Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-23 · Heft 26 (23.6.1885) · p. Seite 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 26 (23.6.1885)
Date
1885-06-23
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227582--42720-3311299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Rumänen, sondern Moldauer und Wallachen war, sich mit den Juden sehr gut vertrug, so daß der bittere Haß, den es jetzt bisweilen bekundet, der jedoch seine eigentlichen Träger in der Regierung und in den Kammern hat, der Masse erst eingeimpft worden. Heißt doch eines derselben: „Weder Jude ohne Rumäne, noch Rumäne ohne Jude"; gestand doch ein anderes selbst dem Juden sein Recht zu, sagt ein drittes: „ Er plagt sich wie ein Jude", sowie ein ruthenisches Sprich' wort sagt: „Die Seele und der Jude wissen von keinem! Schlaf". Ein rumänisches Sprichwort sagt: „Ein galanter! Grieche, dummer Jude und ehrlicher Zigeuner sind eine Unmöglichkeit". Wir hätten gewünscht, daß der geistreiche Vers, auch ein anderes Moment in seiner Commentirung der Sprichwörter berücksichtigt hätte. Wir meinen nämlich, daß in diesen die Nationen nicht bloß ihre Meinung von den Juden und ihr Verhalten zu ihnen zeichnen, sondern auch sich selbst. Sie geben ihre eigenen Eigenschaften zu erkennen, was ihnen fehlt und was sie an Charakterzügen besitzten. Auch diese Serie tritt in trefflicher typographischer Ausstattung vor uns. — Prof. Sueß, der ausgezeichnete Geologe, hat seine phantastische Hypothese über die Sintfluth, die wir 1883 S. 600. 648. besprachen, in seinem großen Werke „Das Antlitz der doch mit den Tendenzen der großen französischen Romancitzre in vielen Fragen durchaus nicht überein, und mehrere ihrer Schriften sind geradezu gegen Werke der Sand gerichtet. Die Dichtungen der E. O. sind von bestimmter Tendenz, die sich in dreifacher Richtung abzeichnet. Die erste ist die. welche sich mit der Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft beschäftigt; die andere behandelt die namentlich für Polen sehr wichtige Frage der Emancipation der Juden; die dritte ist der Reform der Gesellschaft nach den Lebensbedingungen der Gegenwart gewidmet. Uns interessirt hier vorzugsweise die zweite Richtung, und Karpeles äußert sich darüber wie folgt: „Den interessantesten Einblick in die Werkstätte ihres dichterischen Schaffens gewähren uns aber die sogenannten Judenromane der Frau Orzesko. Man darf dabei nicht an unsere Verhältnisse denken, wo durch eine häßliche Agitation für eine Weile die sogenannte Judenfrage wieder künstlich aufgewirbelt worden ist, sondern man muß fiL die Verhältnisse in Polen und Rußland vergegenwärtigen, wo die Juden einen ansehnlichen Theil der Gesammtbevölkerung bilden und wo die Frage ihrer Emancipation, ihrer Assimilirung eine wahrhaft brennende ist. Wir kennen den polnischen Juden nur durch die verwahrlosten und schmutzigen Erde", nochmals abdrucken lassen, wo sie wer sich dafür in-' Exemplare der Gattung, die wir jahraus jahrein auf unseren teresfirt, Nachlesen kann. — Wir haben in einem Leitartikel! Straßen betteln sehen. Gern ist man geneigt, nach diesen in Nr. 10 über einen sehr merkwürdigen Roman „Meier! die ganze Species zu beurtheilen. Da kommt aber die Dich- Ezofowitz" von E. P. Orzeszko berichtet, und sicherlich terin, die ein warmes Herz für die Leiden der Menschheit werden unsere Leser es gern sehen, etwas Näheres über die! und jedes einzelnen Individuums hat und sagt uns: „Ihr Verfasserin zu vernehmen. Ein Aufsatz „Die polnische George , irrt gewaltig, wenn ihr nach der abstoßenden Außenseite diese Sand", von Gustav Karpeles verfaßt, in der jüngsten! Nummer der „Gegenwart" belehrt uns hierüber, und zeigt! uns zugleich, daß der gedachte Roman nur ein Glied einer! längeren Reihe von Produktionen derselben Tendenz ist. Um! so näher liegt es uns, einige Notizen aus diesem Aufsatz herauszuheben. Wir haben hier also eine Dame, und zwar eine die höchste Achtung gebietende vor uns, die richtiger Orzeszkowa nach polnischem Gebrauche zu benennen ist. Sie ist 1847 bei Grodno in Litthauen von wohlhabenden Eltern geboren, verbrachte ihre schönsten Jugendjahre im Kloster, und von diesem aus trat sie in die Ehe mit einem litthauischen Gutsbesitzer. Die Ehe war glücklich, aber der polnische Ausstand zerstörte ihr Familienglück. Ihr Mann wurde nach Sibirien verbannt und das Vermögen eonfiscirt. Aber Elise Orzeszkowa ließ sich nicht beugen. Sie betrat die literarische Laufbahn, gründete in Wilna eine Buchdruckerei, und ist unermüdlich seit *0 Jahren mit der Schöpfung größerer und kleinerer Romane, Novellen, Erzählungen, Skizzen und politischer und socialer Abhandlungen in polnischer Sprache beschäftigt. Man kann sagen, daß sie mehr als jeder Andere die polnische Literatur von Neuem belebt hat. Wenn man sie die polnische George Sand genannt hat, so stimmt sie Menschen beurtheilen wollt! Hinter diesem schmutzigen Kaftan steckt ein glühend heißes Herz voll Patriotismus und Liebe; in diesem wildbewachsenen Kops ist vielleicht mehr Idealismus und Klugheit als in den Gehirnen mancher philosophischen Fakultät zu finden. Tretet nur näher heran und helft, dieses Volk zu befteien und aus den Banden der Jahrtausende zu erlösen. Hört ihn, wie er mir der gefangenen Sulamit seines „hohen Liedes" klagt: „Blickt mich nicht an, denn die Sonne hat mich gebräunt. Blickt ihn nicht an, denn die Fülle des Leidens hat ihn entstellt". Zu den Mühseligen und Schmerzbeladenen aber steigt sie selbst, die vornehme Dame, von ihrer geistigen Höhe hinab in die engen schmutzigen Gassen des polnischen Ghetto und ruft ihnen zu: O armes Volk! Thu ab das Staubgewand der Jahrtausende, Du müder Wanderer! Sieh, dort scheint die Sonne hell und warm; sie lockt Dich zu den Menschen da draußen, die Deine Brüder sind und bleiben werden! Hülle Dich in das Glanzgewand der neuen Zeit, die gekommen ist nach der Verheißung Deiner göttlichen Seher und die Dich aufnehmen wird in den Bruderbund der gesammten Menschheit! — Ich weiß nicht, ob die Dichterin, die sich eine solche hehre Mission erwählt, hüben und drüben mit derselben Erfolge erzielt hat. Ich fürchte fast, daß dies

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.