Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1885)
- Date
- 1885-07-07
- Page
- Seite 444 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227584--42752-3311339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
444 nun nicht, daß dieser Grundsatz nur dem orientalischen, noch! heute dem arabischen Rechte, eine Körperverletzung, ja sogarj einen Mord durch Geld lösen zu können, wodurch diese Verbrechen ein Privilegium der Reichen geworden, entschieden entgegentreten sollte. An sich war er ja praktisch gar nicht durchzusührcn und das traditionelle Gesetz legte deshalb diese Maxime in der Anwendung ganz anders aus. Was nun die Vergeltung, d. h. Lohn und Strafe betrifft, so recurrirt das Judenthum überall auf die innere Gesinnung des Menschen. Gott „prüft Herz und Nieren" wird immer wiederholt, Er „kennt die Gedanken des Menschen, bevor sie erstehen/' das heißt doch nichts Anderes, als Gott schaut auf die Gesinnung des Menschen, auf das, was ihn zu seiner That geleitet, durch welche Erziehung und Schicksale er dahin gelangt ist. Andererseits steht es bei dem Menschen durch Erkenntniß seiner selbst, durch reuige Umkehr sich von aller Schuldhaftigkeit zu befreien, da die Barmherzigkeit Gottes — ohne alle Vermittelung — Schuld, Miffethat und Sünde vergiebt und „seine Schuld auslöscht". Von einer mechanischen Folge von Strafe und Lohn ist also gar nicht die Rede, und jene rigorose Bergeltungslehre hat schon im alten Israel eine völlige Niederlage erlebt, wie das Buch Hiob glänzend erweist, das an die Stelle jener „die Erziehung zum Lichte des Lebens" setzte. Wie vor diesem wahren Bilde von der Lehre des Judenthums, zu welchem wir jeden Zug aus der Schrift und dem Talmud genommen, die Behauptungen des p. Lehnhardt in ihr Nichts zusammenschrumpfen, brauchen wir wohl nicht hervorzuheben. — Aber der Mann geht weiter. Er ' sagt -. „Jede Begebenheit der Welt stellt sich demnach als Strafe, Belohnung, Prüfung oder Versuchung des Menschen dar. Bei einer solchen Auffaffung der Welt und Weltgeschichte als untergeordneter, äußerlicher Zusammensetzung der einzelnen Faktoren, in welcher der maßgebende Faktor des menschlichen Willens, der menschlichen Kraft und Selbstthätigkeit fehlt, ist eine Auffaffung der Geschichte als Entwickelung der Menschheit nach bestimmten Gesetzen, eine Geschichte als Wiffenschaft nicht möglich." Er spricht deshalb den Juden jeden „historischen Sinn" ab. Wiederum grundfalsch, und so recht aus voller Unwissenheit geflossen. Wir wollen davon absehen, daß ja die Juden die ersten Geschichtsschreiber, lange vor dem griechischen „Vater der Geschichte" waren und von Abraham bis zum jüdisch-römischen Kriege fortlaufend Geschichte geschrieben haben; wir wollen davon absehen, daß schon die ersten elf Capitel der Schrift — einschließlich die Sintfluth — der Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes gewidmet sind und darin eine noch heute überaus wichtige Völkertafel gegeben wird. Keine andere Religion ist so auf den Grundsatz der geschichtlichen Entwickelung aufgebaut, wie das Judenthum. Schon ihre alten Propheten lehren immer wiederholt, daß die Menschheit sich so weit geschichtlich entwickeln werde, bis „die Erkenntniß die ganze Erde bedeckt, wie das Wasser die Meere", daß sie sich so weit entwickeln werde, bis sie insgesammt den einigeinzigen Gott erkennen und anbeten werde, daß sie sich entwickeln werde, bis in ihr der allgemeine Friede, Gerechtigkeit und Liebe herrschend werden, die Völker nicht mehr den Krieg erlernen und ihre Schwerter und Lanzen zu Sensen und Winzermeffern umschmieden, bis die Völker einen allgemeinen Bund schließen in der Anbetung Gottes. Gerade wo die Propheten diese Lehre verkünden, ist von einem persönlichen Messias nicht die Rede, sondern von einer Zukunft, zu welcher sich, wenn auch langsam, das Menschengeschlecht entwickeln werde. Welch' eine andere Entwickelung setzt diese, das Judenthum erfüllende und beherrschende Lehre, welch' ein anderes Ziel für die Menschheit voraus als das christliche Dogma vom jüngsten Gericht als Weltende, in welchem alle Sünder zur ewigen Berdammniß, alle Gerechten zur ewigen Seeligkeit abgeurtheilt werden, mit der bestimmten Voraussetzung, daß Gerechte nur d i e sind, welche in der Rechtfertigung durch den Glauben gelebt und verstorben! Jeder Unbefangene wird in obiger Expektoration des Herrn Lehnhardt nur ein Zeugniß seiner Ohnmacht erkennen, welche sich mit selbsterfundenen Prämissen hilft, um eine absprechende Folgerung ziehen zu dürfen. (Schluß folgt.) Die Jaden in Mrdiua. i. Im vorigen Jahrgange S. 239 haben wir nach einer trefflichen Arbeit des Herrn Hartwig Hirschfeld in der Revue des Etudes juives die Geschichte der Juden in Arabien, besonders in Medina, bis zur Ankunft Mahomeds in dieser Stadt beschrieben, und da die jüngste Lieferung dieser Bierteljahrsschrift (Nr. 19—20) den Schluß jenes Aufsatzes enthält, so fahren wir mit unserem Auszuge fort, hinsichtlich der Details auf die gedachte Zeitschrift verweisend. Selbstverständlich bekommt die Geschichte dieser jüdisch-arabischen Colonien ihre Wichtigkeit erst mit dem Auftreten Mahomeds selbst, weil wir hierdurch erst recht in die Art und Weise einen Einblick erhalten, in welcher der Islam entstand und sich auszubreiten ansing, der 50 Jahre später bereits bis an die Küste Spaniens seine Herrschaft ausgedehnt hat. Wir haben in dem ersten Artikel die Geschichte der Juden im Hedjaz und besonders in Medina bis zum Einzug Mahomeds in diese Stadt beschrieben. Als nun Mahomed sich in Medina niederließ, wo er einen so freundlichen Empfang gefunden, hatte er den Islam! bereits begründet, aber die zahlreichen Hindernisse noch nicht