Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1885)
- Date
- 1885-06-23
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Hiervon machen nur einige wenige spätere, bei den bitteren | denn in einer gründlichen „historisch-kritischen" Arbeit ist der Verfolgungen des Mittelalters entstandene Gebete um Ber-> rhetorische Wortschwall, die oftmalige Wiederholung desselben geltung an den blutgetränkten Feinden eine Ausnahme, und j Gedankens, wie sie auf der Kanzel angebracht ist, eher störend find diese gegenwärtig bei der Mehrzahl der Gemeinden ge-! strichen. — Wir sagen hiermit wahrlich nichts Neues, und wenn die Urheber und Verbreiter jener Begriffsverwirrung Wahrheitsfreunde wären, hätten sie es selbst längst zugestanden. So find auch wir genöthigt, immer wieder darauf zurückzukommen, noch dazu da es jetzt Juden genug giebt. welche ihre Religion so mangelhaft kennen, daß sie nicht selten in Gefahr stehen, in die von unfern Feinden gestellten Fallen zu gerathen. Von Heliopolis nach ßerlin. Vom Beginne der jüngsten antisemitischen Bewegung an haben wir stets darauf hingewiesen, daß dieselbe nicht als ein Product unserer Zeit anzusehen sei, sondern als ein weiterer Ausläufer der durch die ganze Geschichte der Juden sich hindurchziehenden Feindseligkeit. Gerade aus diesem Gesichtspunkte konnte man auch sicher sein, daß diese Bewegung nicht minder wie die vorangegangenen einen gewissen Verlauf nehmen und wie zuerst in auf-, bald auch wieder in absteigender Linie vorübergehen werde. Kommt es hierbei doch nicht auf irgend ein Residuum an, das in den Gemüthern zurückbleibt: ebenso wenig wie irgend eine Garantie geboten ist, daß eine ähnliche Erscheinung nach einem längeren Zeitraum nicht abermals erstehen könne. Aus diesem Grunde müssen aber die ursächlichen Momente für die jetzige Bewegung genau geprüft, die Träger derselben scharf ins Auge gefaßt, die Grenzen, die sie erreicht, der Widerstand, den sie gefunden, die Mittel und Wege, die sie benutzt hat, und der Ausgang, den sie allmählich nimmt, sorgfältig erforscht wer- und hinderlich. Aber auch mit dem Titel „historisch-kritische Parallele" können wir uns nicht einverstanden erklären. Der Verfasser beginnt nämlich mit der Knechtschaft der Israeliten unter Pharao von Heliopolis aus; schließt hieran die Judenverfolgung in Alexandrien; wirft dann einen Blick auf die mittelalterlichen Hetzen und kommt schließlich zum jüngsten Antisemitismus in Berlin. In die einfache Erzählung im ersten Kapitel des 2. Buches Moses schiebt er nun eine Rathsversammlung unter dem Vorsitz des Pharao ein, um die Meinung seiner Räthe über die „Judenfrage" zu hören, und weiß in höchst geschickter Art hier eine mit scharfer Satire gewürzte Darlegung aller der Behauptungen und Gründe, welche die modernen Antisemiten vorgebracht und eine nachdrückliche Widerlegung derselben anzubringen. Die Anklagen legt er den fanatischen, vom ägyptischen Götterglauben und pfäffischen Aberglauben überfließenden Priestern, Hofpriestern des Pharao in den Mund, während die Bertheidigung von den Führern der Kriegerkaste erbracht wird. Es versteht sich, daß hierbei der historische Hintergrund vollständig verschwindet, ja die ägyptischen Verhältnisse und die damaligen Zustände des israelitischen Bolksstammes werden geradezu auf den Kopf gestellt. Wir erkennen an, daß diese Piece an sich ein Meisterwerk ist, wo Witz, Humor und scharfsinnige Erörterung sich die Hände bieten. Aber historisch-kritisch ist das durchaus nicht, und die ganze Schilderung sticht von den im Lapidarstil gefaßten Sätzen der Bibel, die am Anfänge und zum Schlüsse citirt werden, allzusehr ab. Dabei fehlt es selbst an der psychologischen Motivirung, mit der! wir den biblischen Bericht zu ergänzen haben. Was Pharao den. Nun, diese Arbeit steht noch zu erwarten. Den ersten > zu seiner grausamen Behandlung der Jvrim als Grund an- Gefichtspunkt aber, nämlich den Zusammenhang mit vergangenen Zeiten sucht eine eben erschienene Schrift des Stadtrabbinenvr.S.L. Schwab ach er in Odessa (Schultze1885) anschaulich zu machen, deren Reinertrag „zur Gründung eines Baufonds der Talmud-Thora" daselbst bestimmt ist. Nicht gerade zur Ehre der großen Odessaer Gemeinde gereicht es, eine so beschränkte, gemiethete Räumlichkeit für diese Volksschule zu haben, vaß im vorigen Winter 5—600 arme Kinder abgewiesen werden mußten und ohne Unterricht blieben. giebt, die Furcht, welche ihm die Vermehrung der Israeliten einflöße, ist ebenso nur vorgeschützt, wie die deutschen Antisemiten der großen, deutschen Nation eine grausige Furcüt vor dem einen Procent Juden, der in ihrer Mitte lebt, einflößen wollten. Denn warum spricht er schon anfangs die Besorgniß aus, die Jvrim könnten gelegentlich aus „dem Lande hinausziehen"? (>-^> ist das bezeichnende Wort für das Hinausziehen aus Aegypten.) Warum weigert er sich so hartnäckig, sie ziehen zu lassen? Warum verfolgt er sie Schwabacher hielt deshalb einige Vorlesungen zur Beschaffung mit seiner ganzen Heeresmacht, um sie zurückzuholen? Also eines Baufonds, und aus diesen ist die vorliegende Schrift; Furcht, die ihm das arme Hirtenvolk auch nicht einstößen entstanden, welche betitelt ist: „Von Heliopolis nach Berlin i konnte, war es nicht. Vielmehr einfach die Absicht, sie sich oder die Verwandtschaft ferner Jahrhunderte, eine historisch-; durch ihre Frohndienste nutzbar zu machen. Die Pharaonen kritische Parallele." Der Verfasser entschuldigt deshalb den! beuteten bekanntlich die Bolkskraft zu ihren Bauten aus, starken rhetorischen Anflug, den seine Schrift behalten hat,? theils Prachtbauten, theils Festungen und Magazinen. Wahrda ihm zur Umarbeitung die Zeit gefehlt. Und wir gestehen! scheinlich fing es in der ägyptischen Masse an Frohnknechten, offen, diese rhetorische Stärke ist eine Schwäche des Buches; [ die zu Hunderttausenden hingeopsert wurden, zu fehlen an