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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-14 · Heft 29 (14.7.1885) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 29 (14.7.1885)
Date
1885-07-14
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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459 Seite ein Gesicht (nämlich ein Menschen-, Löwen-, Stier- und 1 Adlergesicht), einen Flügel und eine Hand unter diesem, sowie gerade gleichmäßige Füße mit runden Kalbshufen hat; zwei dieser Flügel hat jeder Cherub über das Haupt gebreitet mit zweien fliegt und bedeckt er den Leib. Die vier Cherubim stehen im Viereck zusammen, und ihrer Flügel Enden berühren sich; sic sehen wie glühende Kohlen ans und zwischen ihnen ist wogendes Feuer; sic sind in beständiger Hin- und Hcrbewegung, ohne daß sie ihren Standpunkt verändern, so sie sich aber fortbewegen sollen, brauchen sie keine Wendung zu machen. Neben jedem Cherub und unterhalb befindet sich ein großes Rad, wie Chrysolith, das jedoch eigentlich aus zwei sich im rechten Winkel durchschneiderrdcn Rädern besteht und voller Augen ist. In den Cherubim waltet der göttliche Geist wie bestimmendes. aber individualisirtes Naturgesetz, und von diesem werden auch die Räder, in welche er von den Cherubim übergeht, in Bewegung gesetzt, stets gleichmäßig mit den Cherubim, lieber den oberen Flügeln der letzteren ist eine krystallene Wölbung, über dieser ein sapphirencr Thron, und aus diesem eine Menschengestalt, die unterhalb wie Feuer mit einem Regcnbogenstrahlenkranz, oberhalb wie Feuer in Golderz aussieht. — Wir übergehen hier die vielen verschiedenen Deutungen, welche diese Vision erfahren hat, und drängen unsere Erklärung folgendermaßen zusammen. Indem Ezechiel seinen Beruf als Prophet in der fernen Fremde von der Gottheit ausgegangen zeigen wollte, stellte er seine Vision als diese Gottheit tragend auf. Die Grundidee ist, wie die unsichtbare Gottheit von der Schöpfung in die Erscheinung getragen wird, wodurch der mit dieser Anschauung in Berühung getretene Mensch zuin Propheten dieser Gottheit geweiht ist. Schon beim Heilig' thum erscheint die Vier als die symbolische Zahl der Harmonie, wie diese sich am Räumlichen rcalisirt. So tritt uns, gerade wie am Heiligthum, die Vier in der Vision überall entgegen, Cherubim, Ophanim, Wölbungen, Thron und die Gestalt auf dem Throne sind die vier Theile; vier Cherubim, im Viereck zusammenstehend mit vier Gesichtern, vier Flügeln, vier Händen, vier Ophanim mit vier Seiten (Halbrädern); vier Farben, Feuer, Chrysolith, Krystall und Saphir; vier Feuer, Golderz, Feuer, Kohlen, Strahlenkranz, so daß das Ganze mit der sichtbaren Welt, wie man sie sich damals dachte, correspondirt. Während nun aber die Wölbung (ysp-) den Himmel, der Thron den Sitz der Gottheit über der Welt, die Menschengestalt die Herrlichkeit Gottes rn freier Allegorie darstellt, bleiben die Cherubim und Ophanim als die eigentlichen Symbole der sichtbaren Welt übrig. Tie Cherubim, nur so von dem Propheten später benannt (Cap. 10), weil dieser Name als Symbol bekannt war, sind in ihrem Wesen Chajoth, znsammengefaßt Chajah, das Leben, vom Ruach, der von Gott ausgegangen, beseelt; während die Ophanim das Räderwerk des Unbelebten, das vom Lebenden in Bewegung gesetzt wird, darstellt. So symbolisiren Chajoth die belebte Sphäre der Schöpfung, die Ophanim die unbelebte. Während daher diese nur die eine Bewegung haben, die ihnen von außen durch den Ruach des Belebten gegeben wird, haben die Chajoth als das Belebte noch eine cigeuthümliche Bewegung für sich, „immerfort lausen und kehren sic zurück", das Leben ist in immerwährender Bewegung, ohne jedoch von dem ihm durch Gott gegebenen Standpunkte abzuweichen. Das Belebte hat in der Schöpfung seine Gipfelung im Menschen, weshalb die Chajoth Menschenbild düng haben und ihr vorderes Antlitz das menschliche ist; aber cs bestehtauch in den übrigenThiergattungen,und so erscheint als höchste Art der wilden Laudthiere der Löwe, der zahmen der Stier, der Vögel der Adler. Die feurige Beschaffenheit der Chajoth deutet uns an, daß hier die Schöpfung in ihrer Idee, nicht als materielles Sein erscheint, wie auch das Chrysolith der Ophanim. Tie Augen, mit welchen beide besetzt sind, zeigen sich als das Symbol der beständigen Wachsamkeit, des ununterbrochenen Zusammenhanges zwischen Idee und Wesen, zwischen dem göttlichen Naturgesetz und seinen Werkzeugen. Ezechiel zeigt uns in seiner Vision, wie; die Gottheit, über der unbelebten und belebten Schöpfung! waltend, ihre Herrlichkeit von dieser in die sichtbare Erscheinung tragen läßt. — Es ist nicht zu verkennen, daß diese Vision,*) wenn auch nur eine solche, doch leicht zu, der monotheistischen Lehre nicht entsprechenden Vorstellungen führen konnte. Glücklicherweise befaßen aber die talmudischen Lehrer gesunden Verstand genug, um dies zu erkennen und deshalb die Beschäftigung mit dieser Vision möglichst abzuwendcn. Geschah diese ja doch, und legte diese Vision den Grund zur Mystik, indem man sie als ------ der sichtbaren Schöpfung r rs*; —“"‘2 gegenüberstellte, so verboten jene das öffentliche Lehren und Besprechen dieser Vision (Chagig. Ill, 1), wasjedoch Andere ans die mündliche Behandlung beschränkten, wie denn auch Maimonidcs, Kimchi, Abarbancl u. A. ausführlich darüber gehandelt haben. Was nun die Cherubim betrifft, so knüpft zwar Ezechiel an die, wie wir gesehen bereits verbreitete Vorstellung als symbolische Träger der Gottheit an; aber er macht sic vorzugsweise zugleich zu symbolischen Trägern alles belebten Wesens, weshalb er sie zuerst Chajoth nennt, und arbeitet zu diesem Zwecke ihre Erscheinung sehr mannigfaltig aus, wobei von den mosaischen Cherubim nichts übrig *) In der Vision des Tempels siehi der Prophet 41,17) an den Wänden des ganzen Hauses in Holzrasel au-sgeschnipr ühernbim und Palmen, eine Palme zwischen 2 Cherubim, und jeder Cherub harte 2 Gesichter, ..ein Menschen,zesicht nach der Palme ans tiefer, nnd ein Löwcngcsicht nach der Palme ans jener Seite". ^Ter Prophet hält sich also auch hier nicht an die Tradition aus dem Salomonischen Tempel und giebt seinen Cherubim eine ihm zusagende Gestalt. 20*

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