Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1885)
- Date
- 1885-07-07
- Page
- Seite 448 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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448 erklärt er denn den genannten Satz folgendermaßen: „Nach- , dem Moses die Schöpfung des Geistes und der Empfindung 1 besprochen hat, berichtet er jetzt über die Vollendung beider. Symbolisch nennt er den Geist Himmel, da die geistigen Naturen im Himmel sind, die Empfindung aber Erde, weil sie eine körperliche und mehr irdische Beschaffenheit erhalten hat." Noch andere Schriften find mehr moralischen Inhalts, wie über „Menschenliebe", „Tapferkeit" u. a., doch stets im Anschluß an Worte der Bibel. Ferner behandeln einige nicht unwichtige Bücher speciell die mosaischen Gesetze, auch diese nicht ohne Allegorien. Er führt sie selbst am Anfänge seines! Buches „Ueber die zehn Gebote" so ein: „Nachdem über die^ Gesetzgeber und die ungeschriebenen Gesetze genügend gesprochen ist, wollen wir auch die geschriebenen Gesetze der Reihe nach durchgehen und in den allegorischen Sinn, wo ein solcher erscheint, wohl zu dringen suchen." Sie handeln außer dem Dekalog über die Beschneidung, die Alleinherrschaft (Gottes), die Priestergaben, Opfer und Opferen, Sabbath und Feste, über das denkende Leben, über Belohnungen und Strafen. Einige Schriften wie die über die „Unverderblichkeil der Welt" sind mit dichterischen Sinnsprüchen aus Homer, Hesiod und Euripides geschmückt und dienen vornehmlich der Bestimmung, die gebildete Griechenwelt dem Judenthume näher zu bringen. An der Spitze des Corpus der philonischen Werke steht die Schrift „Ueber die Schöpfung der Welt", welche für die Kenntniß der philonischen Philosophie am bedeutendsten ist. In ihr hat er als der Erste den Versuch gemacht, die Metaphysik auf die Religion anzuwenden, Glauben und Wiffen in Einklang zu bringen. Denn Philo ist, wie man erkannt, hat, der erste Theologe, nicht nur der jüdischen, sondern auch in gewissem Sinne der christlichen Religion. Die Entstehung der Welt denkt sich Philo, in Anknüpfung an platonische Ideen, derart, daß Gott, bevor er an die Schöpfung der! gegenwärtigen Welt ging, eine Idealwelt schuf, die ihren Platz in der göttlichen Vernunft, dem Logos habe. Die schöne Stelle in dem Buche „Ueber die Weltschöpfung" lautet wärt lich: „Vorhersehend, daß es eine schöne Nachahmung niemals geben könne, wenn nicht ein schönes Vorbild vorhanden sei, bildete Gott, indem er diesen sichtbaren Wcltkreis schaffen wollte, vorher einen idealen. Wo dieser ideale Weltkreis seine Stätte hat, werden wir aus einem irdischen Bilde ersehen. Wenn ein Baumeister eine Stadt bauen will, so durchdenkt er im Geiste wohl alle Theile der zukünftigen Stadt, Heiligthümcr, Prytaneen, Märkte, Häfen, Werfte, Dämme, Mauerbauten und andere Gebäude. Wie in Wachs drückt er in seine Seele die Typen der einzelnen Theile ab und trägt die ideelle Stadt als Urbild in sich. Und indem er sich diese Typen immer wieder ins Gedächtnis ruft, fängt er als ein guter Künstler an, mit fortwährendem Hinblicke auf das Ideal Stein und Holz in guter Fügung zusammenzustcllen. So hat auch Gott die wahrnehmbare Welt im Hinblick auf eine ideale geschaffen, deren Stätte der Logos ist." (Siehe Müller: Des Juden Philo Buch von der Weltschöpfung, § 5.) In der Darstellung der sechstägigen Schöpfung schließt sich Philo wieder an die Worte der Genesis an. Sechs Tage währte die Schöpfung, sagt er, nicht weil Gott einer Zeit bedurfte, sondern er wählte die „sechs" als eine symbolische heilige Zahl, die Verbindung der ersten Geraden-Zwei als einer weiblichen Zahl mit der ersten Ungeraden-Drei als der ersten männlichen. Die Schöpfung der Böge! und Fische am fünften Tage deutet nach Philo auf fünf Sinne des thierischen Organismus u. a. m. Diese Zahlensymbolik ist nicht von Philo erfunden, sondern er hat sie der pythagoräischen Philosophie entlehnt und nur zur mosaischen Schöpfungsgeschichte in Beziehung gesetzt. Bei der Schöpfung des Menschen an dem sechsten, dem heiligsten. Tage geht er wieder auf einen Idealmenschen zurück, dessen Stätte natürlich auch der Logos ist. Soviel über die Schöpfung. j In der Auslegung der Patriarchengeschichte erreicht die! philonische Allegorie ihren Gipfelpunkt. So nennt er Abraham ein „beseeltes und vernunftbegabtes Gesetz" (äs Abra- I hamo p. 350 D. sä. Gelenius 1691), welches darthue, daß die Gesetze des jüdischen Glaubens mit der Natur in Einklang stehen. Die Wirklichkeit und Leibhaftigkeit Abrahams leugnet er natürlich damit nicht. Die Zehn Gebote, sagt er, find an einem öden Orte und nicht in einer Stadt gegeben, weil die Stadt ein Heerd aller Laster ist und eine Berächterin der Religion wegen der gegenseitigen Unbilden der Menschen. In der Oede aber ist der Sinn reiner und für göttliche Worte empfänglicher. Das erste Gebot auslegend, greift Philo die griechischen Götter an, nicht als Götzen, wie man meinen sollte, sondern als personificirte Naturgewalten; denn kein Theil der Welt besitze durch sich eine Gewalt, er ist entstanden und daher vergänglich. Die Heiligkeit des Sabbaths wird von ihm aus der heiligen „Sieben" gleich dem Schöpfer, d. i. Eins, und Schöpfung, d. i. Sechs, hergeleitet. Wir vermissen freilich überall den gesunden Sinn einer nüchternen Deutung, aber diese unkritische und gläubig-ftommc Bibelauslegung ist unserer Liebe und unseres Gefallens werth. Denn finden wir schon an der griechischen Götterlehrc, weil sie schön und erhebend ist, Gefallen, lieben wir das Christenthum als einen großartigen und schönen Jrrthum, wie viel ^mehr wird uns ein Philo theurcr fein, der so schön irrte wie j ein Plato oder Spinoza. Allerdings hat Philo manche in seinen Schriften niedergelegte Gedünken anderswoher entlehnt! und ist gewiß vielfältig durch die pythagoräische, platonische und aristotelische Philosophie beeinflußt worden. Aber ihm; bleibt doch des Eigenen genug. So hat er zuerst den gött-