Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1885)
- Date
- 1885-06-30
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
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426 gehören besonders die Cherubim, zu den Ausdrücken die vielen Anthropomorphismen. Wenn die Gegenwart und die in ihr emporgekommene wissenschaftliche Bearbeitung vor Allem von uns fordert, die Ideen jener Fundamentalschriften der positiven Religion ins volle Licht zu stellen und in die inneren Tiefen derselben uns zu versenken; wenn wir insonders zu beobachten haben, welche Höhe und Weite diese Ideen erreichten, und wo etwa die Grenzen liegen, bis zu denen sich die Auffassung und das Berstandniß erstreckten — so werden uns jene symbolischen Gestalten und Ausdrücke zu einer sorgfältigen Prüfung nöthigen. Ganz besonders machen die Cherubim hierauf Anspruch, weil sie in den Cultus selbst hineingezogen worden, also für die Phantasie des; Volkes gewissermaßen sanctionirt waren. Wir haben hier! dem Grundgesetze entgegen eine bildliche Darstellung mitten! im Cultus. Dies ist so auffällig, daß man die Frage nach der Stellung und Bedeutung derselben gar nicht umgehen kann. Allerdings gewahren wir, daß diese Cherubim durchaus zu keiner abgöttischen Verehrung verlockt, daß sie in dem ganzen religiösen Jdeenkreise des Volkes keine irgend bedeutende Stelle gewonnen haben, sondern nur in den Visionen und Poesien der Späteren eine Gestalt erhielten, welche der rein monotheistischen Vorstellung hätte Abbruch thun können, wenn sie in das Bewußtsein des Volkes eingedrungen wäre. Dies letztere war aber nicht der Fall. Denn im Cultus erschienen sie nur auf der Sühnplatte im Allerheiligsten und auf dem Teppich, der die inneren Wände des Heiligthums bedeckte, sowie auf dem Vorhang zwischen dem Allerheiligsten und dem Heiligen. Die ersteren bekamen also nur der Hohepriester, dre letzteren nur die Priester zu Gesicht. Der Vorhang. der^G Eingang zum Heiligen bedeckte, also von Hofe aus sichtbar war, hatte keine Cherubim eingewebt. Das Volk wußte also von ihnen nur aus den Worten der Schrift selbst. In gleicher Weise mar es mit den Cherubim im Tempel Solomons gehalten, obgleich hier die Darstellung der Cherubim von der mosaischen in mehreren Punkten abwich; nur im Allerheiligsten und Heiligen waren Cherubim vorhanden. Nach Jom. 21, 2 fehlten im zweiten Tempel die Cherubim, da auch die Buudeslaoe mit der Sühuplatte fehlte. Dagegen wird das. 54, 1. berichtet, daß gemalte Cherubim sich auch im zweiten Tempel befunden hätten, und daß man bei den Wallfahrtfesten vor dem Volke deu Vorhang vor dem Allerheiligsten aufgerollt und die Cherubim sehen ließ, die miteinander umschlungen gewesen. Wir gestehen, daß wir dieser letzter» Mittheilung keinen Glauben schenken, da dieses Aufrollen des Vorhanges vor dem Allerheiligsten und das Zeigen der Cherubim, sowie daß dieselben sich umfaßt hätten, den mosaischen Vorschriften schnurstracks widersprochen hätte. Und dieser Zweifel wird durch die mystischen Worte bekräftigt, welche mau dabei an das Volk gerrchret haben soll. Es ist eine Ausmalung aus späterer Zeit ohne reale Unterlage. Genug, auch im Cultus blieben die Cherubim außer Connex mit dem Volke. Um so leichter war es möglich, den Cherubim in der dichterischen Vorstellung und in Visionen ganz andere Gestaltungen und Bedeutungen zu verleihen, wobei wir doch auch bemerken müssen, daß die große Bision Ezechiels, in welcher fie eine hervorragende Stelle einnehmen, dem Volke unverständlich war und sogar demselben entzogen blieb, sodaß also auch von hier aus auf das Bolksbewußtsein kein Einfluß geübt ward. Erst in der Kabalah kamen sie zu einer wichtigen Geltung, was um so näher lag, als die Kabalah überhaupt den reinen monotheistischen Gedanken vielfach schädigte. Wir sehen schon hieraus, daß die symbolische Gestalt der Cherubim innerhalb der heiligen Schrift selbst eine Entwickelung hat. eine Geschichte, die wir jetzt näher ins Auge fassen wollen. Zuvor nur noch die Bemerkung, daß die Meinungen über die Etymologie dieses Wortes sehr verschieden sind. Am wenigsten zutreffend ist die talmudische (Suc.5,2). daß das i in mi; „wie" bedeutet und n*:- in Babylonien Jüngling bedeute, also „wie ein Jüngling". Auch die andere Meinung, rro sei eine Transposition für wie noch Levy in seinem Lexikon annimmt. „Berittener" (soll heißen: auf dem geritten wird), also der Träger der Majestät Gottes, denn gerade diese Vorstellung ist eine spätere. Delitzsch und Fürst (8. v.) leiten es von dem ungebräuchlichen :„packen, greisen, auch den Ackerboden auseinander reißen" ab, einem semitischen Wortstamme, das auch in außersemittschen Sprachen erscheint, im Sanskrit gribh, persischen giriften, griechischen yqvTtj yQv<p, deutschen griep, greif. Diese letztere Annahme stimmt mit der ursprünglichen biblischen Vorstellung am meisten zusammen. Zum ersten Male erscheinen die Cherubim bereits 1. Mos. 3, 24. An die Schöpfungsgeschichte knüpft sich die Geschichte der Entwickelung des 'Menschen, bis das Geschlecht Sem aus der Bölkergenealogie hervortritt. Der Mensch, wie er aus der Hand des Schöpfers hervorgeht, befindet sich in dem Naturzustände unbewußter Unschuld und unmittelbaren Naturlebens. Dieser Zustand wird in dem großartigen Bilde vom Paradiese gezeichnet. Dieser Naturzustand ist ohne Bewegung, ohne Veränderung, daher mit dauerndem Dasein verbunden, in welchem, weil unverändert, noch kein Keim des Todes vorhanden. Der Baum der Erkenntuiß und der Baum des Lebens stehen inmitten des Gartens Eden, aber unberührt vom Menschen. Mit der Erkenntniß würde die Bewegung, die Veränderung, der Tod eintreten. Da erwacht in dem Menschen die Sinnlichkeit, und mit dieser die Sünde, verbunden mit der Erkenntniß, d. h. mit dem Bewußtsein des Guten und des Bösen. Der Mensch ist aus dem Naturzustände unbewußter Unschuld herausgetreten, d. h. er wird aus dem Paradiese