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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-07 · Heft 28 (7.7.1885) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 28 (7.7.1885)
Date
1885-07-07
Page
Seite 452 (sequence 12)
Language
German
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452 liche Richtung verkörpert zu sehen gewohnt ist. Der Gerichtshof constatirte, daß sich der Hofprediger Stöcker in colofsalen Widersprüchen bewegt habe, daß seine Behauptungen mit den ermittelten Thatsachen nicht im Einklänge ständen; daß er Andersgläubige wegen ihres Glaubens schwer gekränkt; ja einen evangelischen Amtsbruder aus Rachsucht und verletztem Ehrgeize habe in öffentlicher Versammlung wollen beleidigen laffen; endlich, daß sein Austreten vor Gericht mindestens leichtfertig sei. Ja der Staatsanwalt muß sogar erklären, daß Stöcker einen Meineid geschworen habe, wenn auch nicht einen strafbaren. Dies alles zusammengenommcn, wirft auf die Persönlichkeit Stöcker's trübe Schatten, die dadurch nicht gemildert werden, daß gesagt wird, es habe nicht der Hofprediger, sondern der politische Agitator vor Gericht gestanden. Beides läßt sich nicht trennen. Der Gerichtshof hat immer vom Hofprediger gesprochen, und Stöcker selbst hat bei seinem öffentlichen Auftreten immer seinen Charakter als Hofprediger Sr. Majestät betont. Von einem evangelischen Geistlichen verlangt man auch auf der politischen Arena ein anderes Auftreten, als von jedem Anderen. Wenn die Gesinnungsgenossen Stöckers dennnoch sein Auftreten correct finden, ihn wegen des Processes als Verfechter von Recht und Wahrheit preisen, ja ihm zu Ehren geistliche Lieder anstimmen und Stöcker darauf geistliche Ansprachen hält, in denen er sich als die verfolgte Unschuld, als das von der Welt verkannte Werkzeug Gottes ausgiebt. so beweist das eben nur, daß bei ihm und seinen Anhängern, das, was politisch nützt, mehr gilt, als was sittlich gut ist; daß die Politik ihnen über die Religion geht. Es fragt sich aber, ob nach solchen Vorgängen unsere hohe Kirchenbehörde der Ansicht sein wird, daß die politische Agitation Stöckers unserer evangelischen Kirche Nutzen bringt; ob sie zulassen wird, daß die conservative Partei zum Schaden des geistlichen Standes sich ferner der evangelischen Geistlichkeit als Agitatoren bedienen darf. Nach unserer Ueberzeugunz ist der Proceß Stöcker ein Gericht gewesen über das politische Treiben der orthodoxen Geistlichen. In ihrem Führer sind sie gerichtet. Und das ist das Gute an dem Prozesse." Italien. Florenz, im Juni. (Privatmitth.) Die Reconstruction der uralten jüdischen Gemeinde in Rom, über welche Sie berichtet haben, erfreut jedes dem natürlichen Glauben treu anhängende Herz. Aber in der That fällt nichts schwerer im gegenwärtigen Italien, als ein jüdisches Werk zu Stande zu bringen. Die Juden in Italien haben glänzend bewiesen, daß sie für die, mit der Aufrichtung des italienischen Reiches verbundene Emancipation längst reif gewesen. Denn sofort und seitdem zeichnete sich eine verhältnißmäßig große Anzahl derselben durch ihre Leistungen in allen Lebensstellungen und Berufen aus. Dagegen hat sich mit diesem Aufschwung der religiöse Jndifferentismus eher vermehrt als vermindert. Den Beweis hierfür führt das Scheitern aller bisherigen Bemühungen, um die ehemalige Rabbinerschule zu Padua wieder zu ersetzen. Jndifferentismus war es, der die Gemeinden veranlaßte, ihre verhältnißmäßig geringen Beiträge, welche sie unter der österreichischen Herrschaft dafür zahlen mußten, fortan zu verweigern, und derselbe Jndifferentismus läßt jetzt nicht einmal unter allen italienischen Gemeinden zu Stande bringen, was die ehemaligen norditalienischen Gemeinden allein getragen hatten. Es ist dies nur möglich, weil es in den meisten Gemeinden an Männern fehlt, die für dieses unumgängliche religiöse Bedürfniß Sinn haben und einige Kraft dafür aufwenden wollen. Es wird nicht lange währen und die Gemeinden werden die Folgen davon fühlen. Die älteren Rabbinen sterben allmählich aus und an jüngeren ist kein Nachwuchs mehr da, wobei zu beachten, daß gerade italienische Gemeinden, innerhalb derer nur wenige Ausländer wohnen, Rabbiner aus dem Auslande gar nicht gebrauchen können. Großbritannien. London, im Juni. Hiesige Blätter wollen wissen, daß Nathaniel von Rothschild zur Peerswürde erhoben werde. Es wäre der erste Jude, welcher die Schwelle des englischen Oberhauses überschritte. — In Piccadilly soll eine neue Kirche gebaut werden, und Juden haben dazu, wie berichtet wird, 4500 Pfd. Sterl. (00 000 M.) beigetragen. Nun, dafür werden jetzt keine Synagogen mehr in Kirchen verwandelt. Ob aber jemals von christlicher Seite so viel für eine Synagoge geopfert worden? Bonn, 28.Juni. (Notizen.) Die französische Akademie der Inschriften hat den diesjährigen „Budgetpreis" für hebräische Uebersetzungen wissenschaftlicher und philosophischer Werke dem vr. Moritz Steinschneider in Berlin ertheilt. — Am 7.Juni feierten Herr und Frau N.B. Oppenheim in Paris die goldene Hochzeit und übergaben dem Großrabbiner von Paris 50,000 Frcs. zur Bertheilung an die dortigen jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten. — Am 16. Juni wurde in Dambach im Elsaß der neue Rabbiner eingeführt. Es ist dies Herr Salomon Singer, ein Oesterreicher. Brüssel, 25. Juni. (Literarische Notizen.) Der für die israelitische Geschichte unermüdlich thätige Emil Ouverleaux, Unter-Conservator an der hiesigen königlichen Bibliothek, hat die trefflichen Arbeiten, die er über die Geschichte der Juden in Belgien in der Pariser Revue des vtuäe8 julves veröffentlicht, als ein besonderes Werk erscheinen lassen unter dem Titel: Rotes et doeruueuts sur Iss Jutta de Belgique sous Tancieu regime (Paris, Durlacher

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