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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-23 · Heft 26 (23.6.1885) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 26 (23.6.1885)
Date
1885-06-23
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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415 nicht der Fall gewesen. DaH aber weiß ich, daß sie durch! ihre erziehliche Thätigkeit eine civilisatorische Mission ausübt,! die erst fernen Geschlechtern zum Segen gereichen wird,! welche ihren Namen ehren und preisen werden. Sie wardie Erste, die den Typus des polnischen Juden würdig in die Literatur eingeführt hat. Und das ist ihre Originalität. Zwar haben schon früher Juden in Romanen und Lustspielen figurirt, aber sie bildeten fast nie den Mittelpunkt des Ge-! triebes und waren nie wahr und richtig geschildert. Entweder Nathan oder Shylok; ein Mittelding existirte vordem nicht. Auch in den deutschen Romanen nicht. Erst Elise Orzeszko hat den mustergiltigen Typus in ihren Romanen »Meier Ezofowicz", »Eli Makower", „Der starke Samson" u. A. geschaffen. Der all' diesen Schöpfungen zu Grunde liegende Gedanke ist der der geistigen Erlösung der Juden und ihrer Verschmelzung mit dem Polenthum, um so einen Bürgerstand zu schaffen, der die Zukunft des Landes verbürgen solle. Aber man darf nicht glauben, daß Elise Orzeszko eine einseitige Lobrednerin der Juden und des Judenthums ist. Sie kennt ihre Fehler und Schwächen sehr genau. Sie hat überhaupt eine Kcnntniß des Judenthums, um die sie mancher deutsche Rabbiner beneiden dürfte. Die Bibel ist ihr innig vertraut; vom Talmud spricht sie wie von einem guten Bekannten; selbst mit der Kabala geht sie wie mit einer lieben Freundin um. Wenn man die Schilderungen deutscher Romanschriftsteller liest, die sich mit den Juden beschäftigen, erstaunt man über die horrende Unkenntniß, die dieselben an den Tag legen. Ihre Juden effen am Versöhnungstage ungesäuerte Brode und schütteln den Palmzweig der Laubhütte im weißen Sterbekleide am Osterfeste — eine Vermischung der Begriffe und Ceremonien, wie sie nicht ärger gedacht werden kann. Liest man dagegen die Romane der Frau Orzeszko, so muß man sich ebenso verwundern über die genaue Kenntniß der Berhältnisse, der Lehren und Ceremonien, des Schriftthums und der geistigen Ideen, wie nicht minder der Kämpfe und Reibungen zwischen den verschiedenen Parteien der Altgläubigen, der Fortschrittlichen und der Ueberfrommen (der sogenannten Chasfidim). — Ueber das Weitere verweisen wir auf unsere Besprechung in Nr. 10, sowie auf das größere Stück, das wir aus diesem Romane »Die Geschichte des Städtchens Szibow" in unserem Feuilleton abegdruckt haben. Es scheint uns wünschenswerth,daß auch die übrigen Romane und Novellen der Verfasserin in's Deutsche übersetzt würden.-Wie sich bisweilen etwas zusammentrifft. Wir hatten eben in Nr. 23 den Leitartikel „über ein mosaischesGlaubensbekenntniß" in Druck gegeben, als uns Nr. 15 der „deutschen Rundschau" zu Händen kam, in welcher die zum jüngsten Geburtstag des Kaisers in der Berliner Universitäts- Aula gehaltene Rede des Prof. Ernst Curtius abgedruckt ist. Sie handelt über den Zehenten. Wenn Curtius spricht, so geschieht es stets mit klassischer Beredsamkeit. Seine Sätze gleiten in einem zugleich kräftigen und anmuthenden Rhythmus dahin. Er sagt stets viel Gutes und Sinniges, getragen von einer gründlichen und umfassenden Gelehrsamkeit. Wir freuten uns, in seiner Würdigung des Zehenten vieles zu finden, was wir in jenem Artikel ausgesprochen haben. Aber Curtius ist ein großer Bewunderer der Hellenen, und wenn sie den Zehenten von den Phöniciern überkommen hatten, so findet er in dem Gepräge, das die Hellenen ihm aufdrückten, eine rühmenswerthe Entwickeluug, und dies muffen wir ihm bestreiten. Er sagt: „Was im Volke Israel Ausdruck des persönlichen Verhältnisses zur Gottheit war, ist bei einem so politischem Volke, wie die Hellenen waren, zur Gemeindesache geworden; der Staat ist an Stelle der Individuen getreten, und dort, wo die staatbildende Kraft sich am reichsten entfaltet, ist auch der Zehente am vollkommensten in das Staatswesen ausgenommen." Hiermit war aber offenbar der Begriff und Zweck des Zehenten, wie ihn auch Curtius anerkennt, beseitigt, oder doch sehr abgeschwächt. Er sollte im Bewußtsein des Individuums den Zusammenhang des gewöhnlichen Lebens mit der Gottheit, die Verbindung; des Materiellen mit der Gottesidee bewirken und erhalten. Dies war der Fall, wenn jeder israelitische Landmann seine Erstlinge und Zehenten in fröhlicher Wallfahrt zum Tempel brachte und das Glaubensbekenntniß darauf ablegte. Die Hellenen aber übertrugen ihn auf den Staat und machten daraus einen Staatsschatz, aus welchem die Ausgaben des Staates bestritten wurden. Daß dieser Schatz im Tempel aufbewahrt wurde und zwischen den Vorständen des letzteren und des Staates eine Berechnung stattfand, konnte doch nur einen gewissen Schein aufrecht erhalten: der geistige und gemüthliche Gehalt, der religiöse Charakter war damit zerstört. Hof- und Dompredigers Stöcker wider den früheren verant- Deutschland.; wörtlichen Redacteur der „Freien Zeitung" Heinrich Bäcker Berlin, 14. Juni. (Privatmitth.) In der jüngsten Woche stattfand, bereits mehrere Tage andauerte und noch heute nahm Hierselbst die öffentliche Aufmerksamkeit eine Proceß-, nicht zu Ende ist. Verhandlung in Anspruch, die in Folge einer Anklage des Jncriminirt sind zwei Artikel aus Nr. 23U und 242

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