Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1885)
- Date
- 1885-06-16
- Page
- Seite 397 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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397 schon der selige Wolff Heidenheim dahin erbrachte, daß das' bz cht in jeder Beziehung verpfuschtes Machwerk ist. Diesem und noch mehr den schlimmen Folgen gegenüber, die eben dieses Stück über uns brachte und leider noch immer bringt, drängt sich uns unwiderstehlich die Frage aus: „Wie kann ein gebildeter und gut dotirter Rabbiner auch nur sein trockenes Brot als verdient ansehen, solange er diesen Unfug duldet?" Ich verwahre mich ausdrücklich gegen die Unterstellung, mit diesem Borwurfe auch diejenigen Rabbiner treffen zu wollen, die gläubig, wie die Alten cs nur je waren, sich in Wahrheit fürchten, an dieses vermeintliche Heiligthum die Hand zu legen. „Achtung vor jeder ehrlichen Ucberzcugung'." und somit auch vor dieser, sei stets unsere Parole! Um so nachdrücklicher aber wendet sich unser Groll gegen die Menge derjenigen Rabbiner — und wir kennen sie sehr gut — die, die gerügten Mängel wohl einsehend, trotzdem und zwar ihrer lieben Ruhe wegen, es vorziehen, zu warten, bis — nun bis der Gemeindevorstand solches aus eigener Zuitiative anordnet. Wir haben in diesem Jahre in unserer Provinz es erfahren, daß eine kleine Gemeinde, wahrscheinlich durch die 'Nachbarschaft der angrenzenden intelligenten und größeren Schlesischen angeregt, den Muth gefunden hat, das 7: Stück durch ein anderes zu ersetzten, welches, obgleich nur ein Lückenbüßer, dennoch das Verdienst beanspruchen darf, jenes schädliche Stück verdrängt zu haben. Zugleich aber haben wir an der unweit dieser bclcgencn größeren Gemeinde der Provinz sehen müssen, wie cs dort trotz des besfereu Ersatzstückes des di, nur einer Nebenschule gelang, dieses zu verdrängen und zwar durch das energische Vorgehen des Vorstandes, während der Rabbiner jener Stadt lieber wartet, bis es ihm geheißen werden wird.— Daß hierdurch dem Antisemitismus Thor und Thür offen bleibt, nach wie vor au uns zu zerren und zu ziehen, weiß der Rabbi mindestens so gut als wir. Trotzdem aber wartet er lieber. — Wir stehen an der Schwelle des y.*c- 7, an welchem, vor circa 700 Jahren, zum ersten Male der unselige Wahn auftauchte, die Juden bedürften zu ihrem Pessachfeste christlichen Blutes. Infolge dieses Wahnes flössen Ströiue von Blut in Blois an der Loire am 20. Siwan 45.*ol 26. Mai 1171 und später, und leider noch heutzutage spukt derselbe nicht nur im Orient, sondern auch selbst im Herzen Deutschland-:''. Und für ihren Beruf vorgebildete und honorirte Leute können es über sich gewinnen, ruhig zuzufehcn, wenn ein hohler Gebetstheil beibehalten wird, der mehr als jener von einem notorischen Judenfeinde erfundene, resp. begünstigte Spuk, noch alltäglich durch seine täuschende Aehnlichkeit den Wahn zu nähren vermag: die Eide der Juden seien unwerth, weil von vornherein aufgehoben. Hat dieses *—'77 stück auch nicht gerade solche blutige Ausschreitungen erzeugt, gleich jenem Wahn, so verdanken wir dieses nur jenem selig-unseligen Ventil der Jahrhunderte lang bis in die Neuzeit getragenen Schande, unser Zeugniß, weil unglaubwürdig, vor gar manchem Gericht nicht anerkannt zu sehen. Bei der antisemitischen Strömung der Jetztzeit noch fernerhin ein solches Stück in unserem Gebetbuche fortwnchern zu lassen, mag verantworten, wer es kann. Ein dem Jndenthume geistig verantwortliches überhaupt sollte solches unserer Meinung nach nicht vermögen." Julius Hamburger in List'a. Literarischer Wochenbericht. Vielen unserer Leser wird der Name Lazarus Geiger, der Sohn des als hebräischer Schriftsteller im jüdisch-litnrgischen Fache bekannten Salomon Geiger zu Frankfurt a. M., 1 in ehrender Erinnerung sein. In voller männlicher Kraft, im 41. Lebensjahre durch den Tod 1670 hingerafst, hat er doch durch feine Schriften, namentlich durch fein Werk über „Ursprung und Entwickelung der menschlichen Sprache und Vernunft", sich große Anerkennung und viele Anhänger erworben. Bis zu ihm hatte noch kein Schriftsteller den Znsammenhang zwischen Sprache und Vernunft so klar erfaßt und in tiefsinniger Weise dargelegt. Längere Zeit galt sein System für unanfechtbar, und wenn dies jetzt auch nicht mehr der Fall ist, fo hat er doch auf diesem Gebiete einen Impuls gegeben und eine Bahn eröffnet, daß ihm ein bleibendes 'Andenken sicher ist. Es ist deshalb folgende Schrift dankbar anzuerkennen: „Lazarus Geiger. Seine Lehre vom Ursprünge der Sprache und Vernunft und sein Leben dargestellt von Ludwig A. Roscntha l.! Stuttgart, Scheible 1664.) Ter Vers, giebt im ersten Abschnitte eine klare und umfassende Darstellung der Ansichten Geiger'-?, und im zweiten schildert er uns die Persönlichkeit und Lebeneschicksale desselben. Mit wahrhafter Pietät, klarer Erkenntniß der Eigcnlhümlichkeiten in den Ansichten Geigers und mit psychologischer Feinheit, entwirft er uns das Bild des Autors und des Menschen. Nur das Eine hätten wir gewünscht, daß der Vers, sich etwas , eonciser gehalten hätte. Tie Lebensverhältnisse G.'s waren sehr einfach. Er wurde unter den 'Augen seines strenggläubigen Vaters in der Atmosphäre großen rabbinischen Wissens und treuester Anhänglichkeit an der Tradition erzogen und kehrte nach einem Aufenthalte in Mainz, wo er die nicht lange festgehaltcne Absicht hatte, die Buchhandlung zu erlernen, nach dem Paterhause zurück. Er wirkte später als Lehrer an der jüdischen Realschule und blieb unvermählt. An seinem Grabe sprachen der Tireetor 1K-. Burmald und sein achtzigjähriger Vater, der so große Hoffnungen und Lei-