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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-23 · Heft 26 (23.6.1885) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 26 (23.6.1885)
Date
1885-06-23
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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419 Pest, 4. Juni. Die „Köln. Ztg." vom 7. d. M. enthält unter obigem Datum eine höchst bedeutsame Correspondenz, auf welche wir umsomehr Gewicht legen, als es unfern Lesern noch erinnerlich sein wird, wie gerade die Pester Correspondenzen der Köln. Ztg. von offenbar antisemitischer Tendenz waren. Was der gegenwärtige Bericht über die ungarischen Juden aussagt, ist gerade das Gegentheil von den früheren Auslassungen, also ein beredtes Zeugniß für die verbefferte Ueberzeugung des Correspondenten. Die Correspondenz lautet: „Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß der Antisemitismus, der in Wien noch in Blüthe steht, in Pest und in Ungarn überhaupt im Niedergange begriffen ist. Ich will damit nicht sagen, daß die ungarische Gentry und der deutsche Bürger in Pest den ihnen nicht zu Gesicht stehenden Juden über Nacht liebgewonnen hätten; aber es läßt sich nicht leugnen, daß die ungarische Landesausstellung zu dem Ergebuiß geführt hat, daß die jüdischen Industriellen einen bedeutenden Antheil des. Erfolges für sich beanspruchen können und daß auch der jüdische Grundbesitzer in der Ackerbauhalle beachtenswerthe Erzeugniffe ausgestellt hat. Es ist heute eine handgreiflich erwiesene Thatsache, daß die ungarischen Juden nicht allein auf dem Handelsgebiete mit Erfolg und mit Nutzen für die Handelsintereffen Ungarns wirken, sondern daß sie auch an der Spitze jener gewerbthätigen Kreise stehen, denen Ungarn feine Fortschritte auf diesem Gebiete verdankt. Diesen Thatsachen gegenüber steht dann eine andere Thatsache im Vordergründe der hiesigen politischen Ereignisse, nämlich die Auflösung der antisemitischen Reichs tagspartei, eine Folge der Zerfahrenheit und Unfähigkeit jener politischen Gruppe, die vom Volke berufen wurde, den Antisemitismus im Parlamente und im Lande ofsiziell zu ver-! treten. Um gerecht zu sein, muß man gestehen, daß nichts allein die Verschiedenheit der Anschauungen oder der Umstand, daß die Mitglieder der Antisemitenpartei den verschiedenen! Parteischattirungen angehören, das einträchtige Wirken der! Antisemiten im Abgeordnetenhause unmöglich gemacht haben;! aber letztere lebten in der Ueberzeugung, daß sie in dem Kampfe, j den sie im Parlamente beginnen wollten, in allen Parteien! auf geheime Bundesgenossen rechnen dürfen. Das aber mar! eine Selbsttäuschung, denn die Judenfrage ist für Politiker und Publicum äußerst „langweilig" geworden. Die antisemitischen Zeitungen und Schriften blieben unbeachtet; die Christen wollten sie nicht lesen und die Juden auch nicht mehr, während letztere früher den größten Procentsatz der Leser der antisemitischen Literatur ausinachten. Hierzulande verläuft der Antisemitismus im Sande. Pest, den 7. Juni. (Privatmitth.) Mit dem Antisemitismus geht es hier allmählig auf die Neige. Das von Onody und Consorten gegründete antisemitische Blatt hat rasch zu erscheinen aufgehört; es war, wie die auseinandergesprengte Partei selbst eingesteht, nicht im Stande, sich einen Leserkreis zu verschaffen. Das Publikum interessirt sich nicht mehr für gemeine Schimpfereien, und die ungebildeten Klassen, welche sich von den vornehmen Hetzern zu Exccsien hinreißen ließen, büßen ihre Leichtgläubigkeit in den Gefängnissen. Während in Wien ähnliche Scenen, wie wir sie vor zwei Jahren bei uns erlebt haben, jetzt bei den Wahlen in ihrer vollen Rohheit i sich abspielten, kehrt bei uns der Friede langsam wieder zu-; rück. An diesem erfreulichen Umschwung hat die Landesaus-!stellung ihren wesentlichen Antheil. Tie Ausstellung, an! deren glänzendem Erfolg die jüdischen Industriellen den! Löwenantheil haben, zeigt jedem Besucher, wie die Juden zur! Ehre und zum Nutzen des Landes beitragen, ja daß ohne; sie nicht nur der Handel, sondern auch die Industrie des , Landes lahmgelegt wäre. Selbst in der Agriculturhalle sehen ' wir die Producte jüdischer Grundbesitzer in bedeutender Anj Zahl. — — Zu lebenslänglichen Mitgliedern des Oberhauses sind .zwei Juden nominirt: Der in weiteren Kreisen bekannte frühere Präsident des israelitischen Congreffes, Dr. Ignatz! Hirschler, eine Zierde der medicinischen Wissenschaft in Ungarn, und der Großgrundbesitzer Karl S v ab, der seit! fünfzehn Jahren dem Abgeordnetenhause und der ungarischen! Delegation angehört. Eine glücklichere Wahl hätte Tißa! nicht treffen können. Tie amtliche Ernennung dürste schon in der nächsten Woche erfolgen. Pest, 12. Juni. (Privatmitth.) Bor einigen Tagen hielt sich der Bestprimer Bischof Dr. S. Kovacs in Marczali auf und empfing unter anderen Deputationen auch die der dortigen jüdischen Gemeinde, welche ihm Dank sagte für den Hirtenbrief, den er zur Zeit den judenfeindlichen Bewegungen veröffentlichte. Bischof Kovacs antwortete hierauf Folgendes: „Ich habe mit Freuden gehört, meine Herren, daß die Veröffentlichung meines erwähnten Hirtenbriefes in Marczali nicht gerade vonnöthen war, weil hier die Confessionen in schönster Eintracht mit einander leben; seien Sie aber überzeugt, daß ich zu jener Zeit nicht nur als Oberhirt, sondern als Mensch handelte, indem ich es für meine Pflicht hielt, in der bekannten Weise vorzugehen. Ich versichere den Herren, daß es meiner Seele, so lange ich lebe, weh thun wird, daß die Aufwiegelung gegen Race und Religion in meinem Geburtsorte Zala-Egerßeg so große Dimensionen an-! nahm; andererseits aber thut es mir wohl, zu wissen, daß; dies ohne Wissen und Einwilligung des intelligenten Elements geschah, obgleich es gewiß ist, daß Nichts im Stande ist,; diesen Schandfleck von Zala-Egerßeg abzuwaschen. Ich erhielt I damals des Oefteren von Einzelnen und Corporationen anonyme Briefe, in welchen ich beschuldigt wurde, in den! Dienst der Juden getreten zu sein. Ties bestärkte mich je- , doch nur in der Ueberzeugung, daß der Antisemitismus ein 26*

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