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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-30 · Heft 27 (30.6.1885) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 27 (30.6.1885)
Date
1885-06-30
Page
Seite 436 (sequence 12)
Language
German
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436 sprechen dem die wirklichen Thatsachen. Wenn an einem Orte Juden ansässig waren und es kam aus einer anderen Gegend ein Wanderer dahin, so hielten sie sich in der Regel von einander getrennt und bildeten verschiedene Gemeinden. Die Anhänglichkeit an dem ursprünglichen Vaterlande pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort. Dies sind factische Beweise sowohl gegen die vorausgesetzte Einigkeit unter den Juden als auch gegen die falsche Behauptung, daß sie sich nicht mit dem Lande ihrer Geburt identisch fühlen. Die Juden in Tunis, deren Zahl auf 40,000 geschätzt wird, geben abermals einen Beweis hierfür. Sie sind in zwei Gemeinden gespalten: die tunesische im engeren Sinne oder autochthone, die aus den entferntesten Zeiten datirt und deren Elemente Eingeborene oder aus dem Orient und Aegypten gekommen sind, sie zählt ungefähr 35,000 Seelen; die andere wird die livornesische oder europäische genannt, und ihre Mitglieder stammen von spanischen Borfahren .oder find aus Italien gekommen, ungefähr 5000 Seelen stark. Diese beiden Gemeinden sind durch alle Zeiten getrennt geblieben, haben jede eine besondere Organisation, völlig unabhängig von einander: die erste weniger aufgeklärt als die zweite, beide sehr wohlthätig, mit völlig zurückgebliebenem Unterrichte. In der tunesischen Gemeinde besteht ein gewisses, feudales Regiment durch die Autokratie einiger mächtigen Familien, indem die Civilautorität und die Rechtspflege von einer Art von Rabbinat ohne Controle gehandhabt wird. Das Joch dieser Familien und dieses Rabbinats wird zwar von einer aufgeklärten und wohlhabenden Minorität verworfen, aber bleibt ungebrochen. Die schlecht angewandte Wohlthätigkeit dient nur dazu, eine gewohnheitsmäßige Bettelei zu unterhalten. Man sieht hier aus, wie viel hier zu thun sei, ohne daß man bis jetzt den Anfang zu erkennen vermag. Zwar sind die von der Alliance gegründeten Knaben- und Mädchenschulen in gutem Fortgang; aber was will das gegen die große Masse sagen, noch dazu, da die Wirkungen des Unterrichts im Schooße der Familien und im wirklichen Leben meist bald wieder verschwinden. Erst nach Jahrzehnten könnte man daraus einen Einfluß auf die Gesammtheit erwarten. Jndeß braucht man die Hoffnung nicht so gradezu aufzugeben. Es können immerhin thatkräftige und erleuchtete Männer erstehen, welche eine Umgestaltung Hervorrufen, wie dres ja an anderen Orten auch erlebt worden. Bedingung ist natürlich dabei, daß die französische Verwaltung in Tunesien sich verstärke, denn unter der Herrschaft des Bey's bleibt selbstverständlich Alles beim Alten. Bonn, 21. Juni. (Notizen.) Man schreibt uns aus Hamburg: Am 14. d. war der israelitische Tempel von einer großen Menschenmenge gefüllt aus allen Berufsklaffen und Confeffionen, und zwar in einem Maße, wie nur an den hohen Festtagen. Es galt nämlich die streng rituelle Trauung des ersten Heldentenors Weltlinger und der gefeierten Sängerin Frl. Pollak, Beide vom hiesigen Stadttheater. Die Trauung vollzog Prediger vr. Leimdörfer; seine Rede wurde sehr beifällig ausgenommen, indem er über Ps. 118, 23 auf das Berhältniß zwischen dem Altar der Kunst und dem der Ehe hinwics. Nach der Trauung fand ein rituelles Hochzeitsmahl statt. Da in der Künstlerwelt die treue Anhänglichkeit am väterlichen Glauben, auch an dessen Formen, leider nicht allzuhäufig ist, hat wohl diese Notiz eine gerechtfertigte Stelle. — Das seit drei Jahren vakante Rabbinat von Sultz unter dem Walde (Elsaß) ist durch Herrn Roller besetzt worden. Am 31. Mai fand die feierliche Einführung unter dem Vorsitz des Herrn Leon Blum- Auscher, des Biceprasidenten des israelitischen Consistoriums von Straßburg statt. Aeuilleton. Rabbi Löw. In einem elegant ausgestatteten Bändchen unter dem Titel „Haiderosen" (Darmsladt, Bergsträsser) hat Karl Schäfer eine Sammlung seiner Gedichte erscheinen lassen, die bereits eine zweite Auflage erlebt haben — gewiß ein beredtes Zeugniß für lyrische Gedichte in unserer Zeit In der That bringt der Dichter die lautersten menschlichen Gefühle zu anmuthendem Ausdruck, indem er selbst schwermüthige Gegenstände mit einem Hauche erhebender Empfindung zu durchdringen versteht. Seine Sprache ist poetisch, flüssig, und nur hie und da hätten wir ein anderes Wort und einen besseren Reim gewünscht. Zu den Gegenständen seiner Poesie wählte er auch mehrfach jüdische Stoffe, theils aus der h. Schrift, wie den Tod Simson's, Saul zu Endor, theils aus dem späteren Sagenkreise der Juden, wie Betrachtungen auf den verlassenen Judenfriedhof bei Klein-Karben, der Gang zur Synagoge, wo er die bekannte Sage von der Mutter des Rabbi Juda Chassid in Worms recht ansprechend erzählt, endlich „Rabbi Löw". Allerdings hat er diesen Stoffen keine neue Seite abgewonnen, aber der Dichter wußte doch den hohen sittlichen Gehalt derselben hervorzuheben und mit einer warmen Empfindung aufzufassen. Als Beispiel setzen wir hier das Gedicht her: Rabbi Löw. Zur Neige geht mit Schalle Der laute Sommertag: Des Mondes Heller Schimmer Bedeckt das alte Prag.

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