Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1885)
- Date
- 1885-06-16
- Page
- Seite 399 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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369 treuer Jude. Seine ganze Lehre war, wie wir uns erinnern, I auf diesem Boden gewachsen, und welche Gestalt sie auch später annahm — wir müssen die Gründe ehren, durch welche' der Dahingegangcne mit Bewußtsein sein Denken und sein Thun als übereinstimmend nachwies. Uns besonders lag cs ob, diese Einheit zu begreifen und zu begründen, sie aus seinem gesammten Lebensgange als nothwendig sich ergebend darzulegen, um nicht mit der wohlseilen Erklärung davonzugehen, daß hier ein offenbarer, mit der menschlichen Schwäche und Empfindsamkeit zu entschuldigender Riß zwischen der Lehre und dem Leben Geigers hcrvortrete." „Er lebte aber in einer Zeit, wo die Glaubenszänkereien zu verstummen schienen, wo er Ungestraft seinen Stolz auf den angestammten Glauben kundthun und zugleich Hoffnun gen auf sein Wirken für deutsche Wissenschaft bauen konnte. In der Zeit des Werdens deutscher Einheit, als man in jugendlicher Begeisterung die Stammesgegensätzc zu verwischen strebte, ging er dahin; heute hätte er zuerst sein Judenthum entschuldigen, seine Berechtigung zu dcutschwissenschaftlichem Wirken, die jüdische Abstammung neben seinem deutschen Bewußtsein betonen und Beides für vereinbar erklären müssen. Ties ist ihm erspart geblieben." Wir haben die obigen Sätze ihrer Sonderbarkeit wegen wieder gegeben. Wir meinen, daß, wenn Lazarus Geiger treue Anhänglichkeit an den hergebrachten Bräuchen und Sitten des Judenthums während seines ganzen Lebens ausübte. cs dafür keiner Entschuldigung und Rechtfertigung bedürfe. Wir haben in allen Confessionen bedeutende Forscher auf Spccialgebieten mit ihrer Geisteshöhe einen streng kirchlichen Sinn verbinden sehen, wir erinnern z. B. an Johannes Müller. Ties verweist eine solche Erscheinung; auf das psychologische Gebiet, auf die im Gemüthe ruhende Mystik, die weder einer Erklärung fähig ist, noch einer Rechtfertigung bedarf. Ta aber in Obigem die Berrheidignng der Orthodoxie zu einem Angrifi gegen die Reform, gegen die Entwicklung des Judenthums in unsrer Zeit übergeht, so müssen wir dies, wenn auch nur kurz, beleuchten. Fraglich ist cs nur, ob der Berf. die wirklichen Ansichten L. Geiger'szutreffend wiedcrgicbt, oder nicht vielmehr unabsichtlich von feinen eigenen Meinungen cinschiebt. Denn, wenn L. Geiger „alle Gefühle verachtet hätte", selbst um einer Wahrheit willen, wenn er die ehrlichen Bestrebungen Andersdenkender „verlachte", so stimmte dies mit der übrigen Eharakterfchitderung, die der Berf. von dein Biographirten entwirft, wenig überein. Aber abgesehen hiervon, kommt hier so viel Mangel an Logik und so viel Widersprechendes zum Borschein, wie wir es nicht ohne Weiteres L. Geiger Zutrauen können. Wenn er meint, daß das Judenthum vorzugsweise ans die That dringt, so setzt die That jedenfalls die Lehre voraus; jene kann ohne diese nicht bestehen. Man wird doch dem Judenthume nicht ein instinctives, ein ohne Bewußtsein vollbrachtes Thun insinuiren wollen. Wenn nun ein Zeitalter der Intelligenz, der vernunftgemäßen Bildung den Hauptwerth auf den Lehr- und Gedankeninhalt legt, wenn es den Ursprung, die Geschichte, den Zweck und die Tendenz des Gesetzes zu erkennen verlangt und hieran auch den Maßstab der Verpflichtung anlegt, wer will es tadeln, oder gar verspotten deshalb'? Wenn das mit dem allgemeinen Kulturleben und mit dem bürgerlichen Leben in dessen ganzem Umfange in Verbindung gekommene und von ihm ergriffene Judenthum mit einer Menge alter Satzungen in Conflict gerathen, so kann dies zwar ein Gelehrter in feiner Studierstnbe, nicht aber Ter verwerflich finden, welcher die Menschen kennt und auf dem Markte des Lebens steht. Und ferner: L. Geiger, der tapfere Berthcidiger der Entwicklungstheorie, hat er denn nicht ge- 1 wußt, daß auch das Judenthum einen großen Entwicklungsgang durchschritten hat, daß z. B. das talmudische : Judenthum von dem prophetischen himmelweit verschieden ist, daß der ganze Opferkultus in Trümmer fiel und dafür ein Gebetkultus entstand, an welchem ein Jahrtausend gearbeitet hat; daß es eine Zeit gab, wo die Theorie: „Machet einen Zaun um das Gesetz" aufkam, und daß die Mehrheit der 1 hergebrachten Satzungen nur dieser Theorie wegen entstanden ist? Wenn nun nach den von L. Geiger selbst anerkannten Entwicklungsgesetzen das Juventhum unter den, von der Vorsehung ihm gegebenen Verhältnissen in einen neuen Entwickluugsproceß eingetreten ist, muß man es nicht als einen grellen Widerspruch mit sich selbst bezeichnen, wenn er diesen und die redlich in ihm zur Klärung und Erhaltung des Judenthums Arbeitenden „verlachen" wollte? Ter Verfasser muß dies wohl gefühlt haben, wenn er der Orthodoxie „eine unbewußte Selbstentwicklung" zuschreibt. Wie etwas „unwandelbar und doch sich stets entwickelnd" fein kann, begreifen wir nicht. Unwandelbar ist das Gcgentheil von Entwickelung. Was der Berf. vom „jüdischen Volksgeist, der sich aus sich selbst geleitet habe," und von den Bestrebungen derer „im Gelehrtentatare" sagt, zeigt wenig Kcnntniß von der Geschichte des Judenthums. Waren es doch „die Gelehrten", welche das ganze talmudische Judenthum geschaffen, entwickelt und durchgeführt haben, und der „Volksgeist" nahm daffelbe in sich aus. Auch ist bis zur neueren Zeit dieser Lolksgeist; stets von den Gelehrten geleitet, gebildet und gepflegt worden. Wenn der Berf. die Reform für „gefährlich" erklärt, so! glauben wir, daß es für ein, nicht durch eine hierarchische; Macht gebundenes, sondern in voller Freibeit bestehendes Religionsgcbände nichts Gefährlicheres giebt, als es das i Festnageln an mittelalterliche Gebräuche und Satzungen ist. > Wir wollen uns hiermit begnügen und meinen, daß; dieser Schlußtheil der vorliegenden Schrift der schwächste in j dem ganzen Werkchen ist.