Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1885)
- Date
- 1885-06-16
- Page
- Seite 401 (sequence 9)
- Language
- German
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401 sein Geld auszugeben für das, was ihm beliebt. In Berlin findet gegenwärtig eine „Pastoral-Conferenz" statt. In derselben wurde ein Bortrag „die Bekehrung der Pastoren" gehalten. Hieran knüpft der Judencommissär Pastor Daab Bemerkungen über „das Vcrhältniß der evangelischen Kirche zu Israel" an. Der Cnriosität wegen führen wir hier an, was hiesige Blätter über diesen Vortrag brachten. Der Redner führte aus: Es giebt kaum eine Frage, über die so viel Unfrieden in die Welt gesetzt worden ist. als über diese. Aus Brodneid wird den Juden zugerufen: „Hinaus!" Das ist des Christen Stellung nicht. Mit christlicher Liebe muß man die Inden behandeln. Den Juden aber gleiche Rechte mit den Christen einzuräumen, oder gar ihre Raffe hochzuhcben zum Schaden der anderen Völker, das ist nicht mit der Stellung des Christen vereinbar. Der Ruf nach Buße und Bekehrung muß der erste den Juden gegenüber sein. Wir müssen die Juden lieb haben um Christi willen, der aus dem jüdischen Volke hervorgcgangen ist. Dabei darf aber die Geduld nicht fehlen. Die Geduld, die Gott den Juden gegenüber gezeigt hat, der sie in allen Stürmen der Zeit nicht hat untergehen lassen, muß uns zum Beispiel dienen. Hat doch Gott auch Geduld mit uns. Hat er doch Geduld auch mit uns Pastoren; ein Pastorherz zu bekehren ist schwerer, als die Bekehrung eines Judenherzens. Und was fordert der Christ von deu jüdischen Proselyten. Sie sollen Heilige fein. Fällt dann ein solcher Proselyt, so wird die Schuld auf die Judenmission geschoben. Die Judenmission lebt von der Geduld der Christen, sie weiß, daß Geduld siegt, auch wenn es noch so schwer ist.' Man hält die Judenmission nicht für zeitgemäß. Die Berliner sind Erfahrungsleute; sie wollen Erfolg sehen, sonst geben sie nichts.! So geht cs der Judenmission. Meine Bitte geht dahin, daß die Amtsbrüder, die so viele Missionsfeste feiern, mehr der Judenmission gedenken. Für die Heiden und ihre armen Seelen ist zu Pfingsten gepredigt worden, an die Juden hat bei der Ausgießung des heiligen Geistes in den Berliner Kirchen Keiner gedacht. Hat Christus für sie gebetet, so sind wir seiner nicht werth, wenn wir es nicht auch thun. Zum Schluß bat der Redner um Abonnenten für das von Professor Strack herausgegebene Blatt für die Judcnmission „Nathanael."—Zu diesen „Bemerkungen" noch Bemerkungen zu machen, erscheint sehr überflüssig. Wie bunt sieht es in diesen Köpfen aus: Die „christliche Liebe" scheint ihnen nicht einmal bis zu Recht und Gerechtigkeit zu reichen, denn sie soll doch den Juden ihre bürgerlichen Rechte vorenthaltcn, also Ausschließung und Truck zu ihrem Bereiche rechnen! Rach jenem Bortrage theilte Pastor Häufig Erfahrungen aus seinem Leben als Juden Missionar mit. Es geht daraus hervor, daß diese Missionäre durch die Juden, die jene an Bibelkenntniß weit übertrcffen, oft in arge Verlegenheiten versetzen, so daß sie die Antwort schuldig bleiben. Er sagte: „Spötterei und Hohn und der „jüdische Kops" lassen deu Juden gern mit einem Christen in eine Disputation cingehen. Auf solche Disputationen darf man sich nicht einlasscn. Streitfragen für Disputationen werden in Rußland massenhaft fabricirt; man sucht damit die Missionäre in Verlegenheit zu führen, und nicht jeder kann gleich mit einer gebührenden Antwort dienen." (!) Auf diese Weise ist cs erklärlich, daß die Söldlinge der Missionsgcsellschaft durch ihre eigentliche Thätigkeit gar keinen Erfolg erzielen. Sie werden da, wo sie mit ihren Reden etwas erzielen wollen, aus dem Felde geschlagen, wie sie selbst zugestehen. — Der hiesige national-liberale Verein hielt eine Versammlung, wo die Erklärung abgegeben ward, daß er bei den Wahlen in keinerlei Verbindung mit Stöcker, Wagner und Cremer treten wolle. (Und anderswo?) Herford, 5. Juni. (Privatmitth.) Nachdem, wie bereits berichtet worden. Stöcker eine Gastrede in Köln gegeben, hat er sich auch unsere Stadt zum Schauplatz seiner Hetzthätigkeit gemacht und mehrere Borträge gehalten, in welchen er seine bekannten Schmähphrasen gegen die Juden, durch welche er die Volksleidenschaften hervorzurusen sucht, losgelaffen. Am folgenden Tage veröffentlichte die „Herforder Zeitung" einen vortrefflich abgefaßtcn Gegenartikel von Dr. Hulisch, der an Inhalt und Form nichts zu wünschen übrig ließ. Alles, was sich über Stöckers Treiben sagen läßt, ohne auch nur einmal die Grenzlinie des Schicklichen zu überschreiten, ist in diesem Artikel vorgetragen. Wir heben aus demselben einen Passus hervor, der eine jüngst ausgetretene Persönlichkeit betrifft. „In seinen einleitenden Worten versucht Stöcker von dem Borwurf, ein Judenhetzer zu sein, sich zu läutern und berief sich auf einen „hervorragenden Juden", den Dr. Man, welcher in dem christlich-socialen Verein zu Berlin in Vorträgen die Stöckerschen Ideen vertritt. Diese einzige durch einen Beweis erhärtete Behauptung von den vielen gegen die Juden gerichteten ist in soweit richtig, als thatsächlich ein Herr Dr. Simon May, von Herrn Stöcker gewonnen, für denselben eifrig Propaganda macht. Aber wer ist dieser Simon May? Nur einige Worte und das Bild dieses „ehrlichen, wahrhaftigen Mannes", dieser „Autorität", dieses „tüchtigen jüdischen Talmudisten", wie ihn Herr Stöcker in der Einführungsrede nannte, steht vor uns. Simon May trat, nachdem er in seiner Vaterstadt Breslau bis Untersecunda das Gymnasium besucht, in ein Ledergeschäft in Berlin ein, etablirte später in Grünau ein Hutgeschäft, fallirte und gab sodann, ohne Studium zum Doctor metamorvbosirt, als Dr. May eine fortschrittliche Korrespondenz heraus. Eben derselbe Herr „Dr." May erschien endlich eines schönen Tagcs aus der Bildfläche als jüdischer Antisemit, um durck» 'eine