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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-07-07 · Heft 28 (7.7.1885) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 28 (7.7.1885)
Date
1885-07-07
Page
Seite 449 (sequence 9)
Language
German
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449 lichen Logos angenommen, der zwischen Gott und dem wahrnehmbaren All vermitteln soll. Denn da Gott ein ewiges, unveränderliches Wesen ist, wie er zugiebt, und mit dem Veränderlichen, d. i. der Welt, daher keine Verbindung haben könne, so weiß Philo durch den Logos, dessen Identität mit Gott uns ein Problem ist, das Dasein der Welt zu erklären 3). Das weit größere Verdienst Philo's besteht aber darin, daß er die Grundlehren unserer Religion als ein gläubiger, doch zugleich denkender Mann in eine populäre Form zu bringen und den starren Dogmatismus des Originals zu vertiefen und neu zu beleben verstand. 3) Diese Lösung weist selbstverständlich das Judenthnm entschieden zurück. Entweder der „Logos" ist eben nichts Anderes als eine. etwas zu gestaltvoll hervortritt. Betonung der Allweisheit Gottes, und dann besagt er nichts Neues, oder er soll ein besonderes Wesen vorstellen, und daun widerspricht er dem Gottesbegriff. Wir unsererseits fanden in Philo immer nur das Elftere, das nur durch seine Sucht, Abstrakta zu periouiftnren etwas Lu aestaltvoll liervortritt. Redact. Deutschland. Berlin, 25. Juni. (Privatmitth.) Obgleich mau recht sehr in Zweifel sein kann, ob ein Mann wie Stöcker werth ist, die allgemeine Aufmerksamkeit fortwährend auf sich zu ziehen, so liegt es doch eben in dem Umstande, daß man sich dessen auch von unserer Seite nicht entschlagen kann. Er, ein Mann ohne gründliches Wissen, ohne eigene Gedanken, mit nichts ausgerüstet als mit sehr gewandter Zunge, unermüdlichen Lungen und den zur Rolle eines Bolksredners gehörenden körperlichen Kräften; er hat es verstanden, sich eine gewisse Bedeutung, eine Art Wichtigkeit zu erwerben, wozu allerdings Berlin ein sehr geeigneter Platz ist. Man hat unsere Zeit schon oft mit der der griechischen Sophisten verglichen, welche sich bereit erklärten, jederzeit das Gegentheil zu vertheidigen von dem, was sie heute behaupteten. Solcher Individuen giebt es jetzt sehr viele, die mit jedem Tage ihre Partei zu wechseln bereit sind, wenn ihnen dafür Bortheile geboten werden. Dann aber ist auch die Rolle der Sophisten aus die Parteien vertheilt, von denen die eine für schwarz erklärt, was die andere mit derselben Begeisterung, mit derselben vermeintlichen Unfehlbarkeit als weiß vertheidigt. Wir unsrerseits glauben noch mehr, daß wir in einer Periode der Kleonen stehen, deren Vorbild jener athcniensischer Gerber ist, welcher durch seine brutale Bercdtsamkeit und die dem Ohre des Volkes schmeichelnden Schlagwörter den Pöbel, den gebildeten wie den ungebildeten, mit sich fortriß und den Staat an den Rand des Verderbens brachte. Wer cs versteht, sich im Volke eine Partei zu bilden, sich zu deren Führer aufzuschwingen und nun den nöthigen Lärm zu machen, wird die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenigstens eine Zeit lang, bis sich Partei und Führer unhaltbar gemacht und in der öffentlichen Meinung völlig ruinirt haben. Wie bemerkt, wir sind noch immer genöthigt, Alles, was Herrn Stöcker betrifft, zusammenzustellen, jedoch mit der Hoffnung, von dieser unangenehmen Ausgabe bald erlöst zu werden. — Die alte Mutter und die junge Tochter sind um Stöcker's willen in Hader gerathen! Die „Kreuzzeitung" ist sehr erzürnt darüber, daß das „Deutsche Tageblatt" den Gedanken ausgesprochen hat, Herr Stöcker erscheine nach dem Ausgange des jüngsten Proceffes zum Hofprediger nicht mehr geeignet. Die „Kreuzzeitung" kennzeichnet das als einen „schmählichen Abfall" und fügt hinzu: „Welche unverschämte Anmaßung in einer Frage, wo die Entscheidung allein Sr. Maj. dem Könige zusteht!" (Es versieht sich, daß Niemand daran zweifelt, der König allein habe das Recht, über seinen Hofprcviger zu entscheiden. Aber weiß die „Kreuzz." nicht, daß Gedanken zollfrei sind, und jeder sich ein Urtheil zu bilden berechtigt ist. Uns genügt es schon, daß selbst ein antisemitisches Blatt, wie das „Deutsche Tageblatt", sich Stöckers zu entledigen wünscht!) — In dem „Proccß Stöcker" ist von Seiten des Bertheidigers des Angeklagten, Rechtsanwalt Sachs, nun doch die Revision eingelegt worden, nachdem der Angeklagte anfänglich beschlossen hatte, Angesichts der Motivirung des ersten Erkenntnisses trotz der verhängten Freiheitsstrafe sich dabei zu beruhigen. Zu der Einlegung des Rechtsmittels der Revision haben rein rechtliche Momente und die Gewißheit geführt, daß selbst im Falle des Erfolges der Revision die Urgirung des thatsächlichcn Materials nicht von Neuem stattzufinden braucht. Die Revision stützt sich darauf, daß der Angeklagte nicht bloß wegen der beiden Zeitungsartikel, sondern wegen eines von der Expedition veranstalteten Separatabzugcs in Gestalt eines Flugblattes verurtheilt worden ist, und die Berthcidigung ist der Ansicht, daß sich der Gerichtshof hierbei von einer falschen Interpretation des § 20. des Preßgcsctzes habe leiten lassen und daß sich diese Berurtheilung wegen des Flugblattes nicht aufrecht erhalten laffc. Die Strafe für jene Strasthat ist auf acht Tage bettiessen worden, und bei einem Erfolge der Revision würde unter Ausrechtcrhaliung der thatsächlichen Feststellungen bezüglich; der beiden incriminirten Artikel das Urtheil aufzuheben und 98

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