Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1885)
- Date
- 1885-06-23
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 einen eigenen Gott, und alle Bewohner Ungarns sind eigentlich verpflichtet, diesen „Gott der Ungarn" anzubeten. Wir wissen nicht, ob sich die Kroaten, Slovenen, Sachsen und Rumänen, die einen sehr ansehnlichen Theil des Landes der Stephanskrone bewohnen, diesem Verlangen bereits gefügt haben. Und nun wagen es diese Leute, den Juden einen Nationalgott vorzuwerfen, den sie Jehovah nennen! Freilich könnten wir verlangen, daß so ein ungarischer Volksvertreter mit der Bedeutung dieses heiligen Namens wenigstens oberflächlich bekannt sei. Jndcß auch die gerechtesten Forderungen werden nicht erfüllt, wo Haß und Vorurtheil den an sich schon beschränkten Geist verblenden. Was auch in neuerer Zeit an dem vierbuchstabigen Namen Gottes von den Grammattkern und Linguistikern herumgearbeitet worden, das unbefangene Urtheil gesteht schließlich ein, daß die Aussprache „Jehovah" sich grammatikalisch immer noch am besten vertheidigen läßt und der verloren gegangenen ursprünglichen Aussprache wohl am nächsten kommt. (S. z B. Fürst, hebräisches Lexikon, s. v.) Bekanntlich sprachen und sprechen die Juden dafür rpx „Herr". Daß dieser Gebrauch sehr alt ist, ersieht man aus den Septuaginta, wo stets mit avqioq „Herr" übertragen wird. Auch die Punktation ist davon entnommen. Uns bedünkt nun, daß man gerade dieses Wort gewählt hatte, weil es der eigentlichen Aussprache des 'rf am nächsten kam, so daß man wenigstens dieselben Vokale, aber andere Consonanten aussprach. Wie dem nun auch sei, die Bedeutung des Tetragrammaton kann nicht bezweifelt werden. Die H. Schrift selbst giebt uns die Definition (rr.-N tn ,t“n), also das Allseiende, das ewige, unveränderliche Sein, aus welchem durch den Schöpfungsakt alle Einzelwesen ihr Sein erhalten haben. Hiermit ist aber die allgemeinste Bezeichnung Gottes gegeben, der allgemeinste Begriff von der Gottheit ausgestellt, und mit diesem Namen Gottes war es unmöglich, an einen Nationalgott zu denken. Dieser Name dehnt das Wesen Gottes nicht bloß über alle Völker, über die ganze Erde, sondern auch über das gesammte Universum und alle Wesen in ihm aus. Dafür sprechen denn auch unzählige Stellen der heiligen Schrift von ihrer ersten bis zu ihrer letzten Seite, und eine andere Borftellung konnten die Juden aller Zeiten so lange nicht hegen, als ne Gott mit dem Namen anbeteten. Wir geben zu, daß sich das Volk Israel zu diesem allgemeinen, ewig unveränderlichen Gotte in ernem besonderen Verhältniß, in einer eigenthümlichen Beziehung dachte, beruhend auf der Thatsache, daß es unter allen Völkern des Alterthums allein — nach hartem Kampfe mit sich selbst und den heidnischen Gelüsten der Masse — diesen Gott erkannte und anbetete, von ihm Lehre und Gesetz erhalten zu haben glaubte und diese zu wahren und zu üben verpflichtet sei. Es hegte deshalb die Zuversicht, daß Gott in seiner Weltordnung, in welcher er jeder Nation ihre Stelle gegeben und ihre Aufgabe gesetzt,*) dem Volke Israel in dieser besonderen Beziehung Leitung und Beistand gewähre, ihm für seine Vergehen die Sttafe nicht erlasse, aber zu jeder Zeit es wieder aufrichte und ihm einen stetigen Fortbestand sichere. In diesem Sinne wurde dem 'n hinzugefügt „Gott Abrahams. Isaaks und Jakobs, Gott Israels", nicht als ein besonderer Gott dieser Erzväter und Israels, sondern als der Ewige, den Abraham, Isaak und Jakob, den das Volk Israel anbeteten. Bon einem Nationalgott kann also durchaus nicht die Rede sein, und so lange das Judenthum besieht, werden die Juden diesen „Jehovah" als einzigen Gott des Weltalls anbeten, und weder in Ungarn einen Gott der Ungarn, noch in Deutschland einen Gott der Deutschen, noch in Frankreich einen Gott der Franzosen anerkennen, sondern dies, und das bemerkt Tacitus richtig, als eine Entweihung des Gottesbegriffes ansehen. — Es war und ist immer das Schicksal der Religion Israels, daß Begriffsverwirrungen theils ihr absichtslos entgegengestellt, theils planmäßig gegen sie verbreitet wurden. Bemerkenswerth ist hierbei, daß diese feindselige Tendenz jedesmal am eifrigsten hervortrat, wenn das Judenthum seinen Gedanken- und Lehrinhalt der allgemeinen Welt näher zu bringen versuchte. Als in Aegypten, namentlich in Alexandrien, die Schrift ins Griechische übersetzt war und eine ganze Reihe jüdischer Philosophen, Dichter und Literaten die Lehren und Gesetze des Fudenthums in der Landessprache darzulegen und zu behandeln sich bemühte, da ereiferten sich viele Griechen gegen diese, ihrem Wesen gefährliche Erscheinung, und häuften, von Manetho bis Apion, die ärgsten Schmähungen gegen Judenthum und Juden, verdunkelten die Lehre und Gesetze durch tausendfälttge Entstellungen, durch Erfindung abergläubischer Wahngebilde und gänzlich unbegründete Behauptungen. Dasselbe geschah in Rom, und Cicero, Horaz, Tacitus und Juvenal deuten uns nur an, was wohl in mannigfaltigen Schriften in größerem Umfange dort geschehen war. Hierdurch wollte man den Einfluß paralysiren. welchen, wie sie selbst bekunden, das Judenthum in einigen Kreisen der römischen Welt, namentlich auch bei hochgestellten Frauen gewonnen hatte. — In der christlichen Welt war es von den ersten Kirchenvätern an bis zu unfern Tagen, und da erst recht, das Bestreben vieler christlichen Theologen und Schriftsteller, die möglich größte Begriffsverwirrung über das Judenthum zu verbreiten, und sie scheuten deshalb den Widerspruch nicht, die Lehre des Alten Testaments zu verunglimpfen, während sie dasselbe als Fundament ihrer eigenen Religion und als göttliche Offenbarung anerkannten oder vielmehr anzuerkennen gezwungen waren. Wir wollen heute nur e i n Beispiel herausheben. Sie insinuirten, daß die Juden nur 2) 5. Moses 32. 8