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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-23 · Heft 26 (23.6.1885) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 26 (23.6.1885)
Date
1885-06-23
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413 und da boten die Israeliten einen willkommenen Ersatz, wenn man sie ihrer bisherigen Rechte und Freiheit beraubte. Dieses eigentliche Motiv Pharao's bestätigt sich auch aus dem weiteren Verlaufe. Aber auch ein Despot bedarf einer scheinbaren Rechtfertigung, und diese verschaffte die Vermehrung der Israeliten — wobei nicht zu übersehen, daß nach Herodot auch die Aegypterinnen sehr fruchtbar waren. Um nun dem Volke die Beschränkung der Vermehrung anschaulich zu machen, erließ Pharao seine bekannten, grausamen Befehle: die Knaben sollten getödtet werden. Hierdurch wäre die ganze Nation der Jvrim ausgerottet worden sein, und es käme abermals die Frage herein, warum er sie nicht lieber hinausziehen ließ oder hinausjagte? Sehen wir aber genau zu, so sind diese Befehle mehr scheinbar als auf wirklichen Erfolg berechnet. Zuerst werden zwei Hebammen zu heimlichem Mord aufgefordert — zwei für eine ganze Nation: Und doch werden diese zwei namentlich aufgeführt. Dann sollen die neugeborenen Knaben in den Nil geworfen werden — das konnte doch nur auf diejenigen Jvrim angcwendet werden, welche am Nile wohnten, während doch die Hauptmasse in Gosen ansäffig war, wo auch Pithom und Ramses lagen. Allervings wurde dieser schreckliche Befehl längs des Nils ausgeführt, wie der Vorgang bei der Geburt Moses bezeugt. Aber ein umfänglicherer Einfluß konnte nicht erzielt werden, und dies lag auch in der Absicht Pharao's, der sich seine Frohnknechte erhalten wollte, die ihm nun auch Canalbauten und Feldarbeiten ausführen mußten und deren Lastarbeit er immerfort vermehrte. Diese kurze Erörterung fügten wir hier ein, um hervorzuheben, daß die Vorgänge im Pharaonischen Aegypterlande mit allen späteren Judenverfolgungen in gar keiner Parallele stehen, gar keine Analoga mit den letzteren haben. Diese finden wir vielmehr in den alexandrinischen Ereigniffen mit denen, die wir in Berlin zu beklagen hatten. Dem Verfaffer gelang es auch, die Emeuten in Alexandrien in Ursachen, Urhebern und Verlauf recht bündig und drastisch zu zeichnen. Aber was er unterließ, das war die völlige Verschiedenheit, die dennoch zwischen den Vorgängen in Alexandrien und denen in Berlin stattfand, darzulegen. Alexandrien wurde von dem antisemitischen Pöbel und Raubgesindel unter Begünstigung des Präfekten Flaccus vollkommen beherrscht, das Judenviertel geplündert und niedergebrannt, von den Juden zahlreiche Mafien getödtet. In Berlin jedoch lief Alles harmloser ab: einige Schimpfereien und Keilereien, welchen von der Polizei ein schnelles Ende gemacht wurde, waren Alles. In Alexandrien machte sich keine einzige Stimme zur Bertheidigung der Juden lautbar, während in Berlin die angesehensten Männer sich alsbald gegen die schmähliche Agitation erhoben und aussprachen, eine Agitation, die sich schließlich als Wahlmanöver entpuppte, und gerade als solches gänzlich Fiasco machte. Dies sind denn doch Unterschiede, die den Anspruch auf Parallelismus vollständig verneinen. Ueberhaupt können wir uns der Bemerkung nicht enthalten, daß, wenn man immer und immer wieder die Geschichte der Judenverfolgungen ausmalt und ihre Schrecknisse schildert: so sollte man doch nicht unterlaßen, auch eine Geschichte des Widerstandes zusammenzustellen. den diese inhumane und brutale Tendenz zu allen Zeiten, auch im Mittelalter nicht allzuselten, in dem besseren Theile der Menschen gefunden. Es werden sich da viele tröstliche und versöhnende Momente finden und sich ein richtigeres Bild, das der Wahrheit der Geschichte mehr entspricht, entwerfen laßen. Selbst in Alexandrien wurde die Ruhe wieder hergestellt, der Präfekt Flaccus wurde abgesetzt und ein Jahr daraus hingerichtet, und der Grammatiker Apion wanderte ruhelos umher und starb im Elend. Ueberhaupt müssen wir sagen, daß die Berlin betreffende Partie des Buches sehr mangelhaft und unzureichend ist. Dahingegen heben wir anerkennend hervor, daß es dem Verfasser nicht bloß um die Schmähung unserer Gegner zu thun ist, sondern daß er auch die Fehler und Schwächen der Juden darlegt. Seine Schrift genügt also als „historisch-kritische Parallele" in keiner Weise, zählt dagegen zu den bemerkenswerthen Schriften gegen den Antisemitismus. Literarischer Wochenbericht. In den Jahren 1881 und 1882 gab Herr vr. A. Jellinek zwei Hefte heraus: „Der jüdische Stamm in nichtjüdischen Sprichwörtern", in welchen er Sprichwörter aus den verschiedenen Sprachen zusammenstellte und ausführlich commentirle. Wir haben darüber Jahrg. 1881 S. 524 u. 1882 S. Illö referirt. In diesen Tagen erschien die dritte Serie (Wien, Bermann und Altmann 1885). Ter Verf. bietet uns zwei französische, sünf italienische, vier rumänische und acht slavifche Sprichwörter, denen er jedoch bei Gelegenheit noch andere hinzufügt. In einem Anhang citirt er eine Stelle aus Dante, welche eine talmudische Stelle trefflich illustrirt. Im Ganzen muß mau bekennen, daß die meisten dieser Sprichwörter ohne Geist und ohne Witz sind, einige brutal, namentlich die aus der Ukraine, und umsomehr ist der Scharfsinn und die Geistesgewandtheit des Verfassers anzuerkennen, mit welcher er die Sprichwörter erläutert und aus ihnen einen Gegenstand spannender Erörterung zu machen versieht. Tie Spitze ist meist gegen den gegenwärtigen Antisemitismus gerichtet. Der Vers, kennt die Mängel und Schwächen seiner Glaubensgenossen, die er nicht verhehlt, sondern bisweilen scharf geißelt; aber auch ihre Vorzüge, die er den Gegnern gegenüber mit Nachdruck geltend macht. Interessant ist es, die rumänischen Sprichwörter zu lesen, welche bezeugen, daß das rumänische Volk, als es noch nicht

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