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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-14 · Heft 29 (14.7.1885) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 29 (14.7.1885)
Date
1885-07-14
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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460 bleibt. Auf diesem Wege hatte sich die symbolische Bedeutung I der persönlichen Freiheit, der Selbstverwaltung, der allge- und Gestaltung der Cherubim entwickelt und war weit ab | meinen Wehrpflicht, der Gewerbefreiheit und einer gewissen von ihrem Ursprünge gekommmen; auf diesem Wege gerieth das Symbol in die Mystik, welche sich in gewichtigen Punkten von der monotheistischen Gotteslehre entfernte, aber darum auch ohne Einfluß auf das eigentliche Judenthum blieb. (Schluß folgt.) Der LanKerutt -es Antisemitismus. In Zwei Bildern. HI. Nichts natürlicher, als daß aus so willkürlichen, falschen, ja thörichten Voraussetzungen unwahre Folgerungen gezogen werden, noch dazu, wenn man, um dieser Folgerung willen, jene Voraussetzungen aufgestellt hat. Darin fährt der Herr Lehnhardt nun auch fort. Da nach ihm das Judenthum nur einen allmächtigen und völlig willkürlichen Gott, den Menschen als „willenlosen Sklaven Gottes" erkannte, und daß der Jude nur für gut hält, was ihm selbst uützt, für schlecht, was ihm schadet — daß der Jude zu allererst die Nächstenliebe als höchste Pflicht, als eigentlichen Zielpunkt der Religion, und zwar in der Bibel wie im Talmud proclamirte, weiß ein solcher Scribent nicht, oder will es nicht wissen —, so „fehlt dem Judenthume die Staatsidee, die Befähigung der Staatenbildung — der politische Sinn." Dies ist wiederum so falsch und erfunden, daß wir es nicht zu widerlegen brauchen. Aber es ist eine Lieblinzsansicht deutscher Gelehrten, daß den Israeliten die staatenbildende Befähigung gefehlt habe, und sie setzen sie in dieser Beziehung den Hellenen weit nach. Diese Gelehrten stehen eben hierin unter dem unwillkürlichen Bestreben, den Israeliten möglichst Vieles abzusprechen. Wir gestatten uns dcßhalb, nicht um des Herrn Lehnhardt, sondern um der Wahrheit willen, eine kleine Digression. Es scheint uns doch sehr ungerecht, einem Volke den politischen Sinn, die staatenbildende Kraft abzusprechen, welches 15 Jahrhunderte hindurch einen Staat bildete und erhielt, und zwar nicht etwa in einem entlegenen Winkel der Erde, sondern mitten unter feindseligen und kriegerischen Nationen, in ununterbrochenem Kampfe gegen diese und dann gegen die Weltmächte, deren eine auf die andere folgte. Sie erhielten ihren Staat gegen die canaanitischen Völker, gegen die Aegypter, die Assyrer, die Chaldäer, unter der Suzeränität der Perser, der Macedonier, der Ptolemäer, der Syrer, von denen sie sich wieder unabhängig machten, und ihr Staat endete erst durch den Ansturm der römischen Legionen, vor welchen sich Ausgleichung der Besitzverhältniffe. Sie wußten ihren Staat ebenso gegen die ägyptische Kastenknechtung wie gegen die asiatische Despotie zu verwahren. Sie verstanden es, die Trennung in 12 unabhängige Stämme in ihrem Innern zu überwinden, eine Centralgewalt zu schaffen in einer durch das Gesetz beschränkten Monarchie; sie hatten die Kraft, als sich diese Monarchie zur Autokratie umwandelte, sich in zehn Stämme loszureißen und einen zweiten Staat zu bilden, ein Wahlreich. Auch während des zweiten Bestandes war ihr Staat fest organifirt, und als sie sich die völlige Freiheit und Selbstständigkeit wieder errungen hatten, gaben sie sich wieder eine constitutionelle Monarchie mit einer gesetzt gebenden Versammlung, dem Sanhedrin, das sich aus den besten Geistern des Volkes ergänzte, und in welchem die Priester keine eigene Rolle spielten. Zeugt es doch auch von bedeutender Organisationsfähigkeit, daß sie sich auch in der Diaspora aller Orten und unter allen Verhältnissen Gemeindecorporationen zu bilden verstanden, die allen Gcmeindebedürfnissen genügten, und weil von den Regierungen unberücksichtigt, ein recht starkes selbstständiges Leben führten. — Bieten wirklich die Hellenen eine gleiche staatenbildende Kraft? Vermochten diese etwas anderes, als daß jeder einzelne Stamm, ja jede bedeutende Stadt einen eigenen kleinen Staat bildete? Verstanden sie es, eine Centralgewalt oder nur irgend eine kräftige Centralisation zu schaffen? Haben nicht die einzelnen Staaten einander ruinirt durch das Streben nach der Hegemonie, d. h. nach der Unterdrückung der anderen? So Sparta Messenien, und Athen, Theben Sparta, Macedonien alle. Und ihre innere staatliche Organisation — was ist es denn um die vielgepriesene griechische Freiheit? Sie heißt nichts anderes, als daß unter dem Joche einiger Tausend Bürger hunderttausend Metoiken (Beisassen) und Heloten rechtlos seufzten? In Sparta bestand der Staat durch die Unterdrückung aller persönlichen Freiheit; in Athen durch eine beständig unruhige Bewegung, welche die Monarchie durch eine Oligarchie, diese durch eine Ochlokratie verdrängte und schließlich zu einer Zersetzung führte, welche dem Mace donier Philipp den Staat zu einer leichten Beute machte. Möchte man doch endlich diese Verhältnisse richtig abwägen und die historische Wahrheit zum Siege bringen. An dem Mangel alles historischen und alles politischen Sinnes hat der Herr Lehnhardt noch nicht genug. Er spricht den Juden auch allen psychologischen Sinn ab. Solch armseliges Ding macht er aus dem Juden, wobei es nur aufschon viel früher die Karthager, die Hellenen, ja die Völker > fallen kann, daß ein solch völlig unbedeutender Gegenstand der halben Welt gebeugt hatten. Und es war ein Staat j so viel Redens und Schreibens, so viel Aufhebens und Gemit einer eigenthümlichen Verfassung, mit einer damals unj schreies, so viel Wüthens und Hetzens bereiten könne. Der erhörten, mit den Prinzipien der Gleichheit vor dem Gesetze Jude nach Lehnhardt vermag sich in andere Begriffe, in

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