Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-23 · Heft 26 (23.6.1885) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 26 (23.6.1885)
Date
1885-06-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227582--42715-3311294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig •'< Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. Hl) und Oesterreich bei allen Postämtern, außervenr durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Di*. Ludwig Mlippson in Bonn. KXpeöiLiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten «ende man sich an Dt. Dhilippson in Bonn direct, in allen übrigen an die i BerlagShandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) stnd gleichfalls an letztere einzusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 23. Juni l88ö. ^No. 26. Jobalt. Leitende Artikel: Begriffsverwirrungen. — Bon Heliopolis nach Berlin. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Herford Lorwellingen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Krakau. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Bonn: Notizen.— Feuilleton: Philippe Edouard.— Vermischtes. £ei Öx-tvß cC. Bonn, 17. Juni. Hegriffsverwirruugeu. Im fünften Buche seiner Historien, im 4. und 5. Capitel, häuft Tacitus, der größte römische Geschichtsschreiber, (geboren 59 nach d. gew. Zeitr.) Spott und Schmähung aller Art gegen die Juden an, und verfällt dabei in die mannigfaltigsten Widersprüche, abgesehen davon, daß er seine Unkenntniß und Urteilslosigkeit durch seine eigenen Worte documentirt. Die dem Römer leicht anstößigen Sitten und Bräuche der Juden will er erklären, und bringt dabei das unsinnigste Zeug zum Vorschein, z. B. über den Sabbath, die Beschneidung u. s. w. Unter Anderm läßt er die Juden nur ungesäuertes Brod essen und sehr häufige Fasten halten. Er läßt sie Saturn und Bacchus verehren. Schließlich jedoch bemerkt er: „Die Juden erkennen nur einen Gott, und zwar allein im Geiste, an; Gott in einem Bilde aus irdischen Stoffen in menschlicher Gestalt darzustellen, erachten sie für eine Entweihung. Sie gewähren den Königen keine Anbetung, den Cäsaren keine göttlichen Ehren. Sie beten ein höchstes und ewiges, unveränderliches und unsterbliches Wesen an." Das nennt er absurd und roh. Sehen wir aber von dieser Begriffsverwirrung ab, daß die Juden den Saturn und Bacchus verehrt haben sollen, während sie nur ein einziges, höchstes, ewiges Wesen anbeteten: welchen Einblick eröffnet uns der Spott des Tacitus über diese Anbetung der einzigen. unveränderlichen Gottheit, im Geiste, ohne bildliche Darstellung! Was dem modernen Menschen als die höchste, aber auch einfachste Wahrheit erscheint, das konnte einem so hoch» gebildeten Römer nicht einleuchten, er findet es absurd und eines civilisirten Menschen unwürdig! Man erkennt hieraus, wie schwer es den Menschen überhaupt geworden, sich diesen einzigen Weltgeist und Weltschöpfer vorzustellen; und so zeigt uns dieser Ausspruch eines großen Römers, welches Verdienst um die Menschheit sich das Judenthum erworben hat, indem es ihr diesen Begriff von dem unbildlichen, nur im Geiste zu fastenden, einzigen und ewigen Gott überlieferte und zum Gemeingut machte. Niemand wird verkennen dürfen, daß uns ein Tacitus die ganze damalige gebildete römische Welt repräsentirt. und so ergiebt sich uns hieraus auch, welchen geringen Einfluß auf diese diejenigen griechischen Philosophen halten, welche auf metaphysischem Wege zur Vorstellung einer Gottheit gelangt waren, die sie sich allerdings nur mühsam construirten, sodaß dieselbe ohne Leben und ohne Wirksamkeit blieb, i)- Jndeß treffen wir auf gleiche Begriffsverwirrungen in! unserer Zeit. Wählen wir ein recht eklatantes Beispiel. In j einer der letzten Sitzungen des ungarischen Abgeordnetenhauses j rief ein Antisemit aus: „Diese Juden beten noch immer ^ihren Jehovah an, nicht ober den Gott der Ungarn!" Es wurde ihm dafür Beifall gespendet. Also die Ungarn haben 1) Bgl. unsere Abhandlung: „Die Aussprüche der griechischen Philosophen über Gott" in unserec isra litischen Rel'gionslehre Band I 2. 177.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.