Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1885)
- Date
- 1885-06-16
- Page
- Seite 400 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227581--42705-3311283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
400 %ei Kww cj ywac Deutschland. Berlin, 2. Juni. Hiesige Blätter berichten: Da nach : dem preußischem Gesetze, betreffend den Austritt aus den Synagogengemeinden, der aus einer Synagogcngemeinde Ausgeschiedene damit das Recht, auf dem Begräbnißplatze der Synagogcngemeinde beerdigt zu werde», verloren hat, so sind mehrfach Zweifel und Streitigkeiten darüber entstanden, ob die Leiche eines solchen auf einem christlichen Kirchhofe untcrgebracht werden müsse. Seitens der betreffenden Behörden wird — und zwar auf Grund einer Entscheidung der Minister des Cultus und des Innern — stets dahin verfügt, daß auch Israeliten, weil sie an den betreffenden Lasten theilnehmen i müssen, sich der Commnnalsriedhöfe zur Beerdigung von Leichen bedienen können, dagegen nicht dos Recht haben, die Ueberwcisung einer besonderen Abtheilung auf diesen Friedhöfen zur ausschließlichen Benutzung zu verlangen. Berlin, 3. Juni. (Privatmitth.) Lasten Sic mich meine Bemerkungen in Nummer 23 in etwas vervollständigen. Es war in den vierziger Jahren, wo ein aufrichtig freisinniger Geist durch die Welt ging, als auch eine Annäherung der öffentlichen Meinung an das Judenthum stattsand. Jüngere jüdische Kräfte hatten es unternommen, die wahren Principien des Judenthums auf dem dogmatischen, sittlichen und socialen Gebiete zu erörtern und ans Licht zu stellen, und cs war ihnen mehr oder weniger gelungen, diese Kenntniß in das größere Publikum zu bringen. Ich erinnere nur an Salvador's „Mosaische Institutionen", die, bald aus dem Französischen übersetzt, in Deutschland Eingang fanden, und an Ihre „Vorlesungen über die Entwickelung der religiösen Idee im Jndenthum, Ehristenthum und Islam, welche in englischer und französischer Uebersetzung erschienen. Damals übcrwog in der öffentlichen Meinung die freisinnige religiöse Richtung jede andere, ohne daß sich schon der Radicalismus und die zersetzende Wirkung der naturwissenschaftlichen Hypothesen geltend machen konnten. Man nahm daher die Darlegung der Lehren des Judenthums wohlgesinnt entgegen; man er kannte ihnen den Werth der einfachen Vernünftigkeit und der vollen Gesühlsbcfriedignng zu und erhoffte von ihnen einen nicht geringen Einfluß auf die Entwickelung der religiösen Anschauung. Während man gewohnt gewesen, nach den Insinuationen christlicher Theologen und Historiker das Judentbnm mit dem Entstehen des Christcnthums für abgestorben und überflüssig anzusehen und seinem Dasein seit jenem Zeitpunkte jeden weltgeschichtlichen Zweck, ja jede Existenzberechtigung abzusprcchcn; erkannte man jetzt, daß dasselbe durch die anderthalb Jahrtausende der Bedrückung und Lcrsolgung mannhaft den Kampf für die reine monotheistische Lehre bestanden und diese für die Zukunft der Menschheit erhalten habe, und daß die Principien des Mosaismus schon mit den Forderungen des modernen Geistes übereinstimmten. Wie anders ist es aber jetzt wieder geworden! Die revolutionäre Bcwegung von 1848 und die darauf eingetretene Erschlaffung der Geister und Herrschaft der Reaction schwemmten die religiöse Discnssion, das Interesse an den religiösen Erscheinungen hinweg. Der llltramontanismns und Pietismus erhoben wieder ihr Haupt und verbanden sich mit einander in der Bekämpfung des Judenthums, zu welcher sie jedes Mittel für recht hielten, sobald es auf die Masse zu influiren vermochte. Die eben ausgestreute und kaumkeimende Saat wurde zertreten. Man strengte alles an, um nicht allein die Achtung vor dem Judenthume wieder in alle Winde zu zerstreuen, sondern auch dasselbe in Mißachtung zu bringen und mit Schmach zu bedecken. So gelang es ihnen, den Antisemitismus auf den Markt zu bringen und ihm einen weiten Spielraum zu schaffen. Alles wurde daran gesetzt. aus den Schutthaufen der Vergangenheit Staub aufznwirbeln, der das Judenthum fingerdick bedecke und ihm so das Licht abznschnciden, das von ihm auszustrahlen begonnen hatte. Welcher Lug und Trug, welche falschen Citate und Verdrehungen dabei angewendet, welche mittelalterliche Wahngebilde wieder heraufbeschworen wurden, wir brauchen cs nur anzudeuten. Die Folge war, daß selbst in den Unbefangenen das Judenthum verdächtig wurde. Daß es diesem Complote so rasch möglich wurde, dies zu bewirken, das ist erklärlich, weil die Extremen in unserer Zeit herrschend wurden, zwischen denen jede Aufklärung, jede vorurtheilslose Prüfung, jede auf vernunftgemäßer Grundlage beruhende religiöse Anschauung zerrieben wurde. So traurig dies ist, so brauchen wir dennoch unsere Hoffnung auf die Zukunft nicht aufzugeben. Was einmal von Wahrheit und Recht als fruchtbarer Samen ausgestreuct ist, geht auch bei ungünstiger Witterung nicht zu Grunde. Jene dunkeln Mächte, die sich in ihrem Werke überhasten, kommen wieder in den Niedergang, sobald sie den menschlichen Geist und das menschliche Leben j allzusehr belasten. Es gilt nur, die ausgcpflanzte Standarte nicht zu verlassen und nicht fallen zu lassen! — Die Judenmissionäre spielen eine wenig bencidenswerthe Rolle. Bor kurzem wurde ihnen in den öffentlichen I Blättern erst wieder nachgercchnct, welche bedeutende Summe der Judenmission jeder von den zehn Juden kostet, die sic im vorigen Jahre bekehrt hat. Tie Missionsfreunde erwi-; derten dagegen, daß ja die große Ausgabesumme nicht blos!dcn zehn getauften Juden zugute gekommen, sondern daß dafür f>2 Missionäre mit Weib und Kind ernährt werden, i welche auch Bibeln austheilcn. Nun, es muß jedem freistehen,