Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1885)
- Date
- 1885-06-23
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
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411 einen Zornes- und Rachegott anbeteten, natürlich um sie den Christen gegenüberzustellen, welche nur einen Gott der Liebe verehren. Wir wollen davon absehen, inwiefern Juden und Christen diese einander gegenübergestellten Glaubenslehren im wirklichen Leben bethätigten; die Lehre kann ja oft nichts für! die ihr widersprechende Handlungsweise ihrer Bekenner. Aber > es wird einleuchten, wenn wir diese ganze Behauptung als! eine absichtliche Täuschung bezeichnen. Man wird sich auf j einige Ausdrücke in der heiligen Schrift berufen. Aber wer> berechtigt unsere Gegner gerade diese wenigen Stellen als die eigentliche Lehre der heiligen Schrift und als die aus derselben gezogene Lehre des Judenthums hinzustellen? Die heilige Schrift ist vielmehr Geschichte der Offenbarung, und kleidet ihre Lehren in dieses geschichtliche Gewand ein. Wir müffen daher wohl unterscheiden, was Aussprüche aus besonderen Situationen, in speziellen Momenten, und was als allgemeine und ewige Wahrheiten übergeben wird. Die hier und da vorkommenden Ausdrücke von Zorn und Rache Gottes, an sich anthropomorphistisch, haben immer nur den Zweck nachdrücklicher Verwarnung und Bedrohung der Straffälligen und Abtrünnigen, oder sind, wie in den Psalmen, der Hülferuf des verfolgten und fast erdrückten Gerechten, der die göttliche Vergeltung zu seiner Rettung und Befreiung anruft. Was die höchsten Lehraussprüche betrifft, so erscheinen sie stets eingekleidet und hervorgehoben durch eine besondere Einleitung. Sie werden gewiffermaßen durch einen besonderen Vorgang aus der Maffe des Gelehrten und Verkündeten hervorgehoben, um eben als allgemeine und unumstößliche Wahrheit gekennzeichnet zu werden. So die noachidischen Gesetze nach der Sintfluth (1. Mos. 4); so die; Desinition vom Wesen Gottes in der Einsamkeit des Choreb (2. Mos. 3, 14); so die Verkündigung der Zehn Worte; fo; insbesondere die große Lehre: „Der Ewige, der Ewige, Gott! barmherzig und gnädig, langmüthig und von unendlicher Huld und Treue; bewahrend Huld den Tausenden, vergebend Sünde, Miffethat und Schult», läßt aber nichts unbestraft." (2. Mos. 34, 5.) Hier überall ist es eine besondere und erhabene Scenerie, welche der Verkündigung den Stempel allgemeiner Wahrheit aufprägt. In den späteren Schriften erscheint dies noch einige Male: so bei der ebenso tiefsinnigen wie hochpoettschen Verkündigung an den Propheten Elijah, den „Eiferer", (s. V. 10): Der Ewige ist nicht im „großen, starken Winde, Berge zerreißend und Felsen zerschmetternd, und nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im sanften Säuseln ist der Ewige (l.Kön. liJ, 11); so im Buche Hiob. (4,12 ff.) Diesen großen Offenbarungen gegenüber haben gelegentliche Aeußenmgen und Ausdrücke nur einen sekundären Werth. Wenn wir nun auf die eigentliche Lehre der heiligen Schrift und des Judenthums über den beregten Gegenstand eiugehen, so ergiebt sich uns Folgendes. Unsere heilige Schrift huldigt nicht irgend einer Sentimentalität, nicht einer einseitigen Phantasterei, sondern sie erfaßt überall das wirkliche Leben und sucht es mit der Gottesidee und der Sittlichkeit zu durchdringen. Sie macht daher alle wirklichen Lebensverhältnisse, alle Schichten und Lagerungen, alle Faltungen und Gefüge des menschlichen Daseins zum Boden ihrer Thätigkeit, um sie mir Erkenntniß und Pflichttreue zu erfüllen und aus dem Materiellen zur Höhe des Göttlichen zu erheben. Die im Menschen und seinem Dasein sich kundgebenden Gegensätze nimmt sie als wirklich bestehend auf und will sie ausgleichen und versöhnen. Wie es sich daher in der Geschichte der Völker und im Leben des Einzelnen in unzähligen Fällen offenbart, lehrt sie die göttliche Gerechtigkeit und Vergeltung zugleich mit der göttlichen Barmherzigkeit und Versöhnung. Faßt sie Beide als Eigenschaften Gottes, so sieht sie dieselben im Wesen Gottes zur höchsten Harmonie vereint, an sich eines und daffelbe. Denn die Gerechtigkeit, wie sie Gott vollzieht, ist ebenso ein Akt der Barmherzigkeit, wie die letztere ein Akt der höchsten Gerechtigkeit. Die göttliche Vergeltung, dem menschlichen Sünder als Strafe angedroht, ist doch keine Strafverfolgung, sondern dient zur Ausgleichung der sittlichen Weltordnung und zur Läuterung des Sünders. Tie göttliche Barmherzig- , feit ist allen Sündern sicher, jedoch nur bei reuiger Umkehr, nicht auf dem Wege formaler Buße, sondern gerechter That.! Dies ist die eigentliche Lehre, wie sie in der angeführten i Schriftstelle ausgesprochen und wörtlich von mehreren Propheten wiederholt wird. Alle Bücher der Schrift reden deshalb von der Strafe des verstockten Sünders in den unmittelbaren, oft durch Geschlechter hindurch nachwirkenden Folgen der Schuld, die jedoch für die, ihr Vergehen erkennende Seele vergeben und ausgelöscht wird; und andererseits reden sie von dem Lohne, welcher für treue Pflichterfüllung und Tugend trotz mannigfaltiger Prüfungen, des Gerechten und GottesfÜrchtigen harret, und dessen Folgen sich wiederum zum Segen über ganze Geschlechter breiten. Daß also bei dieser r.'ehre Ausdrücke vom göttlichen Zorn und Rache eben nur eine momentane, in der Situation gelegene Bedeutung haben, ist klar. Ziehen wir nun das nach biblische Judenthum in Betracht, so ist es obiger Lehre durchaus treu geblieben, wenn auch in etwas realistischerer Auffassung. Es lehrt ausdrücklich die zwei Eigenschaften Gottes: r~2 und r~2 rcT* in agadischer Fiktion sieht cs für jede der beiden einen himmlischen Thron aufgerichtct (.-21) und knüpft die Barmherzigkeit an den Gottesnamen und die Gerechtigkeit an zttn. Man braucht nur das jüdische Gebetbuch durchzulesen, um zu gewahren, wie durch alle Gebetstücke der Strom der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit hindurchfließt und gerade die heiligsten Gebete sich au den „barmherzigen Vater und Lenker der Welt" richten, und selbst nicht der Untergang der Sünder, sondern das Aufhören der Sünden erfleht wird.