behauptungen? Fürwahr, Euer Thun straft die von Euch heuchlerisch vorgegebene „Hoffnung" Lügen. Es wäre ganz dazu geeignet, die Juden und zwar „den besseren Theil der israelitifchen Jugend" am meisten immer mehr zurückzuschrecken — wenn nicht das Teutschthum in unserem Geiste so tiefe Wurzeln gefaßt, daß die Liebe zu ihm — sagen wir es offen — Eure pharisäische Liebe zu , ihm weit übertrifft. Bekanntlich, wer stets von scincn Gefühlen spricht, empfindet diese am wenigsten und weicht bei dem ersten Sturm zurück. Bon dem Augenblicke an, wo die Deutschen sich wieder als Deutsche fühlten, haben die! deutschen Juden sich nicht minder als Deutsche gefühlt und als